Śrī Īśopaniṣad

Invokation

oṁ pūrṇam adaḥ pūrṇam idaṁ
pūrṇāt pūrṇam udacyate
pūrṇasya pūrṇam ādāya
pūrṇam evāvaśiṣyate
Synonyms: 
oṁ — das Vollständige Ganze; pūrṇam — völlig vollkommen; adaḥ — dieses; pūrṇam — völlig vollkommen; idam — die Erscheinungswelt; pūrṇāt — von dem Allvollkommenem; pūrṇam — vollständige Einheit; udacyate — wird hervorgebracht; pūrṇasya — vom Vollständigen Ganzen; pūrṇam — völlig, alles; ādāya — fortgenommen worden sein; pūrṇam — die völlige Ausgeglichenheit; eva — sogar; avaśiṣyate — bleibt.
Translation: 
Der Persönliche Gott ist vollkommen und vollständig, und weil Er völlig vollkommen ist, sind alle Seine Emanationen, wie zum Beispiel die Erscheinungswelt, als vollständige Einheiten vollkommen ausgestattet. Alles, was vom Vollkommenen Ganzen hervorgebracht wird, ist ebenfalls in sich vollständig. Weil Er das Vollkommene Ganze ist, bleibt Er die völlige Ausgeglichenheit, obwohl zahllose vollständige Einheiten von Ihm ausgehen.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Das Vollkommene Ganze, die Absolute Wahrheit, ist der vollkommene Persönliche Gott. Die Erkenntnis des unpersönlichen Brahman und auch die des Paramātmā (Überseele) ist eine unvollständige Erkenntnis des Absoluten Ganzen. Der Höchste Persönliche Gott ist sac-cid-ānanda-vigraha. Die Erkenntnis des unpersönlichen Brahman bedeutet nur die Erkenntnis Seines sat-Aspektes, d.  h. Seines Aspektes der Ewigkeit, und die Erkenntnis des Paramātmā, der Überseele, bedeutet die Erkenntnis Seiner Aspekte sat (Ewigkeit) und cit (Wissen). Die Erkenntnis des Persönlichen Gottes aber umfasst die Erkenntnis aller transzendentalen Aspekte, nämlich sat, cit und ānanda (Glückseligkeit). Wenn man die Höchste Person erkennt, erkennt man diese Aspekte in vollendeter Form. Vigraha bedeutet Form. Das Vollkommene Ganze ist also nicht formlos. Wäre Es formlos oder in irgendeiner Hinsicht geringer als Seine Schöpfung, könnte Es nicht vollkommen und vollständig sein. Das Vollkommene Ganze muss also alles innerhalb und außerhalb unserer Erfahrung Existierende beinhalten.

Das Vollkommene Ganze, der Persönliche Gott, birgt in sich ungeheure Kräfte, die alle ebenso umfassend sind wie Er selbst. Die Erscheinungswelt ist daher ebenfalls in sich vollkommen und vollständig. Die vierundzwanzig Elemente, aus denen sich unser materielles Universum zusammensetzt, sind so beschaffen, dass sie alles für die Instandhaltung des Universums Notwendige hervorbringen. Keine andere Wesenheit im Universum braucht sich darum zu bemühen, das Universum zu erhalten. Das Universum bewegt sich nach seinem eigenen Zeitplan, der durch die Energie des Vollkommenen Ganzen festgelegt ist, und wenn die vorgesehene Zeit abgelaufen ist, wird diese vorübergehende Manifestation durch die vollkommene Einrichtung des Vollkommenen Ganzen vernichtet.

Den kleinen vollständigen Einheiten, d.  h. den Lebewesen, bieten sich alle Möglichkeiten, das Vollkommene Ganze zu erkennen. Unvollkommenheiten nimmt man nur dann wahr, wenn man unvollkommenes Wissen vom Vollkommenen Ganzen besitzt. Die menschliche Lebensform bietet dem Lebewesen die Gelegenheit zur vollständigen Entfaltung seines Bewusstseins, und man erlangt diese Lebensform, nachdem man im Kreislauf der Geburten und Tode 8    400    000 Lebensformen durchwandert hat. Wenn das Lebewesen im menschlichen Leben seine Vollkommenheit in Beziehung zum Vollkommenen Ganzen nicht erkennt und lebt, verliert es diese Möglichkeit und wird durch das Gesetz der materiellen Natur erneut in den Evolutionskreislauf geworfen.

Weil wir nicht wissen, dass in der Natur eine vollkommene Vorsorge für unsere Erhaltung getroffen ist, machen wir uns unter Anstrengungen die Schätze der Natur zunutze, um ein „erfülltes Leben“ der Sinnenfreude zu genießen. Weil sich das Lebewesen eines solchen sinnlichen Lebens aber nicht wirklich erfreuen kann, ohne mit dem Vollkommenen Ganzen verbunden zu sein, ist ein solches Leben nichts als Illusion. Die Hand eines Körpers ist nur so lange eine vollständige Einheit, wie sie mit dem Körper verbunden ist. Wenn die Hand vom Körper abgetrennt ist, sieht sie zwar wie eine Hand aus, besitzt jedoch nicht die Kräfte einer Hand. In ähnlicher Weise sind die Lebewesen integrale Teile des Vollkommenen Ganzen, doch solange sie vom Vollkommenen Ganzen abgetrennt sind, unterliegen sie einer trügerischen Vorstellung der Vollkommenheit, die sie nicht voll zufrieden stellen kann.

Die Vollkommenheit des menschlichen Lebens erschließt sich uns erst dann, wenn wir uns im Dienst des Vollkommenen Ganzen betätigen. Ohne mit dem Vollkommenen Ganzen verbunden zu sein, werden alle Dienste in der Welt – mögen sie sozialer, politischer, kommunaler, internationaler oder selbst interplanetarischer Art sein – unvollkommen bleiben. Wenn alles mit dem Vollkommenen Ganzen verbunden ist, werden die verbundenen integralen Teile ebenfalls in sich selbst vollkommen und vollständig.

Erstes Mantra

īśāvāsyam idaḿ sarvaṁ
yat kiñca jagatyāṁ jagat
tena tyaktena bhuñjīthā
mā gṛdhaḥ kasya svid dhanam
Synonyms: 
īśā — vom Herrn; āvāsyam — beherrscht; idam — dieses; sarvam — alles; yat kiṁ ca — alles, was; jagatyām — innerhalb des Universums; jagat — alles Beseelte und Unbeseelte; tena — von Ihm; tyaktena — zur Verfügung gestellter Anteil; bhuñjītāḥ — sollst du annehmen; — nicht; gṛdhaḥ — trachte danach, zu erlangen; kasyasvid — eines anderen; dhanam — Reichtum.
Translation: 
Der Herr beherrscht und besitzt alles Belebte und Unbelebte im Universum. Der Mensch sollte sich daher mit dem begnügen, was er wirklich braucht und was als sein Anteil vorgesehen ist. Nach anderen Dingen sollte er nicht trachten, weiß er doch, wem sie gehören!
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Das vedische Wissen ist unfehlbar, weil es durch eine vollkommene Nachfolge spiritueller Meister herabkommt, die mit dem Herrn selbst begann. Da der Herr der ursprüngliche Sprecher des vedischen Wissens ist, stammt es aus transzendentaler Quelle. Die vom Herrn gesprochenen Worte werden als apauruṣeya bezeichnet, was darauf hindeutet, dass sie von keinem Bewohner der materiellen Welt gesprochen wurden. Ein Bewohner der materiellen Welt ist mit vier Mängeln behaftet: 1) Es ist sicher, dass er Fehler begeht; 2) er unterliegt Täuschungen; 3) er neigt dazu, andere zu betrügen, und 4) seine Sinne sind unvollkommen. Niemand mit diesen vier Unvollkommenheiten kann vollkommenes Wissen vermitteln. Die Veden sind keine Schöpfung solch unvollkommener Lebewesen. Das vedische Wissen wurde ursprünglich Brahmā, dem ersterschaffenen Lebewesen, im Herzen offenbart, und Brahmā gab dieses Wissen an seine Söhne und Schüler weiter, die es ihrerseits an ihre Nachfolger überlieferten. So kommt das vedische Wissen die Geschichte hindurch zu uns herab.

Da der Herr pūrṇam (allvollkommen) ist, besteht keine Möglichkeit, dass Er den Gesetzen der materiellen Natur untersteht, welche ja von Ihm beherrscht wird. Die Lebewesen hingegen wie auch die unbelebten Dinge werden von den Naturgesetzen und letztlich von der Kraft des Herrn beherrscht. Die Īśopaniṣad gehört zum Yajur Veda und enthält Aussagen über den Eigentümer aller Dinge im Universum.

Die Oberherrschaft des Herrn über alle Dinge im Universum wird im siebten Kapitel der Bhagavad-gītā (7.4–5) bestätigt, wo es um parā und aparā prakṛti geht. Die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Intelligenz und Ego gehören allesamt zur niederen, materiellen Energie des Herrn (aparā prakṛti), wohingegen die Lebewesen, die organische Energie, Seine höhere Energie (parā prakṛti) bilden. Beide Arten der prakṛti gehen vom Herrn aus, und letztlich ist Er der Lenker alles Existierenden. Es gibt nichts im Universum, was nicht entweder zur parā oder zur aparā prakṛti gehört; deshalb ist alles das Eigentum des Höchsten Wesens.

Weil das Höchste Wesen, der Absolute Höchste Persönliche Gott, die vollkommene Person ist, verfügt Er über die vollständige und vollkommene Intelligenz, mittels Seiner vielfältigen Energien alles zu regeln. Das Höchste Wesen wird oft mit einem Feuer verglichen und alles Organische und Anorganische mit der Wärme und dem Licht dieses Feuers. Ebenso wie Feuer, in Form von Wärme und Licht, Energie verbreitet, so entfaltet der Herr Seine Energie auf vielfältige Weise. Er ist der höchste Herrscher, Erhalter und Lenker aller Dinge. Er verfügt über alle Kräfte; Er ist allwissend; Er ist der Wohltäter eines jeden, und Er birgt in sich unbegreiflichen Reichtum, Ruhm, unbegreifliches Wissen, unbegreifliche Macht, Schönheit und Entsagung.

Man sollte daher intelligent genug sein zu verstehen, dass der Herr allein der Besitzer aller Dinge ist. Der Mensch sollte sich deshalb mit den Dingen begnügen, die ihm der Herr als seinen Anteil zur Verfügung stellt. Die Kuh zum Beispiel gibt Milch, doch sie trinkt die Milch nicht. Sie lebt von Gras und Heu, und ihre Milch ist als Nahrungsmittel für den Menschen bestimmt. So hat es der Herr eingerichtet. Wir sollten also mit den Dingen zufrieden sein, die Er uns in Seiner Güte zur Verfügung stellt. Wir sollten immer bedenken, wem die Dinge, die wir unser Eigen nennen, im Grunde gehören.

Ein Haus beispielsweise besteht aus Erde, Holz, Stein, Eisen, Zement und vielen anderen materiellen Stoffen, und wenn wir im Sinne der Śrī Īśopaniṣad denken, werden wir verstehen, dass wir diese Baustoffe nicht selbst herstellen können. Wir können sie nur zusammenfügen und ihnen durch unsere Arbeit verschiedene Formen verleihen. Ein Arbeiter kann keinen Anspruch erheben, der Besitzer eines Gegenstandes zu sein, nur weil er hart gearbeitet hat, um ihn anzufertigen.

Heutzutage gibt es ständig Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Diese Unruhen haben mittlerweile internationale, weltbedrohliche Ausmaße angenommen. Die Menschen sind einander Feind wie Katz und Hund. Die Śrī Īśopaniṣad kann kläffenden Hunden und fauchenden Katzen keine Ratschläge erteilen, doch kann sie den Menschen durch die echten ācāryas (heilige Lehrer) die Gottesbotschaft übermitteln. Die Menschen sollten die vedische Weisheit der Śrī Īśopaniṣad annehmen und sich nicht um materiellen Besitz streiten. Jeder sollte mit den Rechten zufrieden sein, die ihm durch die Gnade des Herrn zustehen. Es kann keinen Frieden geben, wenn die Kommunisten, die Kapitalisten oder irgendeine andere Partei Besitzanspruch auf die Schätze der Natur erheben, die das alleinige Eigentum des Herrn sind. Weder können die Kapitalisten die Kommunisten dauerhaft durch politische Schachzüge niederhalten, noch können die Kommunisten die Kapitalisten einfach dadurch besiegen, dass sie sozusagen um gestohlenes Brot kämpfen. Solange sie nicht das Eigentumsrecht des Höchsten Persönlichen Gottes anerkennen, ist aller Besitz, den sie ihr Eigen nennen, gestohlen. Folglich wird sie die Strafe der Naturgesetze treffen. Sowohl die Kommunisten als auch die Kapitalisten verfügen über Kernwaffen, und wenn sie das Eigentumsrecht des Höchsten Herrn nicht anerkennen, ist es sicher, dass diese Waffen letztlich beide Seiten zugrunde richten werden. Um sich selbst zu retten und der Welt Frieden zu bringen, müssen daher beide Parteien die Unterweisungen der Śrī Īśopaniṣad befolgen.

Es ziemt sich nicht für Menschen, sich wie Katzen und Hunde zu streiten. Sie sollten intelligent genug sein, die Bedeutsamkeit und das Ziel des menschlichen Lebens zu erkennen. Die vedischen Schriften wurden für die Menschheit verfasst, nicht für Katzen und Hunde. Katzen und Hunde dürfen ihren Lebensunterhalt bestreiten, indem sie andere Tiere töten; sie machen sich dabei keiner Sünde schuldig. Doch wenn der Mensch ein Tier tötet, nur um seinen unbeherrschten Gaumen zu befriedigen, wird er wegen einer Übertretung der Naturgesetze zur Verantwortung gezogen und folglich bestraft.

Die Regeln, die für das Leben des Menschen gelten, können nicht auf die Tiere angewandt werden. Der Tiger frisst weder Reis noch Weizen, noch trinkt er die Milch der Kuh. Ihm ist Tierfleisch als Nahrung bestimmt. Es gibt zahllose Arten von Landtieren und Vögeln, doch egal ob sie Vegetarier oder Fleischfresser sind, keines von ihnen übertritt die Gesetze der Natur, die durch den Willen Gottes verfügt wurden. Säugetiere, Vögel, Kriechtiere und andere niedere Lebensformen halten sich streng an die Naturgesetze. Daher kann man bei ihnen nicht von Sünde sprechen, und die vedischen Unterweisungen sind natürlich auch nicht für sie bestimmt. Nur das menschliche Leben ist ein Leben der Verantwortlichkeit.

Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, man könne ein Übertreten der Naturgesetze vermeiden, bloß indem man Vegetarier wird; denn auch die Pflanzen leben. Es ist zwar ein Naturgesetz, dass ein Lebewesen dem anderen als Nahrung dient, doch für den Menschen kommt es darauf an, den Höchsten Herrn zu achten. Man sollte sich also nichts darauf einbilden, ein strikter Vegetarier zu sein. Die Tiere besitzen kein genügend entwickeltes Bewußtsein, um den Herrn zu achten, doch der Mensch ist intelligent genug, um aus den vedischen Schriften zu lernen und so zu verstehen, wie sich die Naturgesetze auswirken. Solches Wissen bringt ihm großen Nutzen. Wenn der Mensch die Unterweisungen der vedischen Schriften missachtet, setzt er sich großer Gefahr aus. Es ist daher nötig, dass er die Oberhoheit des Höchsten Herrn anerkennt. Er muss ein Geweihter des Herrn werden, alles in den Dienst des Herrn stellen und nur die Überreste der Speisen essen, die dem Herrn geopfert wurden. Dies wird ihn befähigen, seine Pflicht richtig zu erfüllen. In der Bhagavad-gītā (9.26) sagt der Herr selbst, dass Er vegetarische Speisen aus den Händen eines reinen Gottgeweihten annimmt. Ein Mensch sollte daher nicht nur ein strikter Vegetarier, sondern auch ein Geweihter des Herrn werden und Ihm all sein Essen opfern, das er dann als prasādam, die Barmherzigkeit des Herrn, zu sich nehmen kann. Nur diejenigen, die in diesem Bewußtsein handeln, können die Pflicht des menschlichen Lebens richtig erfüllen. Diejenigen, die ihre Nahrung dem Herrn nicht opfern, essen wahrlich nichts als Sünde und setzen sich, als Folge solcher Sünde, vielerlei Leiden aus (Bg. 3.13).

Sünde hat ihre Ursache darin, dass man die Gesetze der Natur bewusst verletzt, indem man das Eigentumsrecht des Herrn missachtet. Ungehorsam gegenüber den Naturgesetzen oder dem Erlass des Herrn richtet den Menschen zugrunde. Ein besonnener Mensch hingegen, der die Gesetze der Natur kennt und nicht durch unnötige Zuneigung oder Abneigung beeinflusst ist, wird gewiss vom Herrn anerkannt und erlangt so die Eignung, zu Gott, in die ewige Heimat, zurückzukehren.

Zweites Mantra

kurvann eveha karmāṇi
jijīviṣec chataḿ samāḥ
evaṁ tvayi nānyatheto ’sti
na karma lipyate nare
Synonyms: 
kurvan — fortgesetzt handelnd; eva — so; iha — während des Lebens; karmāṇi — Tätigkeit; jijīviṣet — man sollte danach streben zu leben; śatam — einhundert; samāḥ — Jahre; evam — so lebend; tvayi — für dich; na — keine; anyathā — andere Möglichkeit; itaḥ — außer diesem Pfad; asti — gibt es; na — nicht; karma — Tätigkeit; lipyate — kann gebunden werden; nare — für den Menschen.
Translation: 
Handelt der Mensch immer nur auf diese Weise, kann er danach streben, Hunderte von Jahren zu leben, denn so wird er nicht an das Gesetz des karma gebunden. Einen anderen Pfad als diesen gibt es für ihn nicht.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Niemand will sterben. Jeder möchte so lange leben, wie es irgend geht. Diese Neigung ist nicht nur beim Einzelnen zu beobachten, sondern auch bei Menschengruppen, Gesellschaften und Nationen. Alle Lebewesen stehen in einem harten Lebenskampf, und in den Veden heißt es, dass dies durchaus natürlich ist. Das Lebewesen ist seiner Natur nach ewig, doch weil es im materiellen Dasein gefangen ist, muss es immer und immer wieder seinen Körper wechseln. Diesen Vorgang bezeichnet man als „Seelenwanderung“, und diese Wanderung ist auf karma-bandhana, die Bindung an das eigene Tun, zurückzuführen. Nach dem Gesetz der Natur muss das Lebewesen tätig sein, um für seinen Unterhalt zu sorgen, und wenn es nicht seinen vorgeschriebenen Pflichten gemäß handelt, übertritt es die Naturgesetze und bindet sich immer mehr an den Kreislauf von Geburt und Tod.

Andere Lebensformen sind ebenfalls an den Kreislauf der Geburten und Tode gebunden, doch wenn das Lebewesen einen menschlichen Körper bekommt, bietet sich ihm die Möglichkeit, von den Ketten des karma frei zu werden. Karma, akarma und vikarma werden in der Bhagavad-gītā ausführlich erklärt. Handlungen in Übereinstimmung mit den in den offenbarten Schriften erwähnten vorgeschriebenen Pflichten werden als karma bezeichnet. Handlungen, die das Lebewesen vom Kreislauf der Geburten und Tode befreien, nennt man akarma, und Handlungen, die durch den Missbrauch der eigenen Freiheit entstehen und zu einem Leben in niederen Lebensformen führen, heißen vikarma. Von diesen drei Arten der Handlung bevorzugen intelligente Menschen solches Tun, das von der Bindung an das Gesetz des karma befreit. Gewöhnliche Menschen möchten Gutes tun, um anerkannt zu werden und in dieser Welt oder im Himmel eine höhere Lebensebene zu erreichen, doch fortgeschrittenere Menschen möchten von den Aktionen und Reaktionen des Handelns völlig frei werden. Intelligente Menschen wissen genau, dass sowohl gute als auch schlechte Handlungen sie an die materiellen Leiden des Lebens fesseln. Sie bemühen sich daher, so zu handeln, dass sie von den Reaktionen auf gute wie auch schlechte Werke frei werden. Diese Handlungsweise wird auf den Seiten der Śrī Īśopaniṣad beschrieben.

Eine ausführlichere Erläuterung der Unterweisungen der Śrī Īśopaniṣad findet man in der Bhagavad-gītā, bisweilen auch Gītopaniṣad genannt, der Essenz aller Upaniṣaden. In der Bhagavad- gītā sagt der Persönliche Gott, dass man die Stufe des naiṣkarmya (akarma) nicht erreichen kann, ohne die in den vedischen Schriften erwähnten vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen. Diese Schriften verstehen es, die Arbeitskraft eines Menschen so zu regulieren, dass er nach und nach die Oberhoheit des Höchsten Wesens anerkennt. Wer die Oberhoheit des Persönlichen Gottes, der Vāsudeva oder auch Kṛṣṇa genannt wird, achtet, hat die Stufe positiven Wissens erreicht. Auf dieser Stufe der Reinheit haben die Erscheinungsweisen der Natur – Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit – keinen Einfluss mehr auf ihn, und er ist in der Lage, auf der Grundlage von naiṣkarmya zu handeln. Solches Tun bindet ihn nicht an den Kreislauf von Geburt und Tod.

Im Grunde braucht niemand mehr zu tun, als dem Herrn in Hingabe zu dienen, doch auf den unteren Stufen des Lebens fühlt man sich nicht sogleich imstande, sich dem hingebungsvollen Dienen zuzuwenden und alles karmische, eigennützige Handeln völlig einzustellen. Die bedingte Seele ist es gewohnt, zur Befriedigung ihrer Sinne zu handeln, für ihr eigenes, selbstsüchtiges Interesse, sei dieses auf die eigene Person bezogen oder auf andere ausgedehnt. Gewöhnlich handelt ein Mann, um seine eigenen Sinne befriedigen zu können, und wenn er diesen Grundgedanken der Sinnenfreude ausdehnt, um seine Gesellschaft, seine Nation oder die ganze Menschheit mit einzubeziehen, entstehen solch viel versprechende Begriffe wie Altruismus, Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus und Humanismus. Diese „Ismen“ sind zweifellos sehr anziehend wirkende Formen des karma-bandhana (karmische Gebundenheit), doch die vedische Unterweisung der Īśopaniṣad lautet, dass jemand, der wirklich für einen der oben genannten „Ismen“ leben möchte, Gott in den Mittelpunkt dieses „Ismus“ stellen soll. Es schadet nichts, wenn man ein Familienvater, ein Altruist, Sozialist, Kommunist, Nationalist oder Humanist wird, vorausgesetzt, dass man nach dem Prinzip des īśāvāsya handelt, der Lebensauffassung, die Gott in den Mittelpunkt stellt.

In der Bhagavad-gītā (2.40) heißt es, dass Tätigkeiten in Beziehung zu Gott so wertvoll sind, dass schon einige wenige von ihnen einen Menschen vor der größten Gefahr bewahren können. Die größte Gefahr des Lebens besteht darin, wieder in den Evolutionskreislauf von Geburt und Tod mit seinen 8    400    000 Lebensformen abzugleiten. Wenn jemand aus irgendeinem Grund die spirituelle Gelegenheit versäumt, die ihm sein menschlicher Körper bietet, und wieder in den Evolutionskreislauf zurücksinkt, muss er als äußerst unglückselig betrachtet werden. Aufgrund seiner unzulänglichen Sinne kann ein törichter Mensch nicht sehen, dass dies geschieht. Die Śrī Īśopaniṣad rät uns daher, unsere Energie im Geiste des īśāvāsya anzuwenden. Wenn wir dies tun, mögen wir uns wünschen, viele, viele Jahre lang zu leben; ansonsten ist ein langes Leben wertlos. Ein Baum lebt Hunderte von Jahren, doch was ist der Nutzen, so lange zu leben wie ein Baum, zu atmen wie ein Blasebalg, Nachkommen zu zeugen wie ein Schwein oder Hund oder seinen Magen zu befriedigen wie ein Kamel? Ein bescheidenes Leben mit Gott im Mittelpunkt ist mehr wert als der Riesenschwindel eines Lebens, das gottlosem Altruismus oder Sozialismus geweiht ist.

Wenn altruistische Tätigkeiten im Geiste der Īśopaniṣad ausgeführt werden, werden sie zu einer Form von karma-yoga. Solche Tätigkeiten werden in der Bhagavad-gītā (18.5–9) empfohlen, denn sie gewährleisten dem Ausführenden Schutz vor der Gefahr, in den Evolutionskreislauf von Geburt und Tod zurückzusinken. Auch wenn solche Tätigkeiten mit Gott im Mittelpunkt nur halb vollendet werden, wirken sie sich immer noch gut aus, denn sie sichern dem Ausführenden für das nächste Leben einen menschlichen Körper. So bietet sich ihm eine weitere Gelegenheit, auf dem Pfad der Befreiung voranzuschreiten.

Wie man gottesbewusste Tätigkeiten ausführt, wird ausführlich von Śrīla Rūpa Gosvāmī in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu erklärt. Wir haben dieses Buch ins Englische übertragen; es trägt den Titel The Nectar of Devotion (deutsch: Der Nektar der Hingabe). Wir empfehlen dieses wertvolle Buch allen, die daran interessiert sind, ihre Tätigkeiten im Sinne der Śrī Īśopaniṣad zu verrichten.

Drittes Mantra

asuryā nāma te lokā
andhena tamasāvṛtāḥ
tāḿs te pretyābhigacchanti
ye ke cātma-hano janāḥ
Synonyms: 
asuryāḥ — für die asuras bestimmt; nāma — bekannt unter dem Namen; te — jene; lokāḥ — Planeten; andhena — durch Unwissenheit; tamasā — durch Dunkelheit; āvṛtāḥ — bedeckt; tān — diese Planeten; te   — sie; pretya — nach dem Tod; abhigacchanti — gelangen auf; ye — jeder beliebige; ke — jeder; ca — und; ātma-hanaḥ — die Mörder der Seele; janāḥ — Menschen.
Translation: 
Der Mörder der Seele, wer immer es sein mag, muss eingehen in die Planeten, die man als die Welten der Ungläubigen kennt und die erfüllt sind von Finsternis und Unwissenheit.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Das menschliche Leben unterscheidet sich vom tierischen durch die große Verantwortung, die es mit sich bringt. Diejenigen, die sich dieser Verantwortung bewusst sind und in diesem Geiste handeln, werden als suras, fromme Menschen, bezeichnet, und diejenigen, die sich dieser Verantwortung entziehen oder keine Kenntnis von ihr haben, heißen asuras (Dämonen). Diese beiden Arten von Menschen findet man überall im Universum. Im Ṛg Veda heißt es, dass die suras stets den Lotosfüßen des Höchsten Herrn, Viṣṇu, entgegenstreben und dementsprechend handeln. Ihre Wege sind so hell erleuchtet wie die Bahn der Sonne.

Intelligente Menschen sollten immer daran denken, dass sie ihre gegenwärtige Körperform nach vielen Millionen von Jahren der Evolution und nach einer langen Wanderung durch den Kreislauf der Geburten und Tode bekommen haben. Die materielle Welt wird zuweilen mit einem Meer verglichen und der menschliche Körper mit einem starken Boot, das besonders dazu gedacht ist, dieses Meer zu überqueren. Die vedischen Schriften und die ācāryas (heilige Lehrer) werden verglichen mit kundigen Bootsleuten und die Möglichkeiten, die der menschliche Körper bietet, mit günstigen Winden, die dem Boot helfen, leicht den gewünschten Bestimmungsort zu erreichen. Wenn jemand trotz all dieser Möglichkeiten sein Leben nicht voll nutzt, Selbsterkenntnis zu erlangen, muss er als ātma-hā, Mörder der Seele, betrachtet werden. Die Śrī Īśopaniṣad spricht hier die deutliche Warnung aus, dass es dem Mörder der Seele bestimmt ist, in den finstersten Bereich der Unwissenheit einzugehen und unaufhörlich zu leiden.

Die körperlichen Bedürfnisse der Schweine, Hunde, Kamele, Esel und anderer Tiere sind für sie ebenso wichtig wie die unseren für uns, doch können diese Tiere ihre wirtschaftlichen Probleme nur unter widerwärtigen, unangenehmen Bedingungen lösen. Durch die Gesetze der Natur sind dem Menschen alle Möglichkeiten zu einem angenehmen Leben gegeben, doch die menschliche Lebensform ist wichtiger und wertvoller als die tierische. Warum kann der Mensch ein besseres Leben führen als das Schwein und andere Tiere? Warum werden einem hoch gestellten Regierungsbeamten alle Möglichkeiten zu einem bequemen Leben geboten, dem gewöhnlichen Angestellten aber nicht? Die Antwort lautet, dass dem Regierungsbeamten höhere Pflichten obliegen. In ähnlicher Weise hat der Mensch höhere Pflichten zu erfüllen als die Tiere, die immer nur bestrebt sind, ihre hungrigen Mägen zu füllen. Nichtsdestoweniger hat die moderne, Seelen tötende Zivilisation die Probleme des hungrigen Magens nur noch vergrößert. Wenn wir eines der vornehmen Tiere, einen modernen zivilisierten Menschen, fragen, sagt er, dass er einfach nur arbeiten möchte, um seinen Magen zu befriedigen, und dass Selbsterkenntnis nicht nötig sei. Die Gesetze der Natur sind jedoch so grausam, dass ihm trotz seiner Ablehnung der Notwendigkeit der Selbstverwirklichung und trotz seines Eifers, für seinen Magen hart zu arbeiten, ständig Arbeitslosigkeit droht.

Die menschliche Lebensform wurde uns nicht gegeben, damit wir schuften und uns plagen wie die Esel, Schweine und Hunde, sondern damit wir die höchste Vollkommenheit des Lebens erreichen. Wenn wir uns um die Erkenntnis des Selbst nicht kümmern, zwingen uns die Naturgesetze zu schwerster Arbeit, auch wenn wir dies nicht wollen. Die Menschen im gegenwärtigen Zeitalter sind gezwungen, sich abzurackern wie Karren ziehende Esel und Ochsen. Einige der Bereiche, in die ein asura zur Arbeit verbannt wird, werden im vorliegenden Vers der Śrī Īśopaniṣad offenbart. Versäumt es ein Mensch, seine wesengemäßen Pflichten zu erfüllen, so ist er gezwungen, in die asurya-Planeten einzugehen, dort in niederen Lebensformen geboren zu werden und in Unwissenheit und Finsternis hart zu arbeiten.

In der Bhagavad-gītā (6.41–43) heißt es, dass jemand, der den Pfad der Selbstverwirklichung aufnimmt, jedoch trotz ernsthafter Bemühung, seine Beziehung zu Gott zu entwickeln, nicht das Ziel erreicht, die Möglichkeit bekommt, in der Familie eines śuci oder śrīmat geboren zu werden. Mit dem Wort śuci ist ein spirituell fortgeschrittener brāhmaṇa gemeint, und śrīmat bezeichnet einen vaiśya, einen Angehörigen des Kaufmannsstandes. Demjenigen, der es nicht schafft, Selbstverwirklichung zu erreichen, wird aufgrund seiner ernsthaften Bemühungen im nächsten Leben also eine bessere Möglichkeit geboten. Wenn selbst ein erfolgloser Kandidat die Gelegenheit bekommt, in einer angesehenen, vornehmen Familie geboren zu werden, kann man sich das Glück der erfolgreichen Transzendentalisten kaum vorstellen. Wenn jemand nur versucht, Gott zu erkennen, ist ihm die Geburt in einer wohlhabenden oder adligen Familie sicher. Wer jedoch nicht einmal einen Versuch unternimmt; wer in Täuschung leben möchte; wer zu materialistisch ist und zu sehr am materiellen Genuss hängt, muss in die finstersten Bereiche der Hölle eingehen, wie es in allen vedischen Schriften bestätigt wird. Solch materialistische asuras geben manchmal vor, religiös zu sein, doch ist ihr eigentliches Ziel materieller Wohlstand. Die Bhagavad-gītā (16.17–18) tadelt solche Menschen und nennt sie ātma- sambhāvita, denn ihre so genannte Größe beruht auf trügerischer, materieller Vollkommenheit, den Stimmen der Unwissenden und materiellem Reichtum. Solchen asuras, die bar jeder Selbsterkenntnis sind und nichts von īśāvāsya wissen, der Eigentümerschaft des Herrn, ist es bestimmt, in die finstersten Bereiche des Daseins einzugehen.

Die Schlussfolgerung lautet, dass unsere Aufgabe als Menschen sich nicht auf die Bemühung beschränkt, einen Eiertanz zur Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme zu vollführen, sondern dass wir darüber hinaus die Probleme des materiellen Lebens lösen sollen, in dem wir uns aufgrund der Naturgesetze befinden.

Viertes Mantra

anejad ekaṁ manaso javīyo
nainad devā āpnuvan pūrvam arṣat
tad dhāvato ’nyān atyeti tiṣṭhat
tasminn apo mātariśvā dadhāti
Synonyms: 
anejat — fest; ekam — jemand; manasaḥ — als der Geist; javīyah — schneller; na — nicht; enat — dieser Höchste Herr; devāh — Halbgötter wie Indra; āpnuvan — können sich nähern; pūrvam — vor; arṣat — sich schnell bewegend; tat — Er; dhāvataḥ — diejenigen, die laufen; anyān — andere; atyeti — übertrifft; tiṣṭhat — an einem Ort bleibend; tasmin — in Ihm; apaḥ — Regen; mātariśvā — die Götter, die den Wind und den Regen beherrschen; dadhāti — versorgen mit.
Translation: 
Obgleich der Persönliche Gott stets in Seinem Reich weilt, ist Er schneller als der Wind, und niemand übertrifft Ihn beim Laufen. Die mächtigen Halbgötter können sich Ihm nicht einmal nähern. Obwohl Er an einem Ort weilt, gebietet Er über diejenigen, die für Luft und Regen sorgen. Er überragt alle an Vortrefflichkeit.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Durch gedankliche Spekulation kann nicht einmal der größte Philosoph den Höchsten Herrn, den Absoluten Persönlichen Gott, erkennen. Nur Seine Geweihten können Ihn durch Seine Barmherzigkeit erkennen. In der Brahma-saṁhitā heißt es, dass ein nichtgottgeweihter Philosoph, der mit der Schnelligkeit des Geistes oder der Geschwindigkeit des Windes für Millionen von Jahren durch das Weltall reist, dem Absoluten immer noch sehr fern ist. In der Brahma-saṁhitā wird ferner beschrieben, dass der Absolute Persönliche Gott ein eigenes transzendentales Reich hat, genannt Goloka, wo Er ständig weilt und in Seine Spiele vertieft ist. Und doch durchwaltet Er durch Seine unfassbaren Kräfte gleichzeitig jeden Teil Seiner schöpferischen Energie. Im Viṣṇu Purāṇa werden Seine Kräfte mit der Wärme und dem Licht eines Feuers verglichen. Ein Feuer befindet sich an einer Stelle, aber es kann sein Licht und seine Wärme in alle Richtungen verbreiten; in ähnlicher Weise kann der Absolute Persönliche Gott, obgleich stets in Seinem transzendentalen Reich gegenwärtig, Seine mannigfaltigen Energien überallhin verbreiten.

Diese Energien sind unzählbar, doch grundsätzlich können sie dreifach gegliedert werden: in die innere Kraft, die marginale Kraft und die äußere Kraft. Jede dieser Kräfte kann hundertfach, ja millionenfach weiter unterteilt werden. Die Halbgötter, die bevollmächtigt sind, über Luft, Licht, Regen und andere natürliche Energien zu walten, gehören zur marginalen Kraft der Absoluten Person. Die gewöhnlichen Lebewesen – auch die Menschen – sind ebenfalls Erzeugnisse der marginalen Kraft des Herrn. Die materielle Welt ist eine Schöpfung Seiner äußeren Kraft, und der spirituelle Himmel, in dem sich das Reich Gottes befindet, ist eine Entfaltung Seiner inneren Kraft.

Die vielfältigen Energien des Höchsten Herrn sind somit überall wirksam. Obgleich zwischen dem Herrn und Seinen Energien kein Unterschied besteht, sollte man diese Energien nicht fälschlich für die Höchste Wahrheit halten. Auch sollte man nicht denken, die Allgegenwart des Höchsten Herrn sei unpersönlich zu verstehen oder Er habe Seine persönliche Existenz verloren. Die Menschen sind es gewohnt, Schlussfolgerungen nur ihrem eigenen Begriffsvermögen gemäß zu ziehen. Aus diesem Grunde geben uns die Upaniṣaden deutlich zu verstehen, dass sich niemand dem Herrn durch seine begrenzte Kraft nähern kann.

In der Bhagavad-gītā (10.2) sagt der Herr, dass nicht einmal die großen ṛṣis und suras Ihn verstehen können – ganz zu schweigen also von den asuras, die keinerlei Zugang zum Verständnis der Wege des Herrn haben. Das vierte mantra der Śrī Īśopaniṣad gibt uns eindeutig zu verstehen, dass die Absolute Wahrheit letztlich die Absolute Person ist. Sonst wäre es nicht nötig gewesen, Seine persönlichen Wesenszüge so detailliert hervorzuheben.

Obgleich die individuellen integralen Teile des Herrn alle Merkmale des Herrn besitzen, sind ihre Tätigkeitsbereiche und damit auch sie selbst begrenzt. Die integralen Teile sind dem Ganzen niemals ebenbürtig, und daher können sie die volle Kraft des Herrn nicht richtig einschätzen. Unter dem Einfluss der materiellen Natur versuchen törichte, unwissende Lebewesen, die nur winzige Teilchen Gottes sind, über die transzendentale Stellung des Herrn Vermutungen anzustellen. Die Śrī Īśopaniṣad weist darauf hin, dass es vergeblich ist, das Wesen des Herrn durch gedankliche Spekulation ergründen zu wollen. Man soll versuchen, über die Transzendenz vom Herrn selbst, der ursprünglichen Quelle der Veden, zu lernen, denn der Herr allein besitzt vollkommenes Wissen von der Transzendenz.

Jeder integrale Teil des Vollkommenen Ganzen ist mit einem bestimmten Maß an Energie ausgestattet, um nach dem Willen des Herrn tätig sein zu können. Wenn ein solcher Teil, ein Lebewesen, vergisst, welche Tätigkeiten es nach dem Willen des Herrn ausführen soll, nennt man dies māyā, Täuschung. Die Śrī Īśopaniṣad ermahnt uns also von Anfang an, darauf bedacht zu sein, die vom Herrn für uns vorgesehene Rolle zu spielen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die individuelle Seele keine eigene Entscheidungsfähigkeit besitzt. Als integraler Teil Gottes muss sie auch an der Entscheidungsfähigkeit des Herrn teilhaben. Wenn sie ihre Willenskraft, ihre aktive Natur, mit Intelligenz benutzt und so versteht, dass alles die Energie des Herrn ist, kann sie ihr ursprüngliches Bewußtsein wiederbeleben, das durch die Gemeinschaft mit māyā, der äußeren Energie, verloren gegangen ist.

Alle Macht bekommt man vom Herrn; jede Form von Macht muss also einzig und allein dazu gebraucht werden, den Willen des Herrn auszuführen. Der Herr kann von demjenigen erkannt werden, der eine solche ergebene Haltung des Dienens einnimmt. Vollkommenes Wissen bedeutet, den Herrn in all Seinen Aspekten zu kennen, von Seinen Kräften zu wissen und zu wissen, wie diese Kräfte nach Seinem Willen wirken. Diese Dinge werden vom Herrn in der Bhagavad-gītā, der Essenz aller Upaniṣaden, im Einzelnen erklärt.

Fünftes Mantra

tad ejati tan naijati
tad dūre tad v antike
tad antar asya sarvasya
tad u sarvasyāsya bāhyataḥ
Synonyms: 
tat — dieser Höchste Herr; ejati — geht; tat — Er; na — nicht; ejati — geht; tat — Er; dūre — weit entfernt; tat — Er; u — auch; antike — sehr nah; tat — Er; antaḥ — innerhalb; asya — von diesem; sarvasya — von allem; tat — Er; u — auch; sarvasya — von allem; asya — von diesem; bāhyataḥ — außerhalb von.
Translation: 
Der Höchste Herr geht, und doch geht Er nicht. Er ist weit entfernt, und doch ist Er ganz nah. Er befindet sich in allen Dingen, und doch weilt Er auch außerhalb aller Dinge.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Hier wird erklärt, wie der Höchste Herr durch Seine unfassbaren Kräfte auf transzendentale Weise tätig ist. Durch Widersprüche wird das unbegreifliche Wesen Seiner Kräfte verdeutlicht: Er geht, und doch geht Er nicht. Wenn jemand gehen kann, ist es normalerweise widersinnig zu sagen, dass er nicht gehen kann. In Beziehung zu Gott jedoch dient ein solches Paradox dazu, auf Seine unvorstellbare Macht hinzudeuten. Mit derartigen Widersprüchen ist unser logisches Verständnis überfordert, und deshalb betrachten wir den Herrn mit unserem beschränkten Begriffsvermögen. Zum Beispiel erkennen die Anhänger der Māyāvāda-Schule nur das unpersönliche Wirken des Herrn an und bestreiten Sein persönliches Dasein. Die Anhänger der Bhāgavata-Schule hingegen, die die vollkommene Auffassung vom Herrn vertreten, erkennen Seine unfassbaren Energien an und verstehen daher, dass Er sowohl persönlich als auch unpersönlich ist. Die bhāgavatas wissen, dass der Begriff „Höchster Herr“ ohne den Aspekt unfassbarer Energien keine Bedeutung hat.

Wir sollten es nicht als erwiesen betrachten, dass der Herr kein persönliches Dasein hat, nur weil wir Ihn nicht mit unseren Augen wahrnehmen können. Die Śrī Īśopaniṣad widerspricht dieser Vorstellung, indem sie darauf hinweist, dass der Herr weit entfernt, doch auch sehr nah ist. Das Reich des Herrn liegt jenseits des materiellen Himmels, und wir sind nicht einmal in der Lage, den materiellen Himmel zu ermessen. Wenn schon der materielle Himmel sich so weit erstreckt, wie fern muss dann erst der spirituelle Himmel sein, der noch jenseits des materiellen Himmels liegt? Dass der spirituelle Himmel weit entfernt von der materiellen Welt liegt, wird auch in der Bhagavad-gītā (15.6) bestätigt. Doch obwohl der Herr so fern von uns weilt, kann Er augenblicklich, in weniger als einer Sekunde, vor uns erscheinen, mit einer Geschwindigkeit, die gewaltiger ist als die des Geistes oder der Luft. Auch kann Er sich so schnell fortbewegen wie kein Zweiter. Dies wurde bereits im vorangegangenen Vers beschrieben.

Doch wenn der Herr persönlich vor uns erscheint, missachten wir Ihn. Solche törichte Missachtung wird vom Herrn in der Bhagavad- gītā (9.11) missbilligt, wo Er sagt, dass verblendete Menschen Ihn verspotten, weil sie Ihn für einen gewöhnlichen Sterblichen halten. Er ist aber weder ein sterbliches Wesen noch erscheint Er vor uns in einem Körper, der von der materiellen Natur hervorgebracht wurde. Viele so genannte Gelehrte behaupten, der Herr erscheine auf Erden wie ein gewöhnliches Lebewesen in einem Körper aus Materie. Solche Narren wissen nichts von Seiner unfassbaren Macht und stellen Ihn mit den gewöhnlichen Menschen auf eine Stufe.

Da Gott von unvorstellbaren Energien erfüllt ist, kann Er unseren Dienst durch jedes Medium entgegennehmen, und Er kann auch Seine mannigfaltigen Energien nach Belieben umwandeln. Ungläubige wenden ein, der Herr könne sich nicht verkörpern, oder wenn überhaupt, dann erscheine Er in einer Form aus materieller Energie. Dieser Einwand wird nichtig, wenn wir Seine unvorstellbaren Energien als Realität anerkennen. Selbst wenn Er vor uns in einer Form aus materieller Energie erscheint, ist es Ihm ohne weiteres möglich, die materielle Energie in spirituelle Energie umzuwandeln. Da die Quelle der Energien ein und dieselbe ist, können die Energien ganz nach dem Willen ihrer Quelle gebraucht werden. Zum Beispiel erscheint der Herr als arcā- vigraha, das heißt in Form von Bildgestalten, die augenscheinlich aus Metall, Stein, Holz oder anderen Stoffen gefertigt sind. Dennoch handelt es sich dabei nicht um Götzenbilder, wie Bilderstürmer behaupten.

In unserem gegenwärtigen Zustand des unvollkommenen materiellen Daseins können wir den Höchsten Herrn nicht sehen, weil unsere Augen unvollkommen sind. Nichtsdestoweniger ist der Herr Seinen Geweihten, die Ihn mit ihren materiellen Augen sehen möchten, so gnädig, dass Er in einer so genannten materiellen Form erscheint, um ihren Dienst entgegenzunehmen. Man sollte nicht denken, dass solche Gottgeweihten, die auf der untersten Stufe des hingebungsvollen Dienstes stehen, ein Götzenbild anbeten. Sie verehren tatsächlich den Herrn, der sich bereit erklärt hat, in einer ihnen zugänglichen Form zu erscheinen. Die arcā-Form wird nicht nach den Launen des Verehrenden angefertigt, sondern existiert ewiglich mit allen Paraphernalien. Ein aufrichtiger Gottgeweihter vermag dies tatsächlich wahrzunehmen, nicht jedoch ein Atheist.

In der Bhagavad-gītā (4.11) sagt der Herr, dass Er Seinen Geweihten je nach dessen Ergebenheit belohnt. Er behält sich das Recht vor, sich nicht jedermann zu offenbaren, sondern nur denen, die sich Ihm ergeben. Für die ergebene Seele ist Er daher stets in Reichweite, doch für nicht ergebene Seelen ist Er sehr weit entfernt und unerreichbar.

In den offenbarten Schriften findet man zwei Begriffe, die oft in Verbindung mit Gott gebraucht werden und die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind: saguṇa (mit Eigenschaften) und nirguṇa (ohne Eigenschaften). Wenn der Herr als saguṇa bezeichnet wird, bedeutet dies nicht, dass Er bei Seinem sichtbaren Erscheinen in dieser Welt gezwungen ist, eine materielle Form anzunehmen, und dass Er den Gesetzen der materiellen Natur unterliegt. Für Ihn besteht kein Unterschied zwischen materieller und spiritueller Energie, weil Er der Ursprung dieser Energien ist. Er beherrscht diese Energien, und daher ist es nicht möglich, dass Er, wie wir, jemals unter ihrem Einfluss steht. Die materielle Energie wirkt unter Seiner Führung, und so kann Er diese Energie für Seine Zwecke verwenden, ohne je von ihren Eigenschaften beeinflusst zu werden. (In diesem Sinne ist Er nirguṇa, „ohne Eigenschaften“.) Auch wird der Herr niemals ein formloses Wesen, denn letztlich ist Er die ewige Gestalt, der uranfängliche Herr. Sein unpersönlicher Aspekt, der Brahman-Glanz, ist nichts weiter als das Leuchten der Strahlen, die von Seiner Person ausgehen, ebenso wie die Sonnenstrahlen das Leuchten des Sonnengottes sind.

Als der heilige Knabe Prahlāda Mahārāja von seinem gottlosen Vater gefragt wurde: „Wo ist dein Gott?“, antwortete Prahlāda, Gott sei allgegenwärtig. Zornentbrannt fragte ihn darauf sein Vater, ob Gott auch in einer bestimmten Palastsäule weile, was Prahlāda bejahte. Da zerschmetterte der gottlose König jene Säule, und im gleichen Augenblick erschien der Herr als Nṛsiṁha, in der Gestalt eines Menschlöwen, aus dem Säuleninnern und tötete den atheistischen König. Der Herr befindet sich also in allen Dingen, und Er erschafft alles durch Seine verschiedenen Energien. Durch Seine unbegreifliche Macht kann Er an jedem beliebigen Ort erscheinen, um Seinem aufrichtigen Geweihten Gnade zu erweisen. Der Herr als Nṛsiṁha erschien aus dem Säuleninnern nicht auf Befehl des gottlosen Königs, sondern auf Wunsch Seines Geweihten Prahlāda. Ein Atheist kann dem Herrn nicht befehlen zu erscheinen, doch um Seinem Geweihten Barmherzigkeit zu erweisen, kann Er überall und zu jeder Zeit erscheinen. In der Bhagavad- gītā (4.8) bestätigt der Herr, dass Er erscheint, um die Ungläubigen zu vernichten und die Gläubigen zu beschützen. Natürlich verfügt der Herr über genügend Energien und Bevollmächtigte, durch die Er die Atheisten vernichten könnte, doch bereitet es Ihm Freude, einem Gottgeweihten Seine persönliche Gunst zu erweisen. Deshalb erscheint Er als Inkarnation. Er kommt eigentlich nur, um Seinen Geweihten Gnade zu erweisen, und aus keinem anderen Grund.

In der Brahma-saṁhitā heißt es, dass Govinda, der uranfängliche Herr, durch eine Seiner vollständigen Teilerweiterungen in alles eingeht. Er geht sowohl in das Universum als auch in alle Atome des Universums ein. Seine äußerliche Gestalt ist Seine virāṭ-Form, und als antaryāmī weilt Er in allen Dingen. Als antaryāmī ist Er der Zeuge aller Geschehnisse und lässt uns die Ergebnisse unserer Handlungen in Form von karma-phala zukommen. Wir selbst mögen vergessen, was wir in früheren Leben getan haben, doch weil der Herr als Zeuge unsere Handlungen beobachtet, fallen uns deren Ergebnisse immer zu, und wir müssen die Reaktionen in jedem Fall auf uns nehmen.

Es ist eine Tatsache, dass es innerhalb wie auch außerhalb aller Dinge nichts außer Gott gibt. Alles ist eine Entfaltung Seiner verschiedenen Energien, die mit der Wärme und dem Licht des Feuers vergleichbar sind. Ebenso wie die Energien des Feuers, Wärme und Licht, von ihrem Ursprung nicht verschieden und daher auch miteinander eins sind, so besteht kein Unterschied zwischen Gott und Seinen mannigfaltigen Energien, und folglich sind diese Energien ebenfalls miteinander eins. Trotz dieser Einheit erfreut sich der Herr in Seiner persönlichen Gestalt in unbegrenztem Maße all der Dinge, die den Sinnen Seiner winzigen integralen Teile, der Lebewesen, in winzigem Maße Freude bereiten.

Sechstes Mantra

yas tu sarvāṇi bhūtāny
ātmany evānupaśyati
sarva-bhūteṣu cātmānaṁ
tato na vijugupsate
Synonyms: 
yaḥ — jemand, der; tu — aber; sarvāṇi — alle; bhūtāni — Lebewesen; ātmani — in Beziehung zum Höchsten Herrn; eva — nur; anupaśyati — beobachtet auf systematische Weise; sarva-bhūteṣu — in jedem Lebewesen; ca — und; ātmānam — die Überseele; tataḥ — danach; na — nicht; vijugupsate — hasst.
Translation: 
Wer systematisch alles in Beziehung zum Höchsten Herrn sieht, wer alle Lebewesen als Seine integralen Teile und den Höchsten Herrn in allen Dingen erkennt, verabscheut nichts und hasst kein Lebewesen.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Dies ist eine Beschreibung des mahā-bhāgavata, der großen Persönlichkeit, die alles in Beziehung zum Höchsten Persönlichen Gott sieht. Die Gegenwart des Höchsten Herrn wird auf drei Stufen erkannt. Der kaniṣṭha-adhikārī steht auf der untersten Stufe der Erkenntnis. Je nach seinem Glauben besucht er eine Stätte der Verehrung, wie zum Beispiel einen Tempel, eine Kirche oder eine Moschee, und verehrt dort den Herrn, wie es seine heiligen Schriften vorschreiben. Ein solcher Gottgeweihter glaubt, der Herr sei nur am Ort der Verehrung gegenwärtig, nirgendwo sonst. Er vermag weder zu beurteilen, welche Stufe im hingebungsvollen Dienst jemand erreicht hat, noch wer den Höchsten Herrn bereits erkannt hat. Solche Gottgeweihten halten sich an ihre täglichen Verehrungsriten und streiten sich manchmal, weil jemand eine Art der Verehrung für besser hält als eine andere. Diese kaniṣṭha-adhikārīs sind im Grunde materialistische Gottgeweihte, die noch versuchen, die materielle Grenze zu überschreiten und die spirituelle Ebene zu erreichen.

Auf der zweiten Stufe der Gotteserkenntnis stehen die madhyama- adhikārīs, die zwischen vier Arten von Wesen unterscheiden: 1) dem Höchsten Herrn, 2) den Geweihten des Herrn, 3) unschuldigen Menschen, die den Herrn nicht kennen, und 4) Atheisten, die nicht an den Herrn glauben und die Gottgeweihten hassen. Der madhyama-adhikārī verhält sich diesen vier Arten von Personen gegenüber unterschiedlich. Er verehrt den Herrn und betrachtet Ihn als das Ziel seiner Liebe, und er schließt Freundschaft mit den Gottgeweihten. Er versucht, in den Herzen der Unschuldigen die schlummernde Gottesliebe zu erwecken, doch er meidet die Atheisten, die schon den bloßen Namen des Herrn verhöhnen.

Über dem madhyama-adhikārī steht der uttama-adhikārī, der alles in Beziehung zum Höchsten Herrn sieht. Ein solcher Gottgeweihter unterscheidet nicht zwischen einem Atheisten und einem Theisten, sondern betrachtet jeden als einen integralen Teil Gottes. Er weiß, dass zwischen einem hoch gelehrten brāhmaṇa und einem Straßenhund kein Unterschied besteht, da beide Teile Gottes sind, wenngleich sie aufgrund verschiedener Tätigkeiten im letzten Leben nun in unterschiedlichen Körpern gefangen sind. Der als brāhmaṇa lebende Teil des Höchsten Herrn hat seine von Gott gegebene Unabhängigkeit nicht missbraucht, wohingegen der als Hund lebende Teil seine Unabhängigkeit missbraucht hat und daher von den Gesetzen der Natur damit bestraft wurde, in den unwissenden Körper eines Hundes eingeschlossen zu sein. Ohne die Aktivitäten des brāhmaṇa bzw. des Hundes in Betracht zu ziehen, versucht der uttama-adhikārī, beiden Gutes zu tun. Ein solch gelehrter Gottgeweihter lässt sich durch den materiellen Körper des brāhmaṇa und des Hundes nicht täuschen. Er fühlt sich nur zu den spirituellen Funken in diesen Geschöpfen hingezogen.

Menschen, die einen uttama-adhikārī nachahmen und eine Sicht der Einheit oder einen Geist universaler Brüderlichkeit zur Schau tragen, aber auf der körperlichen Ebene handeln, sind falsche Philanthropen. Universale Brüderlichkeit muss von einem uttama-adhikārī gelehrt werden und nicht von einem törichten Menschen, der kein rechtes Verständnis besitzt von der individuellen Seele und der Überseele, die überall gegenwärtig ist.

In diesem mantra der Śrī Īśopaniṣad wird deutlich gesagt, dass man beobachten („systematisch sehen“) sollte. Dies bedeutet, dass man den vorangegangenen ācāryas, den vollkommenen Lehrern, folgen muss. Anupaśyati lautet das in diesem Zusammenhang gebrauchte Sanskritwort. Anu bedeutet „folgen“, und paśyati bedeutet „beobachten“. Das Wort anupaśyati bedeutet also, dass man die Dinge nicht so sehen sollte, wie man sie mit dem bloßen Auge wahrnimmt, sondern dass man den vorangegangenen ācāryas folgen sollte. Das bloße Auge vermag aufgrund seiner materiellen Unzulänglichkeit nichts im richtigen Licht zu sehen. Man kann erst dann richtig sehen, wenn man aus einer höheren Quelle gehört hat, und die höchste Quelle ist die vom Herrn persönlich verkündete vedische Weisheit. Das vedische Wissen kommt durch die Schülernachfolge zu uns herab: vom Herrn zu Brahmā, von Brahmā zu Nārada, von Nārada zu Vyāsa und von Vyāsa zu dessen zahlreichen Schülern. In früherer Zeit war es nicht nötig, die Botschaft der Veden aufzuzeichnen, weil die Menschen intelligenter waren und ein ausgeprägteres Erinnerungsvermögen besaßen. Sie konnten Unterweisungen befolgen, nachdem sie diese nur einmal aus dem Mund eines echten spirituellen Meisters vernommen hatten.

Es gibt heute viele Kommentare zu den offenbarten Schriften, doch die meisten richten sich nicht nach den Grundsätzen Śrīla Vyāsadevas, der als Erster die vedische Weisheit schriftlich niederlegte. Das vollkommenste und erhabenste Werk Śrīla Vyāsadevas ist das Śrīmad- Bhāgavatam, der natürliche Kommentar zum Vedānta-sūtra. Darüber hinaus gibt es noch die Bhagavad-gītā, die vom Herrn selbst gesprochen und von Vyāsadeva aufgezeichnet wurde. Dies sind die wichtigsten der zahlreichen offenbarten Schriften, und jeder Kommentar, der nicht mit den Grundsätzen der Gītā oder des Śrīmad-Bhāgavatam übereinstimmt, ist unautorisiert. Die Upaniṣaden, das Vedānta-sūtra, die Veden, die Bhagavad-gītā und das Śrīmad-Bhāgavatam stehen in völligem Einklang miteinander. Niemand sollte daher versuchen, Schlüsse in Bezug auf die Veden zu ziehen, ohne Unterweisungen empfangen zu haben von Lehrern der Schülernachfolge Vyāsadevas, die an den Persönlichen Gott und Seine mannigfaltigen Energien glauben, so wie sie in der Śrī Īśopaniṣad dargelegt werden.

Nach den Worten der Bhagavad-gītā (18.54) kann nur jemand, der sich bereits auf der Stufe der Befreiung (brahma-bhūta) befindet, ein uttama-adhikārī-Gottgeweihter werden und in jedem Lebewesen seinen Bruder sehen. Politiker, die nur nach materiellem Gewinn streben, können diese Sicht nicht haben. Wer die Merkmale eines uttama-adhikārī nachahmt, mag dem Körper eines anderen dienen, um dafür Ruhm oder anderen materiellen Lohn zu ernten, doch der spirituellen Seele dient er damit nicht. Ein solcher Nachahmer kann keine Kenntnis von der spirituellen Welt haben. Der uttama-adhikārī sieht die spirituelle Seele im materiellen Körper und dient der Seele. Damit ist dem materiellen Aspekt automatisch auch gedient.

Siebtes Mantra

yasmin sarvāṇi bhūtāny
ātmaivābhūd vijānataḥ
tatra ko mohaḥ kaḥ śoka
ekatvam anupaśyataḥ
Synonyms: 
yasmin — im Zustand; sarvāṇi — alle; bhūtāni — Lebewesen; ātmā — der cit-kaṇa, der spirituelle Funke; eva — nur; abhūt — existiert als; vijānataḥ — von jemandem, der weiß; tatra — darin; kaḥ — was; mohaḥ — Täuschung; kaḥ — was; śokaḥ — Angst; ekatvam — der Eigenschaft nach eins; anupaśyataḥ — von jemandem, der durch eine Autorität sieht, oder von jemandem, der stets auf diese Weise sieht.
Translation: 
Wer stets alle Lebewesen als spirituelle Funken sieht, der Eigenschaft nach eins mit dem Herrn, wird ein wahrer Kenner der Dinge. Was kann ihn dann noch täuschen oder beängstigen?
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Außer dem madhyama-adhikārī und dem uttama- adhikārī, von denen zuvor gesprochen wurde, kann niemand die spirituelle Entwicklungsstufe eines Lebewesens richtig beurteilen. Die Lebewesen sind der Eigenschaft nach eins mit dem Höchsten Herrn, ebenso wie die Funken eines Feuers der Eigenschaft nach eins sind mit dem Feuer. Quantitativ besteht jedoch ein Unterschied zwischen den Funken und dem Feuer, denn die Wärme- und Lichtmenge der Funken gleicht nicht der des Feuers. Der mahā-bhāgavata, der große Gottgeweihte, sieht Einheit in dem Sinne, dass er alles als die Energie des Höchsten Herrn sieht. Da es zwischen der Energie und dem Energieursprung keinen Unterschied gibt, besteht in diesem Sinne eine Einheit. Analytisch betrachtet, sind Wärme und Licht zwar verschieden vom Feuer, doch ohne Wärme und Licht hat das Wort „Feuer“ keine Bedeutung. In der Synthese sind also Wärme, Licht und Feuer das Gleiche.

Die Sanskritworte ekatvam anupaśyataḥ deuten an, dass man die Einheit aller Lebewesen aus der Sicht der offenbarten Schriften sehen soll. Die individuellen Funken des Höchsten Ganzen, d.   h. des Herrn, besitzen knapp achtzig Prozent der bekannten Eigenschaften des Ganzen, doch quantitativ kommen sie dem Höchsten Herrn nicht gleich. Diese Eigenschaften sind nur in winziger Menge in ihnen vorhanden, denn die Lebewesen sind nur winzige Teile des Höchsten Ganzen. Es verhält sich so wie mit dem Tropfen Wasser und dem Meer: Die Salzmenge im Tropfen lässt sich niemals mit der Salzmenge im gesamten Meer vergleichen, doch ist das Salz im Tropfen der chemischen Zusammensetzung nach genau gleich wie alles Salz im Meer. Wäre das individuelle Lebewesen dem Höchsten Herrn sowohl qualitativ als auch quantitativ gleich, könnte keine Rede davon sein, dass es unter den Einfluss der materiellen Energie gerät. In den vorangegangenen mantras wurde bereits besprochen, dass kein Lebewesen – nicht einmal die mächtigen Halbgötter – das Höchste Wesen in irgendeiner Hinsicht übertreffen kann. Ekatvam (der Eigenschaft nach eins) bedeutet daher nicht, dass das Lebewesen dem Höchsten Herrn in jeder Beziehung gleich gestellt ist. Es bedeutet vielmehr, dass es ein gemeinsames Interesse gibt, ebenso wie in einer Familie das Interesse aller Angehörigen eins ist oder wie in einer Nation, trotz so vieler verschiedener individueller Bürger, das nationale Interesse eins ist. Die Lebewesen sind winzige Teile der gleichen höchsten Familie, und daher besteht kein Unterschied zwischen dem Interesse des Höchsten Wesens und dem der winzigen Teile. Jedes Lebewesen ist ein Sohn des Höchsten Wesens. Wie es in der Bhagavad-gītā (7.5) heißt, gehen alle Geschöpfe im Universum – auch die Vögel, Kriechtiere, Ameisen, Wasserwesen und Bäume – von der marginalen Kraft des Höchsten Herrn aus. Sie gehören daher alle zu der einen Familie des Höchsten Wesens, und ihre Interessen stehen in keinem Widerspruch zueinander.

Laut Vedānta-sūtra (1.1.12) ist es das Wesen der spirituellen Seele zu genießen: ānandamayo ’bhyāsāt. Allen Lebewesen – sowohl dem Höchsten Herrn als auch Seinen integralen Teilen – ist es von Natur aus bestimmt, ewige Freude zu erfahren. Auch die in einem materiellen Körper gefangenen Lebewesen suchen ständig nach Genuss, doch suchen sie den Genuss auf der falschen Ebene. Jenseits der materiellen Ebene gibt es die spirituelle Ebene, wo sich das Höchste Wesen mit Seinen zahllosen Gefährten transzendentaler Glückseligkeit erfreut. Da es auf dieser Ebene keine Spur materieller Eigenschaften gibt, nennt man sie nirguṇa (ohne materielle Eigenschaften). Auf der nirguṇa-Ebene gibt es keinen Streit um das Objekt der Freude, wohingegen hier in der materiellen Welt zwischen den verschiedenen individuellen Wesen ständig Streit herrscht, weil das Zentrum der Freude nicht begriffen wird. Das wahre Zentrum der Freude ist der Höchste Herr, das Zentrum des erhabenen spirituellen rāsa-Tanzes. Wir alle sind dafür bestimmt, uns Ihm anzuschließen und mit nur einem transzendentalen Interesse und ohne jeden Streit uns des Lebens zu erfreuen. Das ist die höchste Ebene des spirituellen Interesses, und sowie man diese vollkommene Form des Einsseins erkennt, kann von Täuschung (moha) oder Klagen (śoka) keine Rede mehr sein.

Eine gottlose Zivilisation beruht auf Illusion, und die Folge einer solchen Zivilisation ist Klagen. Eine gottlose Zivilisation, wie sie zum Beispiel von den heutigen Politikern gefördert wird, ist von ständiger Angst bestimmt, denn sie kann jeden Augenblick zusammenbrechen. Das ist das Gesetz der Natur. Wie es in der Bhagavad-gītā (7.14) heißt, vermag niemand die strengen Gesetze der Natur zu überwinden, außer denen, die sich den Lotosfüßen des Höchsten Herrn ergeben. Wenn wir daher von aller Illusion und aller Angst frei werden und alle unterschiedlichen Interessen vereinen möchten, müssen wir bei allem, was wir tun, Gott mit einbeziehen.

Mit den Ergebnissen unseres Tuns müssen wir einzig und allein dem Interesse des Herrn dienen, denn nur wenn wir dem Interesse des Herrn dienen, können wir das hier erwähnte ātma-bhūta-Interesse wahrnehmen. Das in diesem mantra erwähnte ātma-bhūta-Interesse und das in der Bhagavad-gītā (18.54) erwähnte brahma-bhūta-Interesse sind ein und dasselbe. Der höchste ātmā, die höchste Seele, ist der Herr selbst, und der winzige ātmā ist das Lebewesen. Der höchste ātmā, der Paramātmā, erhält allein all die winzigen individuellen Lebewesen, denn der Höchste Herr möchte sich ihrer Zuneigung erfreuen. Der Vater erweitert sich durch seine Kinder und sorgt für sie, damit sie ihm Freude bereiten. Wenn die Kinder dem Vater gehorsam sind, lebt die Familie in Frieden; alle dienen nur einem Interesse, und es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Das Gleiche findet man in transzendentaler Form in der absoluten Familie des Parabrahman, der höchsten spirituellen Wesenheit.

Das Parabrahman ist ebenso eine Person, wie die individuellen Lebewesen Personen sind. Weder der Herr noch die Lebewesen sind unpersönlich. Diese transzendentalen Personen sind von transzendentaler Glückseligkeit, vollkommenem Wissen und ewigem Leben erfüllt. Das ist die wahre Natur des spirituellen Daseins, und sobald jemand sich dieser transzendentalen Natur voll bewusst ist, ergibt er sich den Lotosfüßen des Höchsten Wesens, Śrī Kṛṣṇas. Ein solcher mahātmā, eine solche große Seele, ist jedoch sehr selten, denn diese transzendentale Erkenntnis erreicht man nur nach vielen, vielen Geburten. Hat man aber einmal solche Erkenntnis gewonnen, ist man frei von aller Illusion und allem Klagen sowie den anderen Leiden des materiellen Daseins wie Geburt und Tod, die wir alle im gegenwärtigen Lebenszustand erfahren. So lautet die Botschaft dieses mantra der Śrī Īśopaniṣad.

Achtes Mantra

sa paryagāc chukram akāyam avraṇam
asnāviraḿ śuddham apāpa-viddham
kavir manīṣī paribhūḥ svayambhūr
yāthātathyato ’rthān vyadadhāc chāśvatībhyaḥ samābhyaḥ
Synonyms: 
saḥ — ein solcher Mensch; paryagāt — muss wahrhaft kennen; śukram   — den Allmächtigen; akāyam — unverkörpert; avraṇam — unfehlbar; asnāviram — ohne Venen; śuddham — antiseptisch (rein); apāpa-viddham — prophylaktisch; kaviḥ — allwissend; manīṣī — Philosoph; paribhūḥ — der Größte von allen; svayambhūḥ — unabhängig; yāthātathyataḥ — in der Ausführung von; arthān — Wünsche; vyadadhāt — gewährt; śāśvatībhyaḥ — seit unvordenklicher; samābhyaḥ — Zeit.
Translation: 
Ein solcher Mensch muss den Allerhabenen, den Persönlichen Gott, wahrhaft kennen, der unverkörpert, allwissend, unfehlbar, ohne Venen, rein und unbefleckt ist, den unabhängigen Philosophen, der seit unvordenklicher Zeit die Wünsche eines jeden erfüllt.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Dies ist eine Beschreibung der transzendentalen, ewigen Gestalt des Absoluten Persönlichen Gottes. Der Höchste Herr ist nicht formlos. Er hat eine transzendentale Gestalt, die nicht im Geringsten den Körpern der materiellen Welt gleicht. Die Lebewesen in der materiellen Welt sind durch die materielle Natur in Formen verkörpert, die materiellen Maschinen gleichen. Die Anatomie eines materiellen Körpers muss mechanisch aufgebaut sein, mit Venen und so fort, doch im transzendentalen Körper des Herrn gibt es nicht so etwas wie Venen. Es heißt hier unmissverständlich, dass Er nicht verkörpert ist, was bedeutet, dass zwischen Seinem Körper und Seiner Seele kein Unterschied besteht. Auch ist Er nicht gezwungen, durch das Gesetz der materiellen Natur einen Körper anzunehmen wie wir. Im materiellen Dasein ist die Seele von der grobstofflichen Umhüllung und dem feinstofflichen Geist verschieden. Für den Höchsten Herrn jedoch besteht kein solcher Unterschied zwischen Ihm und Seinem Körper und Geist. Er ist das Vollkommene Ganze, und Sein Geist, Sein Körper und Er selbst sind alle ein und dasselbe.

In der Brahma-saṁhitā findet man eine ähnliche Beschreibung des Körpers des Höchsten Herrn. Der Herr wird dort als sac-cid-ānanda- vigraha bezeichnet, als die ewige Gestalt voll des transzendentalen Daseins, voller Wissen und voller spiritueller Glückseligkeit. Deshalb benötigt Er keinen separaten Körper und Geist wie wir in der materiellen Welt. In den vedischen Schriften heißt es eindeutig, dass Sein transzendentaler Körper völlig anders ist als unser Körper; folglich wird Er bisweilen als „formlos“ bezeichnet. Dies bedeutet, dass Seine Form nicht der unseren gleicht und dass Er keine Form hat, die wir uns vorstellen können. In der Brahma-saṁhitā heißt es weiter, dass der Herr mit jedem Teil Seines Körpers die Tätigkeit eines beliebigen anderen Körperteils verrichten kann. Dies bedeutet, dass der Herr mit den Händen gehen, mit den Beinen etwas annehmen, mit den Händen und Füßen sehen und mit den Augen essen kann, usw. In den śruti-mantras heißt es, dass Er keine Hände und Beine hat wie wir, sondern Hände und Beine anderer Art, mit denen Er all unsere Opfergaben annehmen kann und schneller zu laufen vermag als irgendjemand sonst. Dies wird im vorliegenden mantra durch den Gebrauch von Wörtern wie śukram (allmächtig) bestätigt.

Auch die arcā-vigraha-Form des Herrn, die von autorisierten ācāryas, die den Herrn im Sinne des siebten mantra erkannt haben, in Tempeln zur Verehrung aufgestellt wird, ist von der ursprünglichen Gestalt des Herrn nicht verschieden. Die ursprüngliche Gestalt des Herrn ist die Śrī Kṛṣṇas, und Śrī Kṛṣṇa erweitert sich in unzählige Formen wie Baladeva, Rāma, Nṛsiṁha und Varāha. All diese Formen sind ein und derselbe Persönliche Gott.

Auch die im Tempel verehrte arcā-vigraha-Form ist eine erweiterte Form des Herrn. Durch die Verehrung des arcā-vigraha kann man sich sogleich dem Herrn nähern, der den Dienst des Gottgeweihten durch Seine allmächtige Energie entgegennimmt. Das arcā-vigraha des Herrn steigt auf Bitten der ācāryas, der heiligen Lehrer, herab und besitzt aufgrund der Allmacht des Herrn alle ursprünglichen Eigenschaften des Herrn. Törichte Menschen, die keine Kenntnis von der Śrī Īśopaniṣad oder anderen śruti-mantras haben, glauben, das von den reinen Gottgeweihten verehrte arcā-vigraha bestehe aus materiellen Elementen. Den unvollkommenen Augen von törichten Menschen oder kaniṣṭha-adhikārīs mag diese Form materiell erscheinen, doch wissen diese Menschen nicht, dass der Herr, da Er allmächtig und allwissend ist, nach Belieben Materie in spirituelle Energie und spirituelle Energie in Materie umwandeln kann.

In der Bhagavad-gītā (9.11–12) bedauert der Herr den gefallenen Zustand von Menschen mit dürftigem Wissen, die den Körper des Herrn als materiell betrachten, nur weil der Herr in einer menschenähnlichen Gestalt in die materielle Welt hinabsteigt. Solche uninformierten Menschen wissen nichts von der Allmacht des Herrn. Menschen, die sich mit intellektueller Spekulation befassen, offenbart sich der Herr daher nicht in Seiner ganzen Fülle. Man kann Ihn nur in dem Maße erkennen, wie man sich Ihm ergibt. Der gefallene Zustand der Lebewesen ist allein darauf zurückzuführen, dass sie ihre Beziehung zu Gott vergessen haben.

In diesem mantra wie auch in vielen anderen vedischen mantras heißt es eindeutig, dass der Herr seit unvordenklicher Zeit die Lebewesen mit allen möglichen Dingen versorgt. Die Lebewesen wünschen sich etwas, und der Herr erfüllt ihnen ihre Wünsche in dem Maße, wie sie es verdienen. Wenn jemand Richter am obersten Gerichtshof werden möchte, muss er nicht nur die notwendigen Qualifikationen mitbringen, sondern er muss auch die Zustimmung der Autorität einholen, die den Titel „Oberrichter“ verleihen kann. Die persönliche Eignung reicht nicht aus, das Amt zu bekleiden. Es muss von einer höheren Autorität verliehen werden. In ähnlicher Weise gewährt der Herr den Lebewesen Genüsse in dem Maße, wie sie es verdienen, oder, mit anderen Worten, dem Gesetz des karma entsprechend. Das Verdienst allein genügt nicht, den Lohn zu empfangen. Die Gnade des Herrn ist ebenfalls nötig.

Gewöhnlich weiß das Lebewesen nicht, worum es den Herrn bitten oder nach welcher Stellung es streben soll. Wenn es jedoch seine wesenseigene Stellung erkennt, bittet es um Aufnahme in die transzendentale Gemeinschaft des Herrn, um Ihm in transzendentaler Liebe dienen zu dürfen. Leider bittet das Lebewesen unter dem Einfluss der materiellen Natur um viele andere Dinge, und diese Geisteshaltung wird in der Bhagavad-gītā (2.41) als viel verzweigte, gespaltene Intelligenz bezeichnet. Spirituelle Intelligenz richtet sich auf nur ein Ziel, wohingegen sich weltliche Intelligenz in viele verschiedene Richtungen streut. Im Śrīmad-Bhāgavatam heißt es, dass diejenigen, die von der vergänglichen Schönheit der äußeren Energie betört sind, das eigentliche Ziel des Lebens vergessen, nämlich in die ewige Heimat, zu Gott, zurückzukehren. Sie versuchen, durch alle möglichen Pläne und Programme ihre irdische Existenz zu ordnen, doch dies gleicht dem Kauen des bereits Gekauten. Trotzdem ist der Herr so gütig, dass Er es ihnen gestattet, in dieser Weise fortzufahren, ohne sich einzumischen. Daher wird in diesem mantra der Śrī Īśopaniṣad das sehr angemessene Wort yāthātathyataḥ gebraucht, womit ausgesagt wird, dass der Herr die Lebewesen entsprechend ihren Wünschen belohnt. Wenn ein Lebewesen in die Hölle möchte, gestattet der Herr ihm seinen Wunsch, ohne sich einzumischen, und wenn es nach Hause, zu Gott, zurückkehren möchte, hilft der Herr ihm auch hierbei.

Gott wird hier als paribhūḥ, der Größte von allen, beschrieben. Niemand kommt Ihm gleich oder ist größer als Er. Die anderen Lebewesen werden als Bettler bezeichnet, die den Herrn um die Erfüllung ihrer Wünsche bitten, und der Herr erfüllt ihnen diese Wünsche. Wären sie Ihm an Kraft ebenbürtig oder wären sie allmächtig oder allwissend, so bräuchten sie den Herrn um nichts zu bitten, nicht einmal um so genannte Befreiung. Wahre Befreiung bedeutet, zu Gott zurückzukehren. Die von den Unpersönlichkeitsphilosophen angestrebte Befreiung ist ein Mythos, und das Betteln um die Befriedigung der Sinne muss ewig fortgeführt werden, es sei denn, der Bettler kommt zu seinen spirituellen Sinnen und erkennt seine wesenseigene Stellung.

Allein der Höchste Herr ist unabhängig. Als Śrī Kṛṣṇa vor fünftausend Jahren auf der Erde erschien, offenbarte Er sich durch Seine mannigfaltigen Taten und Spiele als der vollkommene Persönliche Gott. In Seiner Kindheit tötete Er viele mächtige Dämonen wie Aghāsura, Bakāsura und Śakaṭāsura, doch kann keine Rede davon sein, dass Er sich Seine Macht durch besondere Bemühungen erst aneignen musste. Er hob den Govardhana-Hügel in die Luft, ohne sich im Gewichtheben geübt zu haben. Er tanzte mit den gopīs, ohne auf gesellschaftliche Beschränkungen Rücksicht zu nehmen, aber auch ohne dass Ihm daraus ein Vorwurf gemacht werden könnte. Obwohl sich die gopīs Ihm mit amourösen Gefühlen näherten, wurde die Beziehung zwischen den gopīs und Kṛṣṇa sogar von Śrī Caitanya gepriesen, der als strikter sannyāsī lebte und streng den Vorschriften der Selbstdisziplin folgte. Zur Bestätigung, dass der Herr immer rein und unbefleckt ist, beschreibt die Śrī Īśopaniṣad Ihn als śuddham (antiseptisch) und apāpa-viddham (prophylaktisch). Er ist antiseptisch in dem Sinne, dass selbst etwas Unreines durch die bloße Berührung mit Ihm gereinigt werden kann. Das Wort „prophylaktisch“ bezieht sich auf die Macht Seiner Gemeinschaft. Wie in der Bhagavad-gītā (9.30–31) erklärt wird, mag ein Gottgeweihter zu Beginn als sudurācāra (jemand, der kein vorbildliches Verhalten an den Tag legt) bezeichnet werden, doch man sollte ihn als rein betrachten, da er sich auf dem richtigen Weg befindet und die Gemeinschaft des Herrn eine prophylaktische Wirkung hat. Auch ist der Herr apāpa-viddham, d.   h. von Sünde unberührt. Selbst wenn Er augenscheinlich sündhaft handelt, sind solche Handlungen gut, denn es ist ausgeschlossen, dass Er von Sünde berührt wird. Weil Er unter allen Umständen śuddham (in höchstem Maße rein) ist, vergleicht man Ihn oft mit der Sonne. Die Sonne lässt von vielen unreinen Orten auf der Erde die Feuchtigkeit verdunsten, und doch bleibt sie selbst rein, ja durch ihre keimtötenden Kräfte reinigt sie die abscheulichsten Dinge. Wenn schon die Sonne, die nur ein materielles Objekt ist, solche Kraft besitzt, können wir uns die Reinheit und Stärke des allmächtigen Herrn kaum vorstellen.

Neuntes Mantra

andhaṁ tamaḥ praviśanti
ye ’vidyām upāsate
tato bhūya iva te tamo
ya u vidyāyāḿ ratāḥ
Synonyms: 
andham — tiefe Unwissenheit; tamaḥ — Finsternis; praviśanti — gehen ein in; ye — diejenigen, die; avidyām — Unkenntnis; upāsate — verehren; tataḥ — als dieses; bhūyaḥ — noch mehr; iva — wie; te — sie; tamaḥ — Finsternis; ye — diejenigen, die; u — auch; vidyāyām — mit der Kultivierung von Wissen; ratāḥ — beschäftigt.
Translation: 
Diejenigen, die mit ihrem Tun Unwissenheit kultivieren, werden in die finstersten Bereiche der Dunkelheit eingehen. Schlimmer noch ergeht es denjenigen, die sich mit der Kultivierung von Scheinwissen befassen.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: In diesem mantra findet man eine vergleichende Studie von vidyā und avidyā. Avidyā, Unwissenheit, ist zweifellos gefährlich, doch vidyā, Wissen, ist noch gefährlicher, wenn es fehlerhaft und irrig ist. Dieses mantra der Śrī Īśopaniṣad ist heute aktueller als je zuvor. Unsere Zivilisation hat auf dem Gebiet der Bildung beträchtlichen Fortschritt gemacht, doch als Folge davon sind die Menschen unglücklicher denn je, weil zu viel Nachdruck auf materiellen Fortschritt gelegt wird, sodass der spirituelle Aspekt des Lebens verloren geht.

Was vidyā betrifft, so wurde im ersten mantra deutlich festgestellt, dass der Höchste Herr der Eigentümer aller Dinge ist und dass das Vergessen dieser Tatsache Unwissenheit ist. Je mehr ein Mensch dies vergisst, desto mehr wird er von Finsternis umhüllt. Unter diesem Gesichtspunkt ist eine gottlose Zivilisation, deren Ziel die Förderung so genannter Bildung ist, gefährlicher als eine Zivilisation, in der der überwiegende Teil der Bevölkerung weniger „gebildet“ ist.

Es gibt verschiedene Gruppen von Menschen – karmīs, jñānīs und yogīs –, von denen die karmīs Tätigkeiten zur Befriedigung ihrer Sinne nachgehen. In unserer heutigen Zivilisation sind 99,9 Prozent der Menschen im Namen von industriellem Fortschritt, wirtschaftlicher Entwicklung, Altruismus, politischem Aktivismus usw. für die Befriedigung ihrer Sinne tätig. Bei diesen Tätigkeiten dreht sich praktisch alles um Sinnenbefriedigung, sodass es keinen Platz mehr gibt für die Art des Gottesbewußtseins, wie es im ersten mantra der Śrī Īśopaniṣad beschrieben wird.

Laut Bhagavad-gītā (7.15) sind Menschen, die nach grober Sinnenbefriedigung streben, mūḍhas, Esel. Der Esel ist das Symbol der Dummheit. Diejenigen, die nur nach der Befriedigung ihrer Sinne trachten, ohne jeden wirklichen Gewinn im Leben, „verehren“ nach Aussage der Śrī Īśopaniṣad Unwissenheit, avidyā. Und diejenigen, die diese Art der Zivilisation durch so genannten Bildungsfortschritt fördern, richten im Grunde mehr Schaden an als Menschen, die auf der Stufe grober Sinnenbefriedigung stehen. Der Bildungsfortschritt gottloser Menschen ist so gefährlich wie ein kostbarer Juwel auf dem Haupt einer Kobra. Eine mit einem kostbaren Juwel geschmückte Kobra ist noch gefährlicher als eine gewöhnliche Kobra.

Im Hari-bhakti-sudhodaya wird die Bildung gottloser Menschen mit dem Schmuck eines Leichnams verglichen. In Indien und in vielen anderen Ländern folgen manche Menschen bei einer Beerdigung dem Brauch, zur Freude der trauernden Verwandten eine Prozession mit dem geschmückten toten Körper des Verstorbenen abzuhalten. In ähnlicher Weise besteht die heutige Zivilisation aus einem Flickwerk von Bemühungen, die unaufhörlichen Leiden des materiellen Daseins zu verhüllen. Diese Bemühungen richten sich auf die Befriedigung der Sinne, doch über den Sinnen steht der Geist, über dem Geist die Intelligenz und über der Intelligenz die Seele. Das Ziel wirklicher Bildung sollte daher Selbsterkenntnis sein, d.   h. die Erkenntnis der spirituellen Werte der Seele. Bildung, die nicht zu dieser Erkenntnis führt, muss als avidyā, Unkenntnis, bezeichnet werden. Durch die Kultivierung solcher Unkenntnis gleitet man in den finstersten Bereich der Unwissenheit hinab.

Die falschen Lehrer, die der Masse der Menschen solche als Bildung verkleidete Unkenntnis beibringen, werden in der Bhagavad-gītā als veda-vāda-rata und māyayāpahṛta-jñāna bezeichnet. Die veda-vāda- ratas geben vor, in den vedischen Schriften wohl bewandert zu sein, doch leider haben sie den Zweck der Veden völlig aus den Augen verloren. In der Bhagavad-gītā (15.15) heißt es, dass das Ziel des Studiums der Veden darin besteht, den Persönlichen Gott zu kennen, doch den veda-vāda-ratas liegt nicht das Geringste am Persönlichen Gott. Im Gegenteil, sie träumen davon, auf die himmlischen Planeten zu gelangen.

Wie es im ersten mantra der Śrī Īśopaniṣad heißt, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass der Persönliche Gott der Eigentümer aller Dinge ist, und wir sollten uns mit dem uns zugewiesenen Anteil an lebensnotwendigen Dingen zufrieden geben. Es ist der Zweck aller vedischen Schriften, dieses Gottesbewußtsein in den vergesslichen Lebewesen zu erwecken, und das gleiche Prinzip wird, nur in anderer Form, auch in allen anderen offenbarten Schriften der Welt erklärt, damit die verblendete Menschheit diesem Verständnis näher kommen kann. Der wahre Zweck aller Religionen besteht also darin, den Menschen zurück zu Gott zu bringen. Statt jedoch den Zweck der Veden zu erkennen, nämlich das Wiedererwecken der vergessenen Beziehung mit dem Persönlichen Gott, gehen die veda-vāda-ratas wie selbstverständlich davon aus, Begleiterscheinungen wie das Erreichen himmlischer Sinnenfreuden seien das eigentliche Ziel der Veden. Solche sinnlichen Begierden sind jedoch der eigentliche Grund ihrer Bindung an die Materie. Durch ihre falsche Auslegung der vedischen Schriften führen die veda- vāda-ratas andere in die Irre. Einige von ihnen verurteilen sogar die Purāṇas, die für Laien bestimmten authentischen Erklärungen zu den Veden. Die veda-vāda-ratas erklären die Veden auf ihre eigene Weise und übergehen dabei die Autorität der großen Lehrer, der ācāryas. Auch neigen sie dazu, irgendeinen gewissenlosen Menschen aus ihren Kreisen als den führenden Exponenten vedischen Wissens darzustellen. Solche Menschen werden im vorliegenden mantra durch den treffenden Sanskritausdruck vidyāyāḿ ratāḥ mit Nachdruck verurteilt. Vidyāyām bedeutet das Studium der Veden, denn die Veden sind der Ursprung allen Wissens (vidyā), und ratāḥ bedeutet „diejenigen, die sich befassen mit“. Vidyāyāḿ ratāḥ bedeutet demnach „mit dem Studium der Veden beschäftigt“. Die so genannten Anhänger der Veden werden hier verurteilt, weil sie aufgrund ihres Ungehorsams gegenüber den ācāryas den eigentlichen Zweck der Veden verkennen. Solche veda-vāda-ratas verleihen gewöhnlich jedem Wort der Veden Bedeutungen, die ihren eigenen Zwecken dienen. Sie wissen nicht, dass die vedischen Schriften keine Sammlung gewöhnlicher Bücher sind und nur durch die Nachfolge der spirituellen Meister verstanden werden können.

Man muss sich an einen echten spirituellen Meister wenden, um die transzendentale Botschaft der Veden zu verstehen. So lautet die Anweisung der Muṇḍaka Upaniṣad. Die veda-vāda-ratas folgen jedoch ihrem eigenen ācārya, der nicht der transzendentalen Schülernachfolge angehört. So gleiten sie durch ihre falsche Auslegung der vedischen Schriften in den finstersten Bereich der Unwissenheit hinab, tiefer noch als diejenigen, die überhaupt nichts von den Veden wissen.

Die Gruppe der māyayāpahṛta-jñānas sind selbsternannte „Götter“. Solche Menschen glauben, sie selbst seien Gott und es bestehe keine Notwendigkeit zur Verehrung eines anderen Gottes. Sie würden es gutheißen, einen gewöhnlichen Sterblichen zu verehren, wenn er nur reich ist, doch den Persönlichen Gott werden sie niemals verehren. Solche verblendeten Menschen erkennen nicht ihre eigene Torheit, die offenkundig wird, wenn man sie fragt, wie Gott jemals unter den Einfluss māyās, Seiner täuschenden Energie, geraten könnte. Geriete Gott unter den Einfluss māyās, dann wäre māyā mächtiger als Gott. Gleichzeitig sagen sie auch, Gott sei allmächtig. Wenn aber Gott allmächtig ist, wie kann Er dann von māyā überwältigt werden? Die selbsternannten „Götter“ können auf all diese Fragen keine Antworten geben, und trotzdem sind sie zufrieden mit der Vorstellung, selber „Gott“ geworden zu sein.

Zehntes Mantra

anyad evāhur vidyayā
anyad āhur avidyayā
iti śuśruma dhīrāṇāṁ
ye nas tad vicacakṣire
Synonyms: 
anyat — verschieden; eva — eben; āhuḥ — gesagt; vidyayā — durch Kultivierung von Wissen; anyat — verschieden; āhuḥ — gesagt; avidyayā — durch Kultivierung von Unwissenheit; iti — so; śuśruma — ich hörte; dhīrāṇām — von den Weisen; ye — die; naḥ — uns; tat — dies; vicacakṣire — erklärten.
Translation: 
Die Weisen haben uns erklärt, dass sich die Kultivierung von Wissen anders auswirkt als die Kultivierung von Unwissenheit.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: In der Bhagavad-gītā (13.8–12) heißt es, dass man sich auf folgende Weise um Wissen bemühen soll:

1) Man soll ein Mensch von feinem Wesen werden und lernen, anderen gebührende Achtung zu erweisen.

2) Man soll sich nicht als religiöser Mensch ausgeben, nur um sich einen Namen zu machen.

3) Man soll andere nicht beängstigen, weder durch Taten noch durch Worte noch durch Gedanken.

4) Man soll lernen, duldsam zu sein, selbst wenn man von anderen provoziert wird.

5) Man soll lernen, im Umgang mit anderen Doppelzüngigkeit zu vermeiden.

6) Man soll einen echten spirituellen Meister ausfindig machen, der einen nach und nach auf die Stufe spiritueller Erkenntnis erheben kann. Einem solchen spirituellen Meister muss man sich ergeben, ihm dienen und ihm relevante Fragen stellen.

7) Man muss sich an die in den offenbarten Schriften aufgeführten regulierenden Prinzipien halten, wenn man Selbsterkenntnis erreichen will.

8) Man muss sich in den Lehren der offenbarten Schriften bestens auskennen.

9) Man soll von Gewohnheiten, die den Fortschritt auf dem Pfad der Selbsterkenntnis beeinträchtigen, völlig Abstand nehmen.

10) Man soll nicht mehr für sich beanspruchen, als zur Erhaltung des Körpers nötig ist.

11) Man soll nicht fälschlich das Selbst mit dem physischen Körper gleichsetzen oder diejenigen als sein Eigen betrachten, die mit dem eigenen Körper verwandt sind.

12) Man soll sich stets daran erinnern, dass man den wiederholten Leiden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod ausgesetzt ist, solange man sich in einem materiellen Körper befindet. Es hat keinen Sinn, Pläne zu schmieden, um sich von diesen Leiden des materiellen Körpers zu befreien. Das Beste ist, man findet das Mittel, durch das man seine spirituelle Identität wiedererlangen kann.

13) Man soll sich mit den für spirituellen Fortschritt erforderlichen Lebensnotwendigkeiten begnügen.

14) Man soll nicht mehr an Frau, Kindern und Heim hängen als in den offenbarten Schriften empfohlen.

15) Man soll über erwünschte oder unerwünschte Dinge weder glücklich noch unglücklich sein, in dem Wissen, dass solche wertenden Gefühle bloß dem Geist entspringen.

16) Man soll ein reiner Geweihter des Persönlichen Gottes, Śrī Kṛṣṇas, werden und Ihm mit ungeteilter Aufmerksamkeit dienen.

17) Man soll eine Vorliebe entwickeln für den Aufenthalt an einem abgelegenen Ort mit einer ruhigen und stillen Umgebung, die der spirituellen Vervollkommnung zuträglich ist, und man soll die überfüllten Orte meiden, an denen Nichtgottgeweihte sichzusammenfinden.

18) Man soll ein Wissenschaftler oder Philosoph werden und nach spirituellem Wissen forschen, nicht nach materiellem Wissen, in der Erkenntnis, dass spirituelles Wissen beständig ist, wohingegen materielles Wissen mit dem Tod des Körpers endet.

Das Befolgen dieser achtzehn Weisungen führt zur allmählichen Entwicklung wirklichen Wissens. Alle anderen Methoden, die von den hier erwähnten abweichen, fallen in die Kategorie von Unwissenheit. Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura, ein großer ācārya, erklärte, dass alle Formen materiellen Wissens nichts weiter als äußere Aspekte der täuschenden Energie seien und dass man durch die Beschäftigung mit solchem Wissen zu nichts Besserem werde als zu einem Esel. Hier in der Śrī Īśopaniṣad finden wir diese Feststellung bestätigt. Durch den Fortschritt im materiellen Wissen wird der Mensch im Grunde auf die Stufe eines Esels zurückversetzt. Einige materialistische Politiker in spiritueller Maske verurteilen die gegenwärtige Zivilisation als satanisch, doch liegt ihnen leider nichts an der Kultivierung wahren Wissens, wie es in der Bhagavad-gītā beschrieben wird, und so können auch sie an den satanischen Zuständen nichts ändern.

Heutzutage sind schon Halbwüchsige so eingebildet, dass sie es nicht nötig haben, der älteren Generation Achtung zu erweisen. Die falsche Erziehung an unseren Universitäten hat dazu geführt, dass junge Menschen auf der ganzen Welt den älteren Sorgen bereiten. Die Śrī Īśopaniṣad ermahnt uns daher sehr eindringlich, die Förderung der Unwissenheit von der des Wissens zu unterscheiden. Unsere Universitäten sind gewissermaßen nur noch Zentren der Unwissenheit, und folglich erfinden Wissenschaftler mit großem Eifer tödliche Waffen, um andere Länder zu vernichten. Die heutigen Studenten werden nicht in den Prinzipien des brahmacarya (zölibatäres Leben) geschult, und sie glauben auch nicht an die Anweisungen der heiligen Schriften. Religiöse Grundsätze werden nur gelehrt, um sich einen Namen zu machen, und nicht, um tatsächlich danach zu handeln. Es herrscht daher nicht nur im sozialen und politischen Bereich Feindseligkeit, sondern auch im religiösen.

Auch der in verschiedenen Teilen der Welt entstandene Nationalismus ist auf diese Förderung der Unwissenheit unter den Menschen zurückzuführen. Niemand zieht in Betracht, dass unsere winzige Erde nur ein Klumpen Materie ist, der zusammen mit vielen anderen Klumpen im unermesslichen Raum schwebt. Im Vergleich zur Weite des Weltalls sind diese Materieklumpen wie in der Luft schwebende Staubteilchen. Weil Gott in Seiner Güte diese Materieklumpen als vollkommene, eigenständige Einheiten geschaffen hat, sind sie mit allem Notwendigen ausgestattet, um im Raum schweben zu können. Die Piloten unserer Raumschiffe mögen auf ihre Erfolge sehr stolz sein, doch sie vergessen den höchsten Piloten, der die viel größeren, gewaltigeren Raumschiffe lenkt, die man als Planeten bezeichnet.

Es gibt unzählige Sonnen und unzählige Planetensysteme. Wir winzigen Geschöpfe, die wir verschwindend kleine Teile des Höchsten Herrn sind, versuchen, diese zahllosen Planeten zu beherrschen. So werden wir immer wieder geboren und sterben und erleben die Enttäuschung des Alt- und Krankwerdens. Die Zeitspanne des menschlichen Lebens ist auf etwa einhundert Jahre festgelegt, wenngleich sie sich allmählich auf zwanzig bis dreißig Jahre verringern wird. Dank einer Kultur, die die Unwissenheit unter den Menschen fördert, haben Narren ihre eigenen Nationen geschaffen, um in den wenigen Jahren ihres Lebens ihre Sinne noch besser genießen zu können. Solche törichten Menschen entwerfen vielerlei Pläne, um ihren abgegrenzten Flecken Erde vollkommen zu machen, was völlig unmöglich ist. Doch aus diesem Grunde ist eine Nation für eine andere zum Schreckgespenst geworden. Mehr als fünfzig Prozent der Energie einer Nation werden für den Verteidigungshaushalt aufgewendet – und so vergeudet. Niemand kümmert sich um die Kultivierung von echtem Wissen, und doch bilden sich die Menschen ein, sowohl in materieller als auch in spiritueller Erkenntnis fortzuschreiten.

Die Śrī Īśopaniṣad warnt uns vor solch falscher Bildung, und die Bhagavad-gītā (13.8–12) gibt Anweisungen, wie man wirkliches Wissen entwickeln kann. In diesem mantra wird darauf hingewiesen, dass man vidyā (Wissen) von einem dhīra empfangen muss. Ein dhīra ist jemand, der sich durch die materielle Illusion nicht täuschen lässt. Niemand kann über den Einflüssen der täuschenden Energie stehen, ohne vollkommene spirituelle Erkenntnis erlangt zu haben. Dies zeigt sich daran, dass man frei wird von Verlangen und Klagen. Ein dhīra erkennt, dass der grobstoffliche und der feinstoffliche materielle Körper, die ihm aufgrund seiner Bindung an die Materie zugefallen sind, fremde Elemente sind. Er macht daher einfach das Beste aus einem schlechten Geschäft.

Der materielle Körper und der materielle Geist sind ein schlechtes Geschäft für das spirituelle Lebewesen. Seine eigentliche Heimat ist die lebendige spirituelle Welt. Die materielle Welt ist tot. Solange die lebendigen spirituellen Funken die tote Materie bewegen, erscheint die tote Welt wie eine lebendige Welt, doch eigentlich sind es die lebendigen Seelen, die integralen Teile des Höchsten Wesens, die die Welt in Bewegung halten. Die dhīras wissen all diese Dinge, weil sie von höheren Autoritäten darüber gehört haben, und sie haben dieses Wissen durch das Befolgen der regulierenden Prinzipien verinnerlicht.

Um die regulierenden Prinzipien befolgen zu können, muss man bei einem echten spirituellen Meister Zuflucht suchen. Die transzendentale Botschaft und die regulierenden Prinzipien empfängt der Schüler vom spirituellen Meister, und nicht auf dem fragwürdigen Weg eines auf Unwissenheit beruhenden Bildungssystems. Nur durch ergebenes Hören von einem echten spirituellen Meister kann man zu einem dhīra werden. In der Bhagavad-gītā wurde Arjuna zu einem dhīra, indem er ergeben den Worten Śrī Kṛṣṇas, des Persönlichen Gottes, lauschte. Der vollkommene Schüler muss sein wie Arjuna und der spirituelle Meister wie der Herr selbst. So empfängt man vidyā (Wissen) von einem dhīra.

Ein adhīra (jemand, der nicht die Ausbildung eines dhīra empfangen hat) kann kein wegweisender Führer sein. Die heutigen Politiker, die sich als dhīras ausgeben, sind in Wirklichkeit adhīras, und daher kann man von ihnen kein vollkommenes Wissen erwarten. Ihnen geht es nur um ihre eigenen Vergütungen in Form von Dollars und Cents. Wie können sie also die Masse der Menschen auf den richtigen Pfad der Selbsterkenntnis führen? Um wirkliches Wissen zu erhalten, muss man daher in ergebener Haltung von einem dhīra hören.

Elftes Mantra

vidyāṁ cāvidyāṁ ca yas
tad vedobhayaḿ saha
avidyayā mṛtyuṁ tīrtvā
vidyayāmṛtam aśnute
Synonyms: 
vidyām — wirkliches Wissen; ca — und; avidyām — Unwissenheit; ca   — und; yaḥ — jemand, der; tat — dieses; veda — kennt; ubhayam — beides; saha — gleichzeitig; avidyayā — durch Förderung der Unwissenheit; mṛtyum — wiederholter Tod; tīrtvā — transzendierend; vidyayā — durch die Entwicklung von Wissen; amṛtam — der Todlosigkeit; aśnute — erfreut sich.
Translation: 
Nur wer die Wirkungsweise der Unwissenheit und die des transzendentalen Wissens zugleich begreift, vermag den Einfluss wiederholter Geburt und wiederholten Todes zu überwinden und kann sich des vollen Segens der Unsterblichkeit erfreuen.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Seit der Erschaffung der materiellen Welt strebt jeder danach, ewig zu leben, doch das Gesetz der Natur ist so grausam, dass es niemandem gelingt, der Hand des Todes zu entgehen. Niemand möchte sterben, und niemand möchte alt und krank werden, doch das Gesetz der Natur gestattet niemandem Immunität gegen Alter, Krankheit und Tod. Auch der Fortschritt im materiellen Wissen hat diese Probleme nicht zu lösen vermocht. Die Wissenschaftler haben zwar die Atombombe erfunden, um das Sterben zu beschleunigen, doch vermögen sie nichts zu entdecken, was den Menschen vor dem unerbittlichen Griff von Alter, Krankheit und Tod bewahren kann.

Der siebte Canto des Śrīmad-Bhāgavatam berichtet uns von Hiraṇyakaśipu, einem dämonischen König, der in materieller Hinsicht sehr fortgeschritten war und durch seine materiellen Errungenschaften und die Macht seiner Unwissenheit den Tod bezwingen wollte. Er unterzog sich daher einer Art Meditation, die mit solch strenger Askese verbunden war, dass sich die Bewohner aller Planetensysteme durch seine mystischen Kräfte bedroht fühlten. Er zwang den Schöpfer des Universums, den Halbgott Brahmā, zu ihm herabzukommen, und verlangte von ihm die Segnung, amara (unsterblich) zu werden. Brahmā konnte ihm diese Segnung jedoch nicht gewähren, denn selbst er, der Schöpfer des materiellen Universums und Herrscher über alle Planeten, ist nicht amara. Wie in der Bhagavad-gītā (8.17) bestätigt wird, verfügt er über eine sehr lange Lebensdauer, doch dies bedeutet nicht, dass er unsterblich ist.

Hiraṇya bedeutet „Gold“, und kaśipu bedeutet „weiches Bett“. Dieser feine Herr war also an diesen beiden Dingen interessiert – an Geld und Frauen –, und wollte sie genießen, ohne sterben zu müssen. Als Brahmā ihn wissen ließ, dass er ihm die Segnung der Unsterblichkeit nicht erteilen könne, erbat sich Hiraṇyakaśipu von Brahmā Segnungen anderer Art, in der Hoffnung, sein Begehren indirekt erfüllen zu können: Niemandem sollte es möglich sein, ihn zu töten – weder einem Menschen noch einem Tier, einem Halbgott oder sonst einem Geschöpf unter den 8    400    000 Lebensarten. Auch sollte er nicht auf dem Land, in der Luft, im Wasser oder durch irgendeine Waffe sterben. Noch vieles andere mehr ließ er sich zusichern und glaubte so, gegen den Tod gefeit zu sein. Zuletzt aber wurde er, trotz all der Segnungen Brahmās, vom Höchsten Persönlichen Gott in der Gestalt des Menschlöwen Nṛsiṁha getötet. Hiraṇyakaśipu fiel durch keine Waffe, sondern wurde von den Krallen des Herrn in Stücke gerissen, und er starb auch nicht auf dem Land, in der Luft oder im Wasser, sondern auf dem Schoß jenes wundersamen Wesens Nṛsiṁha, das sich jenseits seiner Vorstellungskraft befand.

Von entscheidender Bedeutung ist hier die Tatsache, dass selbst Hiraṇyakaśipu, der mächtigste der Materialisten, trotz seiner vielfältigen Pläne nicht dem Tod entrinnen konnte. Was werden also die winzigen Hiraṇyakaśipus der heutigen Zeit erreichen, deren Pläne auf Schritt und Tritt vereitelt werden?

Die Śrī Īśopaniṣad unterweist uns, keine einseitigen Versuche zu unternehmen, den Kampf ums Dasein zu gewinnen. Jeder kämpft hart um seine Existenz, doch die Gesetze der materiellen Natur sind so streng und unnachgiebig, dass sie es niemandem gestatten, sie zu überwinden. Will man ewig leben, so muss man bereit sein, zu Gott zurückzukehren.

Was man tun muss, um zu Gott zu gelangen, erfährt man aus den offenbarten vedischen Schriften wie den Upaniṣaden, dem Vedānta- sūtra, der Bhagavad-gītā und dem Śrīmad-Bhāgavatam. Wenn man im gegenwärtigen Leben glücklich werden und nach dem Verlassen des materiellen Körpers ein ewiges, glückseliges Leben erreichen möchte, muss man sich diesen heiligen Schriften aufschließen und transzendentales Wissen erwerben. Das bedingte Lebewesen hat seine ewige Beziehung zu Gott vergessen und hält irrtümlich seinen Geburtsort für sein Ein und Alles. Der Herr offenbarte in Seiner Güte die oben erwähnten Schriften in Indien und andere Schriften in anderen Ländern, um den vergesslichen Menschen daran zu erinnern, dass seine Heimat nicht hier in der materiellen Welt ist. Das Lebewesen ist von spiritueller Natur und kann nur glücklich sein, wenn es in seine spirituelle Heimat, zu Gott, zurückkehrt.

Der Höchste Persönliche Gott schickt Seine ergebenen Diener aus Seinem Reich, um diese Botschaft, durch die man zu Ihm zurückkehren kann, zu verbreiten, und manchmal kommt Er auch selbst zu diesem Zweck. Da alle Lebewesen Seine geliebten Kinder, Seine integralen Teile sind, leidet Gott mehr als wir selbst, wenn Er die Leiden sieht, denen wir im materiellen Dasein ständig ausgesetzt sind. Die Leiden der materiellen Welt dienen indirekt dazu, uns daran zu erinnern, dass unsere eigentliche, spirituelle Natur mit der toten Materie unvereinbar ist. Intelligente Lebewesen nehmen sich diese Mahnungen zu Herzen und bemühen sich um die Entwicklung von vidyā, transzendentalem Wissen. Das menschliche Leben bietet die beste Gelegenheit zur Kultivierung spirituellen Wissens. Ein Mensch, der diese Gelegenheit nicht nutzt, gilt als narādhama, der Niedrigste unter den Menschen.

Der Pfad der avidyā, d.   h. der Förderung materiellen Wissens zur Befriedigung der Sinne, ist der Pfad wiederholter Geburten und Tode. Da das Lebewesen von spiritueller Natur ist, kennt es weder Geburt noch Tod. Geburt und Tod betreffen die äußere Hülle der spirituellen Seele, den Körper. Der Tod wird mit dem Ablegen und die Geburt mit dem Anlegen von Kleidern verglichen. Törichten Menschen, die von der Kultivierung der avidyā (Unwissenheit) völlig in Anspruch genommen sind, macht dieser grausame Vorgang nichts aus. Betört durch die Schönheit der täuschenden Energie, machen sie immer wieder die gleichen Leiden durch und ziehen doch keine Lehre aus den Gesetzen der Natur.

Es ist für den Menschen von größter Bedeutung, sich um vidyā, transzendentales Wissen, zu bemühen. Er muss den Genuss der Sinne im krankhaften materiellen Zustand so weit wie möglich einschränken. Der uneingeschränkte Genuss der Sinne im körperlichen Dasein ist der Pfad der Unwissenheit und des Todes. Die Lebewesen sind nicht ohne spirituelle Sinne. Jedes Lebewesen hat in seiner ursprünglichen, spirituellen Gestalt alle Sinne, die jetzt auf materielle Weise zum Ausdruck kommen, da sie von Körper und Geist bedeckt sind. Die Tätigkeiten der materiellen Sinne sind verzerrte Spiegelungen der Tätigkeiten der ursprünglichen, spirituellen Sinne. Wenn die spirituelle Seele unter der materiellen Hülle tätig ist, befindet sie sich in einem krankhaften Zustand. Wirklicher Genuss der Sinne ist nur möglich, wenn die Krankheit der materialistischen Gesinnung geheilt ist. In unserer reinen spirituellen Form, frei von aller materiellen Verunreinigung, ist echter Sinnengenuss möglich. Ein Patient muss erst seine Gesundheit wiederherstellen, bevor er die Freuden der Sinne genießen kann. Das Ziel des menschlichen Lebens sollte daher nicht widernatürlicher Sinnengenuss sein, sondern die Beseitigung der materiellen Krankheit. Eine Verschlimmerung der materiellen Krankheit zeugt nicht von Wissen, sondern von avidyā, Unwissenheit. Wer genesen will, darf sein Fieber nicht von 39 Grad auf 41 Grad erhöhen, sondern muss es auf die Normaltemperatur von 37 Grad senken. Das sollte das Ziel des menschlichen Lebens sein. Die heutige materialistische Zivilisation neigt dazu, die Temperatur des fieberhaften materiellen Daseins in die Höhe zu treiben, und folglich ist es dank der Atomenergie bereits auf 41 Grad angestiegen. Gleichzeitig jammern die törichten Politiker, mit der Welt könne es jeden Augenblick zu Ende sein. Das ist das Ergebnis der Förderung materiellen Wissens und der Vernachlässigung des Wichtigsten im Leben, der Kultivierung spirituellen Wissens. Hier warnt uns die Śrī Īśopaniṣad eindringlich davor, diesem gefährlichen Pfad zu folgen, der zum Tode führt. Stattdessen müssen wir spirituelles Wissen entwickeln, um so schließlich vor der Hand des Todes völlig sicher sein zu können.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Tätigkeiten zur Erhaltung des Körpers aufhören sollen. Es kann keine Rede davon sein, alles Tun einzustellen, ebenso wie wir die Körpertemperatur nicht auf null senken, wenn wir von einer Krankheit genesen wollen. Der treffende Ausdruck in diesem Zusammenhang lautet „das Beste aus einem schlechten Geschäft machen“. Um spirituelles Wissen zu entwickeln, muss man die Hilfe des Körpers und des Geistes in Anspruch nehmen, und daher ist die Erhaltung des Körpers und des Geistes nötig, wenn man das Ziel erreichen will. Wir sollten bemüht sein, die normale Temperatur von 37 Grad beizubehalten. Die großen Weisen und Heiligen Indiens haben versucht, dies durch ein ausgeglichenes System spirituellen und materiellen Wissens zu erreichen. Sie billigten niemals den Missbrauch menschlicher Intelligenz für krankhafte Sinnenbefriedigung.

Die Veden enthalten Richtlinien für Menschen, die durch den Hang zur Sinnenbefriedigung in der Seele erkrankt sind. Diese Richtlinien beruhen auf den Prinzipien der Religiosität, der wirtschaftlichen Entwicklung, der Sinnenbefriedigung und der Erlösung. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt den Menschen weder an Religion noch an Erlösung etwas. Sie kennen nur ein Lebensziel – die Befriedigung ihrer Sinne –, und um dieses Ziel zu erreichen, schmieden sie Pläne für wirtschaftliche Entwicklung. Irregeführte Menschen sind der Ansicht, Religion solle beibehalten werden, weil sie zur wirtschaftlichen Entwicklung beitrage, die nötig sei, um die Sinne zu befriedigen. Und um nach dem Tode, im Himmel, weitere Sinnenbefriedigung zu gewährleisten, gebe es ein System religiöser Prinzipien und Gebote. Dies ist jedoch nicht der Zweck der Religiosität und der wirtschaftlichen Entwicklung. In Wahrheit soll der Pfad der Religion zu Selbsterkenntnis führen und der Gesunderhaltung des Körpers dienen. Der Mensch soll gesund und mit einem klaren Geist leben, um vidyā, wahres Wissen, aufnehmen zu können. Das ist das Ziel des menschlichen Lebens. Dieses Leben ist nicht dafür bestimmt, zu schuften wie ein Esel oder avidyā zu fördern, um die Sinne befriedigen zu können.

Der Pfad der vidyā wird in seiner vollendeten Form im Śrīmad- Bhāgavatam beschrieben, das den Menschen anweist, sein Leben für Fragen nach der Absoluten Wahrheit zu nutzen. Die Absolute Wahrheit wird Schritt für Schritt als Brahman, Paramātmā und schließlich Bhagavān, der Höchste Persönliche Gott, erkannt. Die Absolute Wahrheit erkennt der weitsichtige Mensch, der Wissen und Loslösung erlangt hat, indem er den in der Erläuterung zum zehnten mantra aufgeführten achtzehn Weisungen der Bhagavad-gītā folgt. Diese achtzehn Weisungen sollen den Menschen letztlich dahin führen, transzendentalen hingebungsvollen Dienst zu erreichen. Aus diesem Grund wird allen Menschen geraten, die Kunst des hingebungsvollen Dienstes zu erlernen.

Der sichere Weg zum Ziel der vidyā wird von Śrīla Rūpa Gosvāmī in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu beschrieben, den wir unter dem Titel Der Nektar der Hingabe veröffentlicht haben. Wie man vidyā entwickelt, wird vom Śrīmad-Bhāgavatam (1.2.14) mit folgenden Worten zusammengefasst:

tasmād ekena manasā
bhagavān sātvatāṁ patiḥ
śrotavyaḥ kīrtitavyaś ca
dhyeyaḥ pūjyaś ca nityadā

„Gottgeweihte sollen daher ständig mit gespannter Aufmerksamkeit über den Höchsten Persönlichen Gott, ihren Beschützer, hören, Ihn lobpreisen, sich an Ihn erinnern und Ihn verehren.“

Ohne das Ziel, hingebungsvollen Dienst für den Herrn, zu erreichen, sind Religion, wirtschaftliche Entwicklung und Sinnenbefriedigung nur verschiedene Formen der Unwissenheit. Dies wird in den folgenden mantras der Śrī Īśopaniṣad erläutert werden.

Zwölftes Mantra

andhaṁ tamaḥ praviśanti
ye ’sambhūtim upāsate
tato bhūya iva te tamo
ya u sambhūtyāḿ ratāḥ
Synonyms: 
andham — Unwissenheit; tamaḥ — Finsternis; praviśanti — gehen ein in; ye — diejenigen, die; asambhūtim — Halbgötter; upāsate — verehren; tataḥ — als dieses; bhūyaḥ — noch mehr; iva — wie dieses; te — jene; tamaḥ — Finsternis; ye — die; u — auch; sambhūtyām — mit dem Absoluten; ratāḥ — sich befassend mit.
Translation: 
Die Verehrer der Halbgötter gehen in den finstersten Bereich der Unwissenheit ein, und noch schlimmer ergeht es den Verehrern des unpersönlichen Absoluten.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Das Sanskritwort asambhūti bezeichnet diejenigen, deren Dasein nicht unabhängig ist. Mit sambhūti ist der Absolute Persönliche Gott gemeint, der absolut unabhängig von allem ist. In der Bhagavad-gītā (10.2) sagt der Absolute Persönliche Gott, Śrī Kṛṣṇa:

na me viduḥ sura-gaṇāḥ
prabhavaṁ na maharṣayaḥ
aham ādir hi devānāṁ
maharṣīṇāṁ ca sarvaśaḥ

„Weder die Scharen der Halbgötter noch die großen Weisen kennen Meinen Ursprung oder Meine Herrlichkeit, denn Ich bin der Ursprung der Halbgötter und der Weisen.“ Kṛṣṇa ist somit der Ursprung der Kräfte, über die Halbgötter, große Weise und Mystiker verfügen. Zwar besitzen sie große Macht, doch auch ihre Macht ist begrenzt, und somit fällt es ihnen schwer zu begreifen, wie Kṛṣṇa durch Seine innere Kraft in der Gestalt eines Menschen erscheint.

Viele große Philosophen und ṛṣis (Mystiker) versuchen, mit ihrem winzigen Verstand das Absolute vom Relativen zu unterscheiden. Dies kann ihnen jedoch nur helfen, zu einer negativen Auffassung vom Absoluten zu gelangen, ohne eine positive Spur des Absoluten zu erkennen. Eine Definition des Absoluten durch Negation ist nicht umfassend. Solche negativen Definitionen führen dazu, dass man sich seine eigene Vorstellung schafft, und so glaubt man, das Absolute müsse formlos und ohne Eigenschaften sein. Solche negativen Eigenschaften sind nur die Umkehrungen relativer, materieller Eigenschaften und daher ebenfalls relativ. Durch diese Auffassung vom Absoluten kann man bestenfalls die als Brahman bekannte unpersönliche Ausstrahlung Gottes erreichen, doch weiterer Fortschritt zur Erkenntnis von Bhagavān, dem Höchsten Persönlichen Gott, ist auf diesem Wege nicht möglich.

Solche Anhänger der intellektuellen Spekulation wissen nicht, dass Kṛṣṇa der Absolute Persönliche Gott ist und dass das unpersönliche Brahman die gleißende Ausstrahlung Seines transzendentalen Körpers ist, während der Paramātmā, die Überseele, Seinen alldurchdringenden Aspekt darstellt. Auch ist ihnen nicht bekannt, dass Kṛṣṇa eine ewige Gestalt hat, mit transzendentalen Eigenschaften wie ewiger Glückseligkeit und vollkommenem Wissen. Die von Ihm abhängigen Halbgötter und großen Weisen halten Ihn in ihrer Unvollkommenheit für einen mächtigen Halbgott und glauben, die Brahman-Ausstrahlung sei die Absolute Wahrheit. Kṛṣṇas Geweihte jedoch können aufgrund ihrer reinen Hingabe zu Ihm erkennen, dass Er die Absolute Person ist und dass alles von Ihm ausgeht. Solche Gottgeweihten dienen Kṛṣṇa, dem Ursprung aller Dinge, ständig mit liebender Hingabe.

In der Bhagavad-gītā (7.20, 23) heißt es ebenfalls, dass nur unintelligente, verwirrte Menschen, getrieben von dem starken Verlangen ihre Sinne zu befriedigen, die Halbgötter verehren, doch alles, was sie davon haben, ist eine vorübergehende Erleichterung von ihren Problemen. Das Lebewesen ist in die materielle Welt verstrickt und muss aus dieser Knechtschaft völlig befreit werden; erst dann kann es auf der spirituellen Ebene des ewigen Lebens, der grenzenlosen Glückseligkeit und des vollkommenen Wissens beständige Erleichterung erfahren.

In der Bhagavad-gītā (7.23) wird gesagt, dass die Verehrer der Halbgötter zu den Planeten der Halbgötter gelangen können. Zum Beispiel können die Verehrer des Mondes zum Mond gelangen, die der Sonne zur Sonne und so fort. Die heutigen Wissenschaftler versuchen, mit Hilfe von Raketen zum Mond zu gelangen, doch dies ist gar kein so neues Unterfangen. Durch sein entwickeltes Bewußtsein besitzt der Mensch seit jeher die natürliche Neigung, durch das Weltall zu reisen und andere Planeten zu besuchen – entweder mit Hilfe von Raumschiffen, mystischen Kräften oder durch die Verehrung der Halbgötter. Aus den vedischen Schriften erfahren wir, dass man auf jedem dieser drei Wege andere Planeten erreichen kann, doch der gewöhnliche Weg ist die Verehrung des Halbgottes, der über den jeweiligen Planeten gebietet. Auf diese Weise kann man zur Sonne, zum Mond und sogar nach Brahmaloka gelangen, dem höchsten Planeten in unserem Universum. Alle Planeten im materiellen Universum sind indes nur vorübergehende Aufenthaltsorte; die einzigen beständigen Planeten sind die Vaikuṇṭhalokas. Diese ewigen Planeten schweben im spirituellen Himmel, und der Höchste Persönliche Gott selbst ist dort der Herrscher. In der Bhagavad-gītā (8.16) erklärt Śrī Kṛṣṇa:

ā-brahma-bhuvanāl lokāḥ
punar āvartino ’rjuna
mām upetya tu kaunteya
punar janma na vidyate

„Alle Planeten in der materiellen Welt – vom höchsten bis hinab zum niedrigsten – sind Orte des Leids, an denen Geburt und Tod sich wiederholen. Wer jedoch in Mein Reich gelangt, o Sohn Kuntīs, wird niemals wieder geboren.“

Die Śrī Īśopaniṣad weist darauf hin, dass jemand, der die Halbgötter anbetet und auf ihren jeweiligen Planeten gelangt, noch immer im finstersten Bereich des Universums verbleibt. Das gesamte Universum wird von einer gigantischen, aus den materiellen Elementen bestehenden Hülle umschlossen. Es gleicht einer Kokosnuss, die von einer Schale umgeben und zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Da das Universum nach außen hin luftdicht verschlossen ist, herrscht im Innern tiefe Finsternis, sodass Sonne und Mond zur Beleuchtung nötig sind. Außerhalb des Universums erstreckt sich das unendliche brahmajyoti, in welchem zahllose Vaikuṇṭhalokas schweben. Der höchste Planet im brahmajyoti ist Kṛṣṇaloka, Goloka Vṛndāvana, das Reich des Höchsten Persönlichen Gottes, Śrī Kṛṣṇas. Kṛṣṇa verlässt niemals Kṛṣṇaloka, und obwohl Er dort mit Seinen ewigen Gefährten weilt, ist Er sowohl in der materiellen als auch in der spirituellen Welt allgegenwärtig. Diese Tatsache wurde bereits im vierten Mantra der Śrī Īśopaniṣad erklärt. Der Herr ist – wie die Sonne – überall gegenwärtig, obwohl Er stets an einem Ort weilt, ebenso wie die Sonne von ihrer Bahn nie abweicht.

Die Probleme des Lebens können nicht dadurch gelöst werden, dass man zum Mond oder einem anderen Planeten gelangt, sei dieser nun höher oder niedriger gelegen als der Mond. Deshalb rät uns die Śrī Īśopaniṣad, nach keinem Ziel im finsteren materiellen Universum zu trachten, sondern den Versuch zu unternehmen, die materielle Welt hinter uns zu lassen und in das strahlende Reich Gottes zu gelangen. Es gibt viele pseudoreligiöse Menschen, die sich der Religion nur zuwenden, um sich einen Namen zu machen. Solche Frömmler haben nicht wirklich den Wunsch, aus dem Universum herauszukommen und den spirituellen Himmel zu erreichen. Unter dem Deckmantel der Gottesverehrung wollen sie nur ihren Status quo in der materiellen Welt erhalten. Die Atheisten und die Vertreter des Unpersönlichen führen solche törichten, pseudoreligiösen Menschen in die finstersten Bereiche, indem sie den Kult des Atheismus predigen. Der Atheist verneint offen die Existenz des Höchsten Persönlichen Gottes, und die Unpersönlichkeitsphilosophen unterstützen die Atheisten, indem sie die Aufmerksamkeit auf den unpersönlichen Aspekt des Höchsten Herrn lenken. Bisher ist uns in der Śrī Īśopaniṣad noch kein mantra begegnet, das den Höchsten Herrn verneint hätte. Es heißt, dass Er schneller laufen kann als jeder andere. Diejenigen, die anderen Planeten „nachlaufen“, sind zweifellos Personen, und wenn der Herr schneller laufen kann als sie alle, wie kann Er dann unpersönlich sein? Die unpersönliche Auffassung vom Höchsten Herrn ist eine weitere Form der Unwissenheit, die einem unvollkommenen Verständnis von der Absoluten Wahrheit entspringt.

Die unwissenden, pseudoreligiösen Menschen und die Erfinder so genannter Inkarnationen, die unmittelbar gegen die vedischen Unterweisungen verstoßen, sind daher dazu verurteilt, in den finstersten Bereich des Universums einzugehen, da sie ihre Anhänger in die Irre führen. Solche Unpersönlichkeitsanhänger geben sich im Allgemeinen gegenüber unwissenden Menschen, die keine Kenntnis von der vedischen Weisheit haben, gern selbst als Inkarnationen Gottes aus. Wenn solche Narren überhaupt Wissen besitzen, ist es in ihren Händen gefährlicher als gewöhnliche Unwissenheit. Sie verehren nicht einmal die Halbgötter, wie es in den Schriften empfohlen wird. In den Schriften wird empfohlen, unter gewissen Umständen die Halbgötter zu verehren, doch zugleich heißt es dort auch, dass dies für gewöhnlich nicht nötig ist. In der Bhagavad-gītā (7.23) finden wir die eindeutige Aussage, dass die Ergebnisse der Halbgötterverehrung nicht beständig sind. Da das gesamte Universum vergänglich ist, ist auch alles innerhalb der Finsternis des materiellen Daseins Erreichte nicht von Dauer. Die Frage ist also, wie man wahres, ewiges Leben erreicht.

Der Herr versichert, dass man in dem Augenblick, wo man Ihn durch hingebungsvollen Dienst erreicht – der einzige Weg, sich dem Höchsten Persönlichen Gott zu nähern – von der Knechtschaft der Geburten und Tode völlig frei wird. Der Pfad der Erlösung aus der materiellen Gefangenschaft ist also völlig von dem Wissen und der Loslösung abhängig, die man durch den Dienst für den Herrn erlangt. Die pseudoreligiösen Menschen besitzen weder Wissen noch sind sie imstande, sich von materiellen Dingen zu lösen; die meisten von ihnen wollen unter dem Deckmantel altruistischer und philanthropischer Tätigkeiten und im Namen so genannter Religiosität weiter in den goldenen Ketten materieller Versklavung leben. Durch vorgetäuschte religiöse Gefühlsregungen stellen sie hingebungsvollen Dienst zur Schau, während sie gleichzeitig allen nur denkbaren unmoralischen Tätigkeiten nachgehen. Auf diese Weise präsentieren sie sich als spirituelle Meister und Geweihte Gottes. Solche Frevler gegen die Grundsätze der Religion haben keine Achtung vor den bevollmächtigten ācāryas, den heiligen Lehrern in der strikten Schülernachfolge. Sie missachten die vedische Anweisung ācāryopāsanam – „Man muss den ācārya ehren“ – und Kṛṣṇas Aussage in der Bhagavad-gītā (4.2): evaṁ paramparā prāptam. „Dieses erhabenste Wissen über Gott wurde durch die Schülernachfolge empfangen.“ Um die Menschen in die Irre zu führen, werden sie stattdessen selbst zu so genannten ācāryas, ohne jedoch den Grundsätzen der echten ācāryas zu folgen.

Solche Schurken sind die gefährlichsten Elemente in der menschlichen Gesellschaft, und weil es keine religiösen Regierungen gibt, entgehen sie ihrer gerechten Strafe. Sie können jedoch nicht das Gesetz des Höchsten umgehen, der in der Bhagavad-gītā (16.19–20) eindeutig erklärt, dass von Neid erfüllte Dämonen im Gewand religiöser Propagandisten in die finstersten Bereiche der Hölle geworfen werden. Die Śrī Īśopaniṣad bestätigt, dass diese Frömmler nach Beendigung ihres Geschäfts mit der Spiritualität, das sie nur um der Befriedigung ihrer Sinne willen betreiben, den abscheulichsten Orten im Universum entgegenstreben.

Dreizehntes Mantra

anyad evāhuḥ sambhavād
anyad āhur asambhavāt
iti śuśruma dhīrāṇāṁ
ye nas tad vicacakṣire
Synonyms: 
anyat — von anderer Art; eva — gewiss; āhuḥ — es heißt; sambhavāt — durch die Verehrung des Höchsten Herrn, der Ursache aller Ursachen; anyat — von anderer Art; āhuḥ — es heißt; asambhavāt — durch Verehrung des Nichthöchsten; iti — so; śuśruma — ich hörte es; dhīrāṇām — von den weisen Autoritäten; ye — die; naḥ — uns; tat — diese Dinge; vicacakṣire — unmissverständlich erklärten.
Translation: 
Es wird gesagt, dass die Verehrung der höchsten Ursache aller Ursachen ein anderes Ergebnis hervorbringt als die Verehrung des Nichthöchsten. All dies wurde von großen Meistern vernommen, die in der Transzendenz verankert waren und es unmissverständlich erklärten.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Das System des Hörens von erleuchteten, in der Transzendenz verankerten Meistern wird in diesem mantra bestätigt. Ohne von einem echten ācārya zu hören, den der ständige Wandel der materiellen Welt nicht verwirrt, kann man nicht den wahren Schlüssel zu transzendentalem Wissen in den Händen halten. Der echte spirituelle Meister, der die śruti-mantras (das vedische Wissen) wiederum von seinem erleuchteten ācārya hörte, erfindet oder verkündet niemals etwas, was nicht in den vedischen Schriften belegt ist.

In der Bhagavad-gītā (9.25) heißt es eindeutig, dass die Verehrer der pitṛs (Ahnen) auf die Planeten der Ahnen gelangen und dass die Materialisten, die für ihren Aufenthalt auf der Erde Pläne schmieden, wieder in diese Welt kommen. Die Geweihten des Herrn hingegen, die niemanden außer Kṛṣṇa, der höchsten Ursache aller Ursachen, verehren, gehen zu Ihm in Sein Reich im spirituellen Himmel.

Auch hier in der Śrī Īśopaniṣad wird bestätigt, dass verschiedene Arten der Verehrung zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wenn wir den Höchsten Herrn verehren, werden wir gewiss zu Ihm in Sein ewiges Reich gelangen; wenn wir Halbgötter wie den Sonnen- oder Mondgott verehren, können wir ohne Zweifel deren Planeten erreichen. Und wenn wir auf unserem elenden Planeten mit seinen Planungsausschüssen und politischen Notlösungen bleiben wollen, können wir dies zweifellos ebenfalls tun.

In den authentischen Schriften heißt es nirgends, dass alle letztlich das gleiche Ziel erreichen, ganz gleich was sie tun oder wen sie verehren. Solche törichten Theorien werden von selbsternannten „Meistern“ angeboten, die keine Verbindung zur paramparā, der echten Schülernachfolge, haben. Der echte spirituelle Meister wird niemals sagen, dass alle Pfade zum gleichen Ziel führen und dass jeder dieses Ziel durch seine eigene Art der Verehrung erreichen kann – ganz gleich ob er die Halbgötter verehrt oder das Absolute Höchste oder was auch immer. Es ist leicht zu verstehen, dass jemand bei einer Bahnfahrt sein Ziel nur dann erreichen kann, wenn er die entsprechende Fahrkarte gelöst hat. Wer eine Fahrkarte nach Kalkutta gekauft hat, kann nach Kalkutta fahren, aber nicht nach Bombay. So genannte Meister jedoch behaupten, mit jeder beliebigen Fahrkarte komme man zum höchsten Ziel. Solche weltlichen Angebote klingen für viele törichte Menschen, die sich auf ihre selbst gemachten Methoden spiritueller Erkenntnis etwas einbilden, sehr verlockend. Die Unterweisungen der Veden unterstützen solche Vorstellungen jedoch nicht. Ohne seine Erkenntnisse von einem echten spirituellen Meister empfangen zu haben, der einer anerkannten Schülernachfolge angehört, kann man kein wahres Wissen erlangen. Kṛṣṇa sagt zu Arjuna in der Bhagavad-gītā (4.2):

evaṁ paramparā-prāptam
imaṁ rājarṣayo viduḥ
sa kāleneha mahatā
yogo naṣṭaḥ parantapa

„Dieses höchste Wissen wurde so durch die Nachfolge der spirituellen Meister empfangen, und die heiligen Könige verstanden es auf diese Weise. Doch im Laufe der Zeit wurde die Nachfolge unterbrochen, und daher scheint das Wissen, wie es ist, verloren zu sein.“

Als Śrī Kṛṣṇa auf der Erde weilte, waren die in der Bhagavad-gītā dargelegten Grundsätze des bhakti-yoga verdreht worden, und so musste der Herr das System der Schülernachfolge wiederherstellen, angefangen mit Arjuna, dem vertraulichsten Freund und Geweihten des Herrn. Der Herr machte Arjuna klar, dass er die Prinzipien der Bhagavad-gītā verstehen könne, weil er Sein Geweihter und Freund sei (Bg. 4.3). Niemand kann also die Prinzipien der Bhagavad-gītā verstehen, ohne ein Geweihter und Freund des Herrn zu sein. Dies bedeutet auch, dass nur derjenige, der Arjuna nachfolgt, die Bhagavad-gītā zu verstehen vermag.

In der heutigen Zeit gibt es viele Interpreten und Übersetzer dieses erhabenen Zwiegesprächs, denen Śrī Kṛṣṇa und Arjuna völlig egal sind. Sie legen die Verse der Bhagavad-gītā auf ihre eigene Weise aus und vertreten im Namen der Gītā allen nur denkbaren Unsinn. Solche Menschen glauben weder an Śrī Kṛṣṇa noch an Sein ewiges Reich. Wie können sie dann die Bhagavad-gītā erklären?

Kṛṣṇa sagt eindeutig, dass nur diejenigen, die von Sinnen sind, die Halbgötter verehren und dass ihre Belohung kümmerlich ist (Bg. 7.20, 23). Letztlich rät Kṛṣṇa dazu (Bg. 18.66), alle anderen Arten der Verehrung aufzugeben und sich allein Ihm völlig zu ergeben. Nur Menschen, die von allen sündhaften Reaktionen geläutert sind, können solch einen festen Glauben an den Höchsten Herrn besitzen. Andere werden mit ihren unvollkommenen Arten der Verehrung weiter auf der materiellen Ebene bleiben und werden so unter dem falschen Eindruck, alle Wege führten zum gleichen Ziel, vom richtigen Pfad abgebracht.

In diesem mantra der Śrī Īśopaniṣad ist das Wort sambhavāt („durch die Verehrung der höchsten Ursache“) von besonderer Bedeutung. Der Herr, Śrī Kṛṣṇa, ist der ursprüngliche Persönliche Gott, und alles Bestehende ist von Ihm ausgegangen. In der Bhagavad-gītā (10.8) erklärt der Herr:

ahaṁ sarvasya prabhavo
mattaḥ sarvaṁ pravartate
iti matvā bhajante māṁ
budhā bhāva-samanvitāḥ

„Ich bin der Ursprung aller spirituellen und materiellen Welten. Alles geht von Mir aus. Die Weisen, die dies vollkommen verstanden haben, beschäftigen sich in Meinem hingebungsvollen Dienst und verehren Mich von ganzem Herzen.“

Dies ist eine korrekte Beschreibung des Höchsten Herrn, die von Ihm selbst stammt. Die Worte sarvasya prabhavaḥ bedeuten, dass Kṛṣṇa der Schöpfer eines jeden ist – also auch der Brahmās, Viṣṇus und Śivas. Weil diese drei Hauptgottheiten der materiellen Welt vom Herrn geschaffen sind, ist Er der Schöpfer aller Dinge in den materiellen und spirituellen Welten. Im Atharva Veda (Gopāla-tāpani Upaniṣad 1.24) heißt es in ähnlicher Weise: „Er, der vor der Erschaffung Brahmās existierte und Brahmā mit vedischem Wissen erleuchtet, ist Śrī Kṛṣṇa.“ Ferner erfahren wir aus der Nārāyaṇa Upaniṣad (1): „Die Höchste Person hatte den Wunsch, Lebewesen zu erschaffen, und so erschuf Nārāyaṇa alle Lebewesen. Von Nārāyaṇa wurde Brahmā geboren. Nārāyaṇa erschuf alle Prajāpatis. Nārāyaṇa erschuf Indra. Nārāyaṇa erschuf die acht Vasus. Nārāyaṇa erschuf die elf Rudras, und Nārāyaṇa erschuf die zwölf Ādityas.“ Da Nārāyaṇa eine vollständige Erweiterung Śrī Kṛṣṇas ist, sind Nārāyaṇa und Kṛṣṇa ein und derselbe. Die Nārāyaṇa Upaniṣad (4) erklärt außerdem: „Devakīs Sohn [Kṛṣṇa] ist der Höchste Herr.“ Nārāyaṇas Identität mit der letzten Ursache wurde selbst von Śrīpāda Śaṅkarācārya anerkannt und bestätigt, obwohl dieser kein Vaiṣṇava (Anhänger des Persönlichen) war. Im Atharva Veda (Mahā Upaniṣad 1) heißt es weiterhin: „Allein Nārāyaṇa existierte am Anfang, als es weder Brahmā noch Śiva noch Feuer, Wasser, Sterne, Sonne oder Mond gab. Der Herr bleibt nicht allein, sondern erschafft nach Seinem Willen.“ Im Mokṣa-dharma sagt Kṛṣṇa: „Ich erschuf die Prajāpatis und die Rudras. Sie verfügen über kein umfassendes Wissen von Mir, weil sie von Meiner verblendenden Energie bedeckt sind.“ Im Varāha Purāṇa kann man lesen: „Nārāyaṇa ist der Höchste Persönliche Gott, und von Ihm kamen der vierköpfige Brahmā und Rudra, der später allwissend wurde.“

Alle vedischen Schriften bestätigen also, dass Nārāyaṇa, Kṛṣṇa, die Ursache aller Ursachen ist. Auch in der Brahma-saṁhitā (5.1) heißt es: „Der Höchste Herr ist Śrī Kṛṣṇa, Govinda, die Freude aller Lebewesen und die Ursache aller Ursachen.“ Ein wahrhaft gelehrter Mensch wird dies anhand der von den großen Weisen und den in den Veden gegebenen Zeugnissen erkennen und so den Entschluss fassen, Śrī Kṛṣṇa als sein Ein und Alles zu verehren. Solche Menschen bezeichnet man als budha, wahrhaft gelehrt, da sie nur noch Kṛṣṇa verehren.

Diese Überzeugung gewinnt man, wenn man die transzendentale Botschaft von einem erleuchteten ācārya mit Glauben und Liebe hört. Wer keinen Glauben an und keine Liebe zu Śrī Kṛṣṇa besitzt, kann von dieser einfachen Wahrheit nicht überzeugt sein. Die Ungläubigen werden in der Bhagavad-gītā (9.11) als mūḍhas, als Narren oder Esel, bezeichnet. Es heißt, dass die mūḍhas den Höchsten Persönlichen Gott verlachen, weil sie kein umfassendes Wissen von dem erleuchteten ācārya empfangen haben, der von aller Verwirrung frei ist. Wer durch den Sog der materiellen Energie in Verwirrung gerät, ist nicht befähigt, ācārya zu werden.

Bevor Arjuna die Bhagavad-gītā hörte, war er durch diesen Sog – seine Zuneigung zu Familie, Gesellschaft usw. – in Verwirrung geraten. Folglich wollte Arjuna ein philanthropischer, gewaltloser Mensch werden. Als er jedoch das vedische Wissen der Bhagavad-gītā von der Höchsten Person vernahm und dadurch budha wurde, änderte er seinen Entschluss und wurde zu einem Verehrer Śrī Kṛṣṇas, der die Schlacht von Kurukṣetra selbst in die Wege geleitet hatte. Arjuna verehrte den Herrn, indem er mit seinen so genannten Verwandten kämpfte. So wurde er zu einem reinen Geweihten des Herrn. Etwas Derartiges ist nur möglich, wenn man den wirklichen Kṛṣṇa verehrt und nicht einen N von törichten Menschen fabrizierten „Kṛṣṇa“, die keinerlei Kenntnis von der Komplexität der Wissenschaft von Kṛṣṇa haben, wie sie in der Bhagavad-gītā und im Śrīmad-Bhāgavatam beschrieben wird.

Laut Vedānta-sūtra ist sambhūta der Ursprung von Geburt und Erhaltung sowie die Ursubstanz, die nach der Vernichtung übrig bleibt (janmādy asya yataḥ). Das Śrīmad-Bhāgavatam, der natürliche Kommentar zum Vedānta-sūtra vom gleichen Verfasser, erklärt, dass der Ursprung aller Emanationen nicht wie ein toter Stein, sondern abhijña, voller Bewußtsein, ist (Bhāg. 1.1.1). Der uranfängliche Herr, Śrī Kṛṣṇa, sagt in der Bhagavad-gītā (7.26) ebenfalls, dass Er sich der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft voll bewusst ist, dass aber niemand, nicht einmal Halbgötter wie Śiva und Brahmā, Ihn in Seiner ganzen Fülle kennt. Es ist klar, dass halbgebildete „spirituelle Meister“, die durch die Wandlungen des materiellen Daseins verwirrt sind, Ihn nicht in Seiner ganzen Fülle kennen können. Sie versuchen, einen Kompromiss zu schließen und die gesamte Menschheit zum Objekt der Verehrung zu machen, doch eine solche Verehrung ist nichts weiter als Augenwischerei, denn die Massen sind unvollkommen. Der Versuch dieser so genannten spirituellen Meister gleicht dem Bewässern der Blätter eines Baumes statt der Wurzel. Der natürliche Vorgang besteht darin, die Wurzel zu begießen, doch die verwirrten Oberhäupter der heutigen Regierungen schenken den Blättern mehr Beachtung als der Wurzel. Obwohl sie die Blätter ständig bewässern, vertrocknet daher alles aus Mangel an Nahrung.

Die Śrī Īśopaniṣad rät uns, Wasser auf die Wurzel, den Ursprung allen Keimens, zu gießen. Die Verehrung der Menschheit durch Dienst auf der körperlichen Ebene, der nie vollkommen sein kann, ist weniger wichtig als Dienst an der Seele. Die Seele ist die Wurzel, aus der dem Gesetz des karma gemäß verschiedene Arten von Körpern erwachsen. Menschen durch ärztliche Versorgung, Sozialhilfe und Bildungsmöglichkeiten zu dienen, während man gleichzeitig unschuldigen Tieren in Schlachthöfen die Kehle durchschneidet, ist alles andere als Dienst an der Seele, dem Lebewesen.

Das Lebewesen leidet in verschiedenen Arten von Körpern unaufhörlich an der materiellen Krankheit in Form von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Das menschliche Leben bietet eine Gelegenheit, sich aus dieser Verstrickung ins materielle Dasein zu lösen, indem man die verlorene Beziehung zum Höchsten Herrn wiederherstellt. Der Herr kommt persönlich, um diese Philosophie der Hingabe an den Höchsten, den sambhūta, zu lehren. Einen wirklichen Dienst leistet man der Menschheit, wenn man sie lehrt, sich dem Höchsten Herrn zu ergeben und Ihn mit aller Liebe und Energie zu verehren. So lautet die Unterweisung der Śrī Īśopaniṣad in diesem mantra.

Der einfache Weg der Verehrung des Höchsten Herrn im gegenwärtigen Zeitalter der Verwirrung besteht im Hören und Lobpreisen Seiner großartigen Taten und Spiele. Diejenigen, die gedanklicher Spekulation nachgehen, denken jedoch, die Taten und Spiele des Herrn seien Einbildung, und daher wollen sie nichts von ihnen hören, sondern erfinden Wortspielereien ohne jede Substanz, um die Aufmerksamkeit der unschuldigen Menschen abzulenken. Statt über die Taten Śrī Kṛṣṇas zu hören, werben solche falschen spirituellen Meister für sich selbst, indem sie ihre Anhänger dazu bringen, sie selbst zu verherrlichen. In der heutigen Zeit ist die Zahl solcher Betrüger beträchtlich gestiegen, und es ist für die Geweihten des Herrn zu einem Problem geworden, die Menschen vor der gottlosen Propaganda dieser Heuchler und falschen Inkarnationen zu bewahren.

Die Upaniṣaden lenken unser Augenmerk nur indirekt auf den ursprünglichen Herrn Śrī Kṛṣṇa, doch die Bhagavad-gītā, die Zusammenfassung aller Upaniṣaden, deutet unmittelbar auf Śrī Kṛṣṇa hin. Daher sollte man über Kṛṣṇa hören, wie Er ist, indem man aus der Bhagavad- gītā oder dem Śrīmad-Bhāgavatam hört. So wird der Geist allmählich von allen Unreinheiten geläutert. Im Śrīmad-Bhāgavatam (1.2.17) heißt es: „Wenn ein Gottgeweihter von den Taten und Spielen des Herrn hört, lenkt er die Aufmerksamkeit des Herrn auf sich, und dann hilft der Herr, der im Herzen eines jeden weilt, dem Gottgeweihten, indem Er ihm geeignete Anweisungen gibt.“ Auch die Bhagavad-gītā (10.10) bestätigt dies: dadāmi buddhi-yogaṁ taṁ yena mām upayānti te.

Die Unterweisungen, die der Herr von innen her erteilt, läutern das Herz des Gottgeweihten von aller durch die Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit hervorgerufenen Unreinheit. Nichtgottgeweihte unterstehen der Herrschaft von Leidenschaft und Unwissenheit. Wer unter dem Einfluss der Leidenschaft steht, kann sich nicht von der Begierde nach materiellen Dingen lösen, und wer von Unwissenheit beeinflusst ist, kann weder erkennen, wer er selbst noch wer der Herr ist. Unter der Herrschaft von Leidenschaft oder Unwissenheit besteht also keine Aussicht auf Selbsterkenntnis, auch wenn man noch so gut die Rolle eines religiösen Menschen spielt. Für einen Gottgeweihten wird der Einfluss der Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit durch die Gnade des Herrn aufgehoben, und so erwirbt er die Eigenschaft der Tugend, das Merkmal eines vollkommenen brāhmaṇa. Jeder kann sich als brāhmaṇa qualifizieren, vorausgesetzt, dass er dem Pfad des hingebungsvollen Dienstes unter der Führung eines echten spirituellen Meisters folgt. Im Śrīmad-Bhāgavatam (2.4.18) heißt es:

kirāta-hūṇāndhra-pulinda-pulkaśā
ābhīra-śumbhā yavanāḥ khasādayaḥ
ye ’nye ca pāpā yad-apāśrayāśrayāḥ
śudhyanti tasmai prabhaviṣṇave namaḥ

Jedes Lebewesen von niederer Herkunft kann durch die Führung eines reinen Geweihten des Herrn geläutert werden, denn der Herr ist außerordentlich mächtig.

Wer brahmanische Eigenschaften erwirbt, wird glücklich und wird mit Begeisterung dem Herrn in Hingabe dienen wollen. Dann wird ihm die Gotteswissenschaft von selbst offenbart. Wenn er die Gotteswissenschaft kennt, wird er allmählich von seinen materiellen Neigungen frei, und sein zweifelnder Geist wird durch die Gnade des Herrn kristallklar. Wenn jemand diese Stufe erreicht, ist er eine befreite Seele und kann den Herrn in jeder Lebensphase wahrnehmen. Dies ist die Vollendung von sambhava, wie es in diesem mantra der Śrī Īśopaniṣad beschrieben wird.

Vierzehntes Mantra

sambhūtiṁ ca vināśaṁ ca
yas tad vedobhayaḿ saha
vināśena mṛtyuṁ tīrtvā
sambhūtyāmṛtam aśnute
Synonyms: 
sambhūtim — der ewige Persönliche Gott, Sein transzendentaler Name, Seine Gestalt, Seine Spiele, Eigenschaften, Paraphernalien, die Vielfalt Seines Reiches usw; ca — und; vināśam — die vergängliche materielle Schöpfung mit ihren Halbgöttern, Menschen, Tieren uswsowie deren falschen Namen, falschem Ruhm usw; ca — auch; yaḥ — jemand, der; tat — dieses; veda — kennt; ubhayam — beides; saha — zusammen mit; vināśena — mit allem Vergänglichen; mṛtyum — Tod; tīrtvā — überwindend; sambhūtyā — im ewigen Reich Gottes; amṛtam — Unsterblichkeit; aśnute — genießt.
Translation: 
Man soll vollkommene Kenntnis besitzen vom Persönlichen Gott Śrī Kṛṣṇa und Seinem transzendentalen Namen, Seiner Gestalt, Seinen Eigenschaften und Spielen sowie der vergänglichen materiellen Schöpfung mit ihren Halbgöttern, Menschen und Tieren. Wenn man all dies kennt, überwindet man den Tod und mit ihm die vergängliche kosmische Schöpfung. Dann genießt man im ewigen Reich Gottes sein ewiges Leben der Glückseligkeit und Erkenntnis.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Die menschliche Zivilisation hat durch ihren so genannten Fortschritt im Wissen viele materielle Dinge, wie nicht zuletzt Raumschiffe und die Atomenergie, hervorgebracht, doch ist es ihr nicht gelungen, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Mensch nicht zu sterben braucht, nicht wiedergeboren wird, nicht altert und nicht an Krankheiten leidet. Wenn ein intelligenter Mensch einen so genannten Wissenschaftler fragt, warum dies noch nicht erreicht worden ist, antwortet der Wissenschaftler sehr raffiniert, die materielle Wissenschaft mache Fortschritte und es werde letztlich möglich sein, den Menschen unsterblich zu machen und von Alter und Krankheit zu befreien. Solche Antworten beweisen, dass die Wissenschaftler sich über das Wesen der materiellen Natur in völliger Unwissenheit befinden. In der materiellen Natur untersteht alles den strengen Gesetzen der Materie und muss sechs Stufen der Existenz durchlaufen: Geburt, Wachstum, Beständigkeit, Fortpflanzung, Verfall und schließlich Tod. Nichts, was mit der materiellen Natur in Verbindung ist, kann über diesen sechs Gesetzen des Wandels stehen, und daher kann niemand – ob Halbgott, Mensch, Tier oder Pflanze – in der materiellen Welt ewig leben.

Die Lebensdauer unterscheidet sich von Lebensart zu Lebensart. Brahmā, das höchste Lebewesen im materiellen Universum, lebt Millionen und Abermillionen von Jahren, wohingegen eine winzige Bakterie vielleicht nur ein paar Stunden lebt. Doch niemand in der materiellen Welt kann ewig leben. Die Körper der Lebewesen werden unter bestimmten Bedingungen geschaffen oder geboren, wachsen heran, bleiben eine Zeit lang bestehen, pflanzen sich fort, siechen dahin und sterben schließlich. Durch dieses Gesetz sind selbst Brahmās, die es in den Millionen von Universen zu Millionen gibt, heute oder morgen dem Tod unterworfen. Aus diesem Grund wird die materielle Welt Mṛtyuloka, Ort des Todes, genannt.

Materialistische Wissenschaftler und Politiker kämpfen gegen den Tod in dieser Welt an, weil sie aufgrund ihrer Unkenntnis der vedischen Schriften nichts von der unsterblichen spirituellen Natur wissen. Die vedischen Schriften enthalten umfassendes Wissen, das durch transzendentale Erfahrung gereift ist, doch leider lehnt es der moderne Mensch ab, Wissen aus den Veden, den Purāṇas und anderen Schriften zu empfangen.

Im Viṣṇu Purāṇa (6.7.61) finden wir die folgende Aussage:

viṣṇu-śaktiḥ parā proktā
kṣetrajñākhyā tathā parā
avidyā-karma-saṁjñānyā
tṛtīya śaktir iṣyate

Śrī Viṣṇu, der Persönliche Gott, verfügt über verschiedene Energien: parā (die höhere Energie) und aparā (die niedere Energie). Die Lebewesen sind die höhere Energie. Die materielle Energie, in der wir gegenwärtig gefangen sind, ist die niedere Energie. Die materielle Schöpfung wird durch diese Energie ermöglicht, die die Lebewesen mit Unwissenheit (avidyā) bedeckt und sie dazu anregt, nach den Früchten des karma zu streben. Es gibt jedoch noch eine andere höhere Energie, die sowohl von der materiellen, niederen Energie als auch von den Lebewesen verschieden ist. Aus dieser höheren Energie besteht die ewige Schöpfung des Herrn, die frei vom Tod ist. Dies wird in der Bhagavad-gītā (8.20) bestätigt:

paras tasmāt tu bhāvo ’nyo
’vyakto ’vyaktāt sanātanaḥ
yaḥ sa sarveṣu bhūteṣu
naśyatsu na vinaśyati

Die materiellen Planeten – die oberen, unteren und mittleren (auch Sonne, Mond und Venus) – sind über das ganze Universum verstreut. Diese Planeten bestehen nur während Brahmās Leben. Einige der unteren Planeten werden jedoch schon am Ende eines Tages in Brahmās Leben aufgelöst und am nächsten Tag erneut erschaffen. Auf den oberen Planeten ist die Zeitrechnung eine andere als auf der Erde. Eines unserer Jahre entspricht auf vielen oberen Planeten nur vierundzwanzig Stunden, d.   h. einem Tag und einer Nacht. Die vier Erdzeitalter (Satya, Tretā, Dvāpara und Kali) dauern also nach der Zeitrechnung auf den oberen Planeten nur zwölftausend Jahre. Diese Zeit mit 1000 malgenommen ergibt einen Tag Brahmās. Seine Nacht währt ebenso lange. Brahmās Tage und Nächte summieren sich zu Wochen, Monaten und Jahren, und Brahmā lebt einhundert solcher Jahre. Am Ende von Brahmās Leben wird das gesamte Universum aufgelöst.

Die Lebewesen, die auf höheren Planeten wie der Sonne und dem Mond leben, sowie die Bewohner von Martyaloka (unsere Erde) und auch die Bewohner der niederen Planeten – sie alle werden in der Nacht Brahmās von den Wassern der Vernichtung verschlungen. Während dieser Zeit können die Lebewesen keinen physischen Körper annehmen, wenngleich sie in spiritueller Form weiter bestehen. Dieser unverkörperte Zustand wird als avyakta bezeichnet. Wenn dann am Ende von Brahmās Leben das gesamte Universum aufgelöst wird, folgt eine weitere Phase des avyakta. Jenseits dieser beiden unverkörperten Zustände gibt es jedoch einen weiteren Zustand des avyakta, in der das Lebewesen nicht materiell verkörpert ist, und zwar ist dies die spirituelle Sphäre, die spirituelle Welt. In jener Sphäre schweben unzählige spirituelle Planeten, die ewig bestehen – auch dann, wenn alle Planeten in unserem materiellen Universum am Ende von Brahmās Leben aufgelöst werden. Es gibt zahlreiche materielle Universen, von denen jedes einzelne der Herrschaft eines Brahmā untersteht, und die gesamte kosmische Schöpfung mit all ihren Universen und Brahmās ist nicht mehr als ein Viertel der Energie des Herrn (ekapād-vibhūti). Dies alles ist die niedere Energie. Jenseits dieses Bereichs liegt die spirituelle Welt, die man als tripād-vibhūti, „drei Viertel der Energie des Herrn“, bezeichnet. Dies ist die höhere Energie, parā prakṛti.

Der höchste Herrscher in der spirituellen Welt ist Śrī Kṛṣṇa. Wie in der Bhagavad-gītā (8.22) bestätigt wird, kann man sich Ihm nur durch reinen hingebungsvollen Dienst nähern; nicht durch jñāna (Philosophie), yoga (Mystik) oder karma (materiell erhebende Handlungen wie bestimmte Arten von Opfern). Die karmīs, d.   h. diejenigen, die sich dem Pfad des karma-yoga widmen, können sich zu den Svargaloka- Planeten, wie der Sonne und dem Mond, erheben. Jñānīs und yogīs können noch höhere Planeten, wie Maharloka, Tapoloka oder Brahmaloka, erreichen, und wenn sie sich durch hingebungsvollen Dienst noch weiter qualifizieren, bekommen sie sogar Einlass in die spirituelle Welt. Je nach ihrer Eignung können sie entweder in die leuchtende Sphäre des spirituellen Himmels, des Brahman, eingehen oder auf einen der Vaikuṇṭha-Planeten gelangen. Es ist jedoch sicher, dass niemand die spirituellen Vaikuṇṭha-Planeten betreten kann, ohne im hingebungsvollen Dienst geschult zu sein.

Auf den materiellen Planeten versucht jedes Lebewesen – angefangen mit Brahmā bis hinab zur Ameise –, die materielle Natur zu beherrschen, und das ist die materielle Krankheit. Solange diese materielle Krankheit anhält, muss das Lebewesen immer wieder seinen Körper wechseln – als Mensch, Halbgott, Tier oder Pflanze –, und letztlich muss es während der beiden Vernichtungen – der Vernichtung während Brahmās Nacht und der Vernichtung am Ende von Brahmās Leben – den Zustand der Körperlosigkeit ertragen. Wenn wir diese Wiederholung von Geburt und Tod sowie die Begleiterscheinungen Alter und Krankheit beenden wollen, müssen wir versuchen, auf die spirituellen Planeten zu gelangen, wo wir ewiglich in der Gemeinschaft Śrī Kṛṣṇas oder Seiner vollständigen Teilerweiterungen, der Nārāyaṇa-Formen, leben können. Auf jedem dieser Planeten herrscht Kṛṣṇa in einer Seiner zahllosen vollständigen Teilerweiterungen – eine Tatsache, die auch in den śruti-mantras bestätigt wird: eko vaśī sarva-gaḥ kṛṣṇa īḍyaḥ / eko ’pi san bahudhā yo ’vabhāti (Gopāla-tāpanī Upaniṣad 1.3.21).

Niemand kann über Kṛṣṇa herrschen. Und jeder, der versucht, über die materielle Natur zu herrschen, wird als bedingte Seele bezeichnet, da er den Gesetzen der materiellen Natur unterliegt und die Qualen der wiederholten Geburten und Tode ertragen muss. Der Herr kommt zu uns, um die Prinzipien der Religion wiedereinzuführen, und das Grundprinzip besteht darin, Ihm gegenüber eine ergebene Haltung zu entwickeln. So lautet die letzte Anweisung des Herrn in der Bhagavad- gītā (18.66): sarva-dharmān parityajya māṁ ekaṁ śaraṇaṁ vraja. „Gib alle anderen Wege auf und ergib dich allein Mir.“ Leider jedoch haben verblendete Toren diese wichtigste Lehre falsch ausgelegt und die Menschen auf vielerlei Weise in die Irre geführt. Anstatt die Menschen zu lehren, nach echtem Wissen zu streben und sich durch hingebungsvollen Dienst in die spirituelle Welt zu erheben, wurden sie dazu angehalten, Krankenhäuser zu eröffnen. Ihnen ist beigebracht worden, sich einzig und allein darum zu kümmern, den Menschen vorübergehend Erleichterung zu verschaffen, doch solches Tun kann dem Lebewesen niemals wirkliches Glück verschaffen. Sie gründen eine Vielzahl öffentlicher und halbstaatlicher Einrichtungen, um der zerstörerischen Macht der Natur zu begegnen, wissen jedoch nicht, wie sie die unüberwindliche Natur bändigen sollen. Viele Menschen gelten als große Gelehrte der Bhagavad-gītā, doch sie übersehen die Botschaft der Gītā, durch die der materiellen Natur der Stachel gezogen werden kann. Wie in der Bhagavad-gītā (7.14) klar gesagt wird, kann die mächtige Natur nur dann ihren Schrecken verlieren, wenn wir unser Gottesbewußtsein erwecken.

In diesem mantra lehrt uns die Śrī Īśopaniṣad, dass man sowohl den sambhūti (den Persönlichen Gott) als auch vināśa (die vergängliche materielle Schöpfung) vollkommen kennen muss. Wenn man nur die vergängliche materielle Schöpfung kennt, kann man sich nicht retten, denn durch den Lauf der Natur finden ständig Verwüstungen statt (ahany ahani bhūtāni gacchantīha yamālayam). Niemand kann durch den Bau von Krankenhäusern vor diesen Verwüstungen bewahrt werden. Nur durch vollständiges Wissen vom ewigen Leben der Glückseligkeit und Erkenntnis kann man gerettet werden. Das gesamte vedische System ist darauf ausgerichtet, die Menschen in der Kunst zu erziehen, das ewige Leben zu erreichen. Oft werden die Menschen durch vergängliche Dinge verlockt, die der Befriedigung ihrer Sinne dienen, doch ist solcher Dienst an den Sinnesobjekten sowohl irreführend als auch erniedrigend.

Wir müssen daher uns selbst und unseren Nächsten auf richtige Weise retten. Es ist unerheblich, ob wir die Wahrheit mögen oder nicht. Sie ist so, wie sie ist. Wenn wir vor den wiederholten Geburten und Toden bewahrt werden wollen, müssen wir uns dem hingebungsvollen Dienst des Herrn zuwenden. Das ist der einzige Weg, und deshalb kann es hierin keinen Kompromiss geben.

Fünfzehntes Mantra

hiraṇmayena pātreṇa
satyasyāpihitaṁ mukham
tat tvaṁ pūṣann apāvṛṇu
satya-dharmāya dṛṣṭaye
Synonyms: 
hiraṇmayena — durch eine goldene Ausstrahlung; pātreṇa — durch eine leuchtende Verhüllung; satyasya — der Höchsten Wahrheit; apihitam   — verhüllt; mukham — das Antlitz; tat — diese Verhüllung; tvam — Du selbst; pūṣan — o Erhalter; apāvṛṇu — entferne gütigerweise; satya — rein; dharmāya — dem Geweihten; dṛṣṭaye — um zu offenbaren.
Translation: 
O mein Herr, Erhalter allen Lebens, Dein Antlitz ist durch Deine leuchtende Ausstrahlung verhüllt. Bitte offenbare Dich Deinem reinen Geweihten.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: In der Bhagavad-gītā (14.27) erklärt der Herr zu Seiner gleißenden persönlichen Ausstrahlung, dem brahmajyoti:

brahmaṇo hi pratiṣṭhāham
amṛtasyāvyayasya ca
śāśvatasya ca dharmasya
sukhasyaikāntikasya ca

„Ich bin der Ursprung des unpersönlichen Brahman, das unsterblich, unvergänglich und ewig ist und das der Urquell unversieglichen Glücks ist.“

Brahman, Paramātmā und Bhagavān sind drei Aspekte ein und derselben Absoluten Wahrheit. Brahman ist der Aspekt, den der Anfänger am ehesten wahrnehmen kann; Paramātmā, die Überseele, wird von den weiter Fortgeschrittenen erkannt, und die Erkenntnis Bhagavāns ist die letzte Erkenntnis der Absoluten Wahrheit. Dies wird in der Bhagavad-gītā (7.7) bestätigt, wo der Herr sagt, dass Er der höchste Aspekt der Absoluten Wahrheit ist: mattaḥ parataraṁ nānyat. Kṛṣṇa ist folglich der Ursprung des brahmajyoti und auch der Ursprung des alldurchdringenden Paramātmā. Später in der Bhagavad-gītā (10.42) sagt Kṛṣṇa:

atha vā bahunaitena
kiṁ jñātena tavārjuna
viṣṭabhyāham idaṁ kṛtsnam
ekāṁśena sthito jagat

„Doch welchen Nutzen, o Arjuna, hat all dieses detaillierte Wissen? Mit einem winzigen Teil Meiner selbst durchdringe und erhalte Ich das gesamte Universum.“ Allein durch eine Seiner vollständigen Teilerweiterungen, den alldurchdringenden Paramātmā, erhält demnach der Herr die gesamte materielle kosmische Schöpfung. Auch erhält Er alles Existierende in der spirituellen Welt. Aus diesem Grunde wird der Herr hier im śruti-mantra der Śrī Īśopaniṣad als pūṣan, der Erhalter, angesprochen.

Der Höchste Persönliche Gott, Śrī Kṛṣṇa, ist immer von transzendentaler Glückseligkeit erfüllt (ānandamayo ’bhyāsāt). Als Er sich vor fünftausend Jahren in Vṛndāvana, Indien, aufhielt, blieb Er stets von transzendentaler Glückseligkeit erfüllt, auch schon während Seiner Kindheitsspiele, bei denen Er viele Dämonen tötete wie Pūtana, Agha, Baka und Pralamba. Solche Abenteuer bereiteten Ihm sogar Vergnügen. In Seinem Dorf Vṛndāvana vergnügte Er sich mit Seiner Mutter, Seinem Bruder und Seinen Freunden, und als Er die Rolle eines ungezogenen Butterdiebes spielte, wurden alle Seine Gefährten durch Sein Stehlen von himmlischer Seligkeit erfüllt. Der Herr ist als Butterdieb berühmt, nicht berüchtigt. Wenn Er als Butterdieb bezeichnet wird, dann mit dem Verständnis, dass Er Seine reinen Geweihten durch solche Streiche mit Freude erfüllte. Was immer der Herr in Vṛndāvana tat, tat Er zur Freude Seiner Gefährten. Der Herr offenbarte solche Spiele, um all diejenigen zu sich hinzuziehen, die sich mit fruchtlosem Spekulieren und mit der Akrobatik des so genannten haṭha-yoga abgeben, um die Absolute Wahrheit zu finden.

Über die Kindheitsspiele des Herrn mit Seinen Gefährten, den Kuhhirtenknaben, sagt Śrīla Śukadeva Gosvāmī im Śrīmad-Bhāgavatam (10.12.11):

itthaṁ satāṁ brahma-sukhānubhūtyā
dāsyaṁ gatānāṁ para-daivatena
māyāśritānāṁ nara-dārakeṇa
sākaṁ vijahruḥ kṛta-puṇya-puñjāḥ

„Der Persönliche Gott, der von den jñānīs als das unpersönliche, glückselige Brahman wahrgenommen wird, den die Gottgeweihten in dienender Haltung als den Höchsten Herrn verehren und den weltliche Leute für einen gewöhnlichen Menschen halten, spielte mit den Kuhhirtenknaben, die nach vielen frommen Werken zu Seinen Gefährten geworden waren.“

So widmet sich der Herr ständig transzendentalen liebevollen Spielen mit Seinen spirituellen Gefährten in den Beziehungen śānta (Neutralität), dāsya (Dienertum), sakhya (Freundschaft), vātsalya (elterliche Zuneigung) und mādhurya (amouröse Liebe).

Es heißt, dass Kṛṣṇa Vṛndāvana-dhāma niemals verlässt, und so mag man sich fragen, wie Er dann den Lauf Seiner verschiedenen Schöpfungen lenkt. Die Antwort findet man in der Bhagavad-gītā (13.14–18), wo es heißt, dass der Herr die gesamte materielle Schöpfung mit Seinem als Paramātmā (Überseele) bekannten vollständigen Teil durchdringt. Der Herr hat mit der materiellen Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung nichts zu tun, doch Er veranlasst all dies durch Seine vollständige Teilerweiterung, den Paramātmā. Jedes Lebewesen ist ein ātmā, und der höchste ātmā, der alle anderen beherrscht, ist der Paramātmā, die Überseele.

Der Pfad der Gotteserkenntnis ist eine große Wissenschaft. Die materialistischen sāṅkhya-yogīs können nur die vierundzwanzig Elemente der materiellen Schöpfung genau untersuchen und über sie nachsinnen, doch sie wissen so gut wie nichts über den puruṣa, den Herrn. Die Anhänger des Unpersönlichen sind durch die gleißende Ausstrahlung des brahmajyoti nur geblendet. Wenn jemand die Absolute Wahrheit in ihrer ganzen Fülle schauen möchte, muss er sowohl die vierundzwanzig Elemente als auch die gleißende Ausstrahlung durchdringen. Die Śrī Īśopaniṣad deutet in diese Richtung und betet um die Entfernung des hiraṇmaya-pātra, der gleißenden Verhüllung des Herrn. Ohne dass diese Verhüllung entfernt ist, sodass man den Höchsten Persönlichen Gott schauen kann, gibt es keine Möglichkeit, tatsächlich zur Absoluten Wahrheit vorzudringen.

Der Paramātmā-Aspekt des Persönlichen Gottes ist eine von drei vollständigen Teilerweiterungen (viṣṇu-tattvas) des Herrn, die als puruṣa-avatāras bezeichnet werden. Eine dieser viṣṇu-tattva-Erweiterungen, die innerhalb des Universums weilt, wird Kṣīrodakaśāyī Viṣṇu genannt. Er ist Viṣṇu unter den drei Hauptgottheiten Brahmā, Viṣṇu und Śiva, und Er ist der alldurchdringende Paramātmā in jedem einzelnen individuellen Lebewesen. Die zweite viṣṇu-tattva-Erweiterung innerhalb des Universums ist Garbhodakaśāyī Viṣṇu, die kollektive Überseele aller Lebewesen. Darüber hinaus gibt es noch Kāraṇodakaśāyī Viṣṇu, der im Meer der Ursachen liegt. Er ist der Schöpfer aller Universen. Das yoga-System lehrt den ernsthaften Schüler, nachdem dieser die vierundzwanzig materiellen Elemente der kosmischen Schöpfung hinter sich gelassen hat, den viṣṇu-tattvas zu begegnen. Die Kultivierung empirischer Philosophie hilft bei der Erkenntnis des unpersönlichen brahmajyoti, der gleißenden Ausstrahlung, die von Śrī Kṛṣṇas transzendentaler Gestalt ausgeht. Dass das brahmajyoti Kṛṣṇas Ausstrahlung ist, wird in der Bhagavad-gītā (14.27) und auch im folgenden Vers der Brahma- saṁhitā (5.40) bestätigt:

yasya prabhā prabhavato jagad-aṇḍa-koṭi-
koṭiṣv aśeṣa-vasudhādi-vibhūti-bhinnam
tad-brahma niṣkalam anantam aśeṣa-bhūtaṁ
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi

„In den Millionen und Abermillionen von Universen gibt es unzählige Planeten, und jeder einzelne von ihnen unterscheidet sich von allen anderen durch seine kosmische Beschaffenheit. All diese Planeten befinden sich in einem Winkel des brahmajyoti. Dieses brahmajyoti ist nichts anderes als die persönliche Ausstrahlung des Höchsten Persönlichen Gottes, Govinda, den ich verehre.“

Dieses mantra der Brahma-saṁhitā ist von der Ebene wahrer Erkenntnis der Absoluten Wahrheit gesprochen, und das vorliegende śruti-mantra der Śrī Īśopaniṣad bestätigt, dass jenes mantra einen Pfad zur Erkenntnis weist. Es ist ein schlichtes Gebet an den Herrn, Er möge das brahmayoti entfernen, damit man Sein wahres Antlitz sehen kann.

Die brahmajyoti-Ausstrahlung wird in mehreren mantras der Muṇḍaka Upaniṣad (2.2.10–12) näher beschrieben:

hiraṇmaye pare kośe
virajaṁ brahma niṣkalam
tac chubraṁ jyotiṣāṁ jyotis
tad yad ātma-vido viduḥ

na tatra sūryo bhāti na candra-tārakaṁ
nemā vidyuto bhānti kuto ’yam agniḥ
tam eva bhāntam anu bhāti sarvaṁ
tasya bhāsā sarvaṁ idaṁ vibhāti

brahmaivedam amṛtaṁ purastād brahma
paścād brahma dakṣinataś cottareṇa
adhaś cordhvaṁ ca prasṛtaṁ brahmai-
vedaṁ viśvam idaṁ variṣṭham

„In der spirituellen Welt, jenseits der Schale des materiellen Universums, erstreckt sich die unbegrenzte Brahman-Ausstrahlung, die frei ist von jeglicher materiellen Verunreinigung. Transzendentalisten kennen jenes gleißend weiße Licht als das Licht aller Lichter. In jener Sphäre sind weder Sonnenschein noch Mondschein, weder Feuer noch Elektrizität nötig, um Licht zu spenden. Im Gegenteil, alle Lichtquellen in der materiellen Welt sind nichts weiter als eine Reflexion jener höchsten Lichtquelle. Jenes Brahman ist vorn und hinten, im Norden, Süden, Osten und Westen wie auch oben und unten. Mit anderen Worten, jene Brahman-Ausstrahlung erstreckt sich durch den gesamten materiellen und spirituellen Himmel.“

Vollkommenes Wissen bedeutet, den Ursprung dieser Brahman-Ausstrahlung zu kennen. Dieses Wissen ist aus Schriften wie dem Śrīmad- Bhāgavatam erhältlich, wo die Wissenschaft von Kṛṣṇa vollendet und ausführlich dargelegt ist. Im Śrīmad-Bhāgavatam erklärt dessen Verfasser, Śrīla Vyāsadeva, dass man die Höchste Wahrheit je nach dem Grade seiner Erkenntnis als Brahman, Paramātmā oder Bhagavān beschreibt. Er sagt nie, dass die Höchste Wahrheit ein jīva, ein gewöhnliches Lebewesen, ist. Man sollte das Lebewesen niemals für die allmächtige Höchste Wahrheit halten. Wenn dem so wäre, bräuchte das Lebewesen nicht zum Herrn zu beten, Er möge Seine leuchtende Verhüllung entfernen, damit das Lebewesen Sein wahres Antlitz schauen könne.

Die Schlussfolgerung lautet, dass jemand, der kein Wissen von den Energien der Höchsten Wahrheit hat, das unpersönliche Brahman erkennen wird. Paramātmā-Erkenntnis erreicht man, wenn man sich der materiellen Kräfte des Herrn bewusst ist, jedoch nur wenig oder nichts von Seiner spirituellen Kraft weiß. Sowohl die Brahman- als auch die Paramātmā-Erkenntnis der Absoluten Wahrheit sind also Teilerkenntnisse. Wenn man aber den Höchsten Persönlichen Gott, Śrī Kṛṣṇa, nach der Entfernung des hiraṇmaya-pātra in Seiner ganzen Fülle erkennt, dann weiß man, vāsudevaḥ sarvam iti: Śrī Kṛṣṇa, bekannt als Vāsudeva, ist alles – Brahman, Paramātmā und Bhagavān. Er ist Bhagavān, die Wurzel, und Brahman und Paramātmā sind Seine Zweige.

In der Bhagavad-gītā (6.46–47) findet man eine vergleichende Studie der drei Arten von Transzendentalisten, nämlich der Verehrer des unpersönlichen Brahman (jñānīs), der Verehrer des Paramātmā (yogīs) und der Geweihten des Herrn (bhaktas). Es heißt dort, dass der jñānī, d.   h. derjenige, der sich mit dem vedischen Wissen befasst hat, besser ist als ein gewöhnlicher karmī. Die yogīs jedoch stehen noch über den jñānīs. Und von allen mystischen yogīs ist derjenige der beste, der dem Pfad der bhakti folgt und dem Herrn ständig mit ganzer Kraft dient.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Philosoph besser ist als ein karmī und ein Mystiker noch über einem Philosophen steht. Und von allen yoga-Mystikern ist derjenige, der dem Pfad des bhakti-yoga folgt und unablässig im Dienst des Herrn tätig ist, der höchste. Die Śrī Īśopaniṣad weist uns den Weg zu dieser Vollkommenheit.

Sechzehntes Mantra

pūṣann ekarṣe yama sūrya prājāpatya
vyūha raśmīn samūha tejo
yat te rūpaṁ kalyāṇa-tamaṁ tat te paśyāmi
yo ’sāv asau puruṣaḥ so ’ham asmi
Synonyms: 
pūṣan — o Erhalter; ekarṣe — der urerste Philosoph; yama — das regulierende Prinzip; sūrya — das Ziel der sūris (der großen Gottgeweihten); prājāpatya — der wohlmeinende Freund der Prajāpatis (der Vorfahren der Menschheit); vyūha — entferne gütigerweise; raśmīn — die Strahlen; samūha — ziehe gütigerweise zurück; tejaḥ — Ausstrahlung; yat — sodass; te — Deine; rūpam — Gestalt; kalyāṇa-tamam — äußerst glückverheißend; tat — dass; te — Deine; paśyāmi — möge ich sehen; yaḥ — jemand, der ist; asau — wie die Sonne; asau — dieser; puruṣaḥ — Persönliche Gott; saḥ — ich selbst; aham — ich; asmi — bin.
Translation: 
O mein Herr, ursprünglicher Philosoph, Erhalter des Universums, regulierendes Prinzip, Ziel der reinen Gottgeweihten und wohlmeinender Freund der Vorfahren der Menschheit, bitte entferne den Glanz Deiner transzendentalen Strahlen, sodass ich Deine Gestalt der Glückseligkeit schauen kann. Du bist der ewige Höchste Persönliche Gott, der Sonne gleich, wie ich.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Die Sonne und ihre Strahlen sind qualitativ eins. In ähnlicher Weise sind der Herr und die Lebewesen qualitativ eins. Die Sonne ist ein einziger Himmelskörper, doch die Moleküle der Sonnenstrahlen sind unzählbar. Die Strahlen der Sonne bilden einen Teil der Sonne, und die Sonne und ihre Strahlen bilden gemeinsam die vollständige Sonne. Im Sonneninnern wohnt der Sonnengott, und in ähnlicher Weise weilt auf dem höchsten spirituellen Planeten, Goloka Vṛndāvana, von dem das leuchtende brahmajyoti ausgeht, der ewige Herr, wie es in der Brahma-saṁhitā (5.29) bestätigt wird:

cintāmaṇi-prakara-sadmasu kalpa-vṛkṣa-
lakṣāvṛteṣu surabhīr abhipālayantam
lakṣmī-sahasra-śata-sambhrama-sevyamānaṁ
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi

„Ich verehre Govinda, den ursprünglichen Herrn, den Urahn aller Stammväter, dessen Reich aus spirituellen Edelsteinen erbaut ist, der die Kühe hütet, die alle Wünsche erfüllen, der umgeben ist von Millionen von Wunschbäumen und dem ohne Unterlass Hunderttausende von lakṣmīs (Glücksgöttinnen) in großer Ehrfurcht und Zuneigung dienen.“

Das brahmajyoti wird in der Brahma-saṁhitā als die Strahlen beschrieben, die von jenem höchsten spirituellen Planeten, Goloka Vṛndāvana, ausgehen, so wie die Sonnenstrahlen von der Sonne. Ohne über die gleißende Ausstrahlung des brahmajyoti hinauszugehen, kann man keine Auskunft über das Land des Herrn bekommen. Da die Unpersönlichkeitsanhänger durch das Gleißen des brahmajyoti geblendet sind, können sie weder das Reich des Herrn noch Seine transzendentale Gestalt erkennen. Aufgrund ihres geringen Wissens können sie die allglückselige transzendentale Gestalt des Herrn nicht verstehen. Dieses mantra der Śrī Īśopaniṣad ist ein Gebet an den Herrn, die leuchtenden Strahlen des brahmajyoti zu entfernen, damit der reine Gottgeweihte Seine allglückselige transzendentale Gestalt sehen kann.

Durch die Erkenntnis des unpersönlichen brahmajyoti erfährt man den Glück spendenden Aspekt des Höchsten, und durch die Erkenntnis des Paramātmā, des alldurchdringenden Aspekts des Höchsten, erfährt man eine noch glückseligere Erleuchtung. Wenn der Gottgeweihte jedoch dem Höchsten Persönlichen Gott selbst von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, erfährt er den am meisten Glück spendenden Aspekt des Höchsten.

Da die Höchste Wahrheit hier als der urerste Philosoph, der Erhalter des Universums und der wohlmeinende Freund der Vorfahren der Menschheit angesprochen wird, kann sie nicht als unpersönlich betrachtet werden. So lautet das Urteil der Śrī Īśopaniṣad. Das Wort pūṣan (Erhalter) ist von besonderer Bedeutung, denn obschon der Herr alle Wesen erhält, sorgt Er doch besonders für Seine Geweihten. Nachdem der Gottgeweihte das unpersönliche brahmajyoti hinter sich gelassen und den persönlichen Aspekt des Herrn und Seine ewige glückselige Gestalt geschaut hat, erkennt er die Absolute Wahrheit in ihrer ganzen Fülle.

Im Bhagavat-sandarbha schreibt Śrīla Jīva Gosvāmī: „Die Absolute Wahrheit wird in ihrer ganzen Fülle im Persönlichen Gott erkannt, denn Er ist allmächtig und verfügt über alle transzendentalen Kräfte. Die volle Kraft der Absoluten Wahrheit erkennt man nicht im brahmajyoti, und daher ist die Brahman-Erkenntnis nur eine Teilerkenntnis des Persönlichen Gottes. O ihr gelehrten Weisen, die erste Silbe des Wortes bhagavān (bha) hat zwei Bedeutungen: 1) einer, der ‚umfassend erhält‘, und 2) ‚Behüter‘. Die zweite Silbe (ga) bedeutet ‚Ratgeber‘, ‚Führer‘ oder ‚Schöpfer‘. Die Silbe vān schließlich bedeutet, dass jedes Wesen in Ihm und auch Er in jedem Wesen existiert. Der transzendentale Klang bhagavān bedeutet also unendliches Wissen, unendliche Kraft und Energie, unendlicher Reichtum, grenzenlose Stärke und unbegrenzte Macht, und all dies ohne eine Spur materieller Unzulänglichkeit.“

Der Herr sorgt in jeder Beziehung für Seine Geweihten, und Er führt sie auf dem Pfad der Hingabe der Vollkommenheit entgegen. Als Führer Seiner Geweihten lässt Er sie letztlich das ersehnte Ziel des hingebungsvollen Dienstes erreichen, indem Er ihnen sich selbst schenkt. Die Geweihten des Herrn sehen den Herrn durch Seine grundlose Gnade von Angesicht zu Angesicht, und der Herr hilft ihnen, den höchsten spirituellen Planeten, Goloka Vṛndāvana, zu erreichen. Als Schöpfer kann Er in Seinen Geweihten alle notwendigen Eigenschaften entstehen lassen, sodass der Gottgeweihte letztlich zu Ihm gelangen kann. Der Herr ist die Ursache aller Ursachen. Mit anderen Worten, da es nichts gibt, was Ihn verursachte, ist Er die ursprüngliche Ursache. Er erfreut sich daher an sich selbst, indem Er Seine eigene innere Energie entfaltet. Die äußere Energie wird nicht direkt von Ihm selbst entfaltet, sondern von den puruṣas, Seinen Erweiterungen. Durch sie erschafft, erhält und vernichtet Er den materiellen Kosmos.

Auch die Lebewesen sind individuelle Erweiterungen Seiner selbst, doch sie sind begrenzt, und weil einige von ihnen begehren, selbst Herr zu sein und den Höchsten Herrn nachzuahmen, gestattet Er ihnen, in die kosmische Schöpfung einzugehen, wo sie die Möglichkeit bekommen, ihren Hang zum Herrschen voll auszuleben. Durch die Gegenwart Seiner integralen Teile, der Lebewesen, wird die gesamte Erscheinungswelt in Bewegung gesetzt, und zwar nach den Gesetzen von Aktion und Reaktion. So werden den Lebewesen alle Möglichkeiten geboten, über die materielle Natur zu herrschen, doch der wahre Herrscher ist der Herr selbst in Seinem vollständigen Aspekt als Paramātmā (die Überseele), der einer der puruṣas ist.

Es besteht also ein sehr großer Unterschied zwischen dem Lebewesen (ātmā) und dem Lenker (Paramātmā), das heißt zwischen der Seele und der Überseele. Paramātmā ist der Lenker, und ātmā ist der Gelenkte, und deshalb befinden sie sich nicht auf der gleichen Ebene. Weil der Paramātmā in völligem Einklang mit dem ātmā wirkt, kennt man Ihn auch als den ständigen Begleiter des Lebewesens.

Der alldurchdringende Aspekt des Herrn, der in allen Zuständen des Lebewesens präsent ist – ob in Wachheit oder Schlaf und selbst wenn es unverkörpert ist – und von dem die jīva-śakti (Lebenskraft) in Form der bedingten und befreiten Seelen ausgeht, wird Brahman genannt. Da der Herr der Ursprung sowohl des Paramātmā als auch des Brahman ist, ist Er der Ursprung aller Lebewesen und alles sonst noch Bestehenden. Wer dies weiß, betätigt sich sogleich im hingebungsvollen Dienst. Ein solcher Gottgeweihter, der rein ist und vollkommenes Wissen besitzt, hängt mit Herz und Seele am Herrn, und wenn ein solcher Gottgeweihter mit ähnlichen Gottgeweihten zusammen ist, tun sie nichts anderes, als den Herrn zu lobpreisen, indem sie über Seine transzendentalen Taten und Spiele sprechen. Diejenigen, die nicht so vollkommen sind wie die reinen Gottgeweihten und nur den Brahman- oder Paramātmā-Aspekt des Herrn erkannt haben, können das Tun der vollkommenen Gottgeweihten nicht verstehen. Der Herr steht den reinen Gottgeweihten immer zur Seite, indem Er ihren Herzen die notwendige Erkenntnis zuteil werden lässt. So wird durch Seine besondere Gnade alle Finsternis der Unwissenheit aufgelöst. Die spekulierenden Philosophen und die yogīs können sich dies nicht vorstellen, denn sie verlassen sich mehr oder minder auf ihre eigene Kraft. Wie es in der Kaṭha Upaniṣad (1.2.23) heißt, kann der Herr nur von denen erkannt werden, die Er mit Seiner besonderen Gnade segnet, von niemandem sonst. Solch besondere Gnade schenkt Er indes nur Seinen reinen Geweihten. Die Śrī Īśopaniṣad spricht somit von der Gnade des Herrn, die sich jenseits der Sphäre des brahmajyoti befindet.

Siebzehntes Mantra

vāyur anilam amṛtam
athedaṁ bhasmāntaṁ śarīram
oṁ krato smara kṛtaṁ smara
krato smara kṛtaṁ smara
Synonyms: 
vayuḥ — Lebensodem; anilam — Gesamtheit der Luft; amṛtam — unzerstörbar; atha — jetzt; idam — diesen; bhasmāntam — nachdem er zu Asche geworden ist; śarīram — Körper; oṁ — o Herr; krato — der Genießer aller Opfer; smara — bitte erinnere Dich; kṛtam — an alles, was ich getan habe; smara — bitte erinnere Dich; krato — o höchster Nutznießer; smara — bitte erinnere Dich; kṛtam — an alles, was ich für Dich getan habe; smara — bitte erinnere Dich.
Translation: 
Möge mein vergänglicher Leib zu Asche verbrennen, und möge mein Lebensodem in die Fülle der Luft eingehen! O mein Herr, gedenke jetzt bitte all meiner Opfer, und erinnere Dich bitte an alles, was ich für Dich getan habe, denn letztlich bist Du der Nutznießer aller guten Werke.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Der vergängliche materielle Körper ist zweifellos ein fremdes Gewand. In der Bhagavad-gītā (2.20) wird eindeutig erklärt, dass bei der Zerstörung des materiellen Körpers das Lebewesen weder vernichtet wird noch seine Identität verliert. Die Identität des Lebewesens ist nicht unpersönlich oder formlos. Im Gegenteil: Es ist das materielle Gewand, das formlos ist und der Form der unzerstörbaren Person gemäß Gestalt annimmt. Kein Lebewesen ist ursprünglich formlos, wie Menschen mit geringem Wissen irrtümlich glauben. Dieses mantra bestätigt die Tatsache, dass das Lebewesen nach der Vernichtung des materiellen Körpers weiter besteht.

Die materielle Natur entfaltet in dieser Welt eine wunderbare Kunstfertigkeit, indem sie für die Lebewesen, gemäß ihren Neigungen zur Sinnenbefriedigung, eine Vielfalt von Körpern erschafft. Ein Lebewesen zum Beispiel, das den Geschmack von Kot mag, bekommt einen materiellen Körper, der sich zum Fressen von Kot eignet, wie den eines Schweins. Wer auf Tierfleisch aus ist, bekommt vielleicht den Körper eines Tigers mit den dazu passenden Reißzähnen und Krallen. Für den Menschen hingegen ist der Genuss von Fleisch nicht vorgesehen; auch hat er nicht das geringste Verlangen, Kot zu essen, nicht einmal auf den untersten Stufen des Eingeborenendaseins. Die Zähne des Menschen sind so beschaffen, dass sie Früchte und Gemüse zerkleinern können. Allerdings hat die Natur uns auch mit zwei Eckzähnen ausgestattet, damit die primitiven Menschen, die es unbedingt wollen, Fleisch essen können.

Wie dem auch sei, alle Körperformen, ob tierisch oder menschlich, sind für das Lebewesen eigentlich etwas Fremdes, und es wechselt sie gemäß seinem Wunsch nach Sinnenbefriedigung. Im Kreislauf der Evolution wandert das Lebewesen von einem Körper zum anderen: vom Leben im Wasser zum pflanzlichen Leben, von dort zu den Formen der Kriechtiere, weiter zu den Vogelarten, vom Vogel zum Säugetier und vom Säugetier zum menschlichen Dasein. Die am höchsten entwickelte Lebensform ist der menschliche Körper, wenn er von spirituellem Wissen durchdrungen ist. Die höchste Form spiritueller Erkenntnis wird im vorliegenden mantra zum Ausdruck gebracht: Man soll seinen materiellen Körper aufgeben, der zu Asche werden wird, und dem Lebensodem gestatten, in die ewige Fülle der Luft einzugehen. Die Tätigkeiten des Lebewesens werden im Körper durch die Bewegung verschiedener Luftarten bewirkt, die man in ihrer Gesamtheit als prāṇa-vāyu bezeichnet. Yogīs üben sich im Allgemeinen darin, die Lüfte im Körper zu beherrschen. Die Seele soll dann von Luftkreis zu Luftkreis erhoben werden, bis sie das brahma-randhra, den höchsten Kreis, erreicht. Von dort kann sich der vollkommene yogī zu jedem beliebigen Planeten begeben. Dabei gibt er einen materiellen Körper auf und geht in einen anderen ein; die höchste Vollkommenheit solcher Wechsel wird jedoch nur erreicht, wenn das Lebewesen imstande ist, den materiellen Körper für immer aufzugeben, wie in diesem mantra angedeutet wird. Die Seele kann darauf in die spirituelle Sphäre eingehen, wo sie einen völlig andersgearteten Körper entwickelt – einen spirituellen Körper, der weder dem Tod noch dem Wandel unterliegt.

Hier in der materiellen Welt wird man von der Natur gezwungen, seinen Körper zu wechseln, weil man verschiedene Wünsche nach Sinnenbefriedigung hegt. Diese Wünsche zeigen sich in allen Lebensformen – von den Mikroben bis hin zu den vollendeten materiellen Körpern Brahmās und der Halbgötter. All diese Lebewesen besitzen Körper, die auf unterschiedliche Weise aus Materie zusammengesetzt sind. Der intelligente Mensch sieht die Einheit nicht in der Vielfalt der Körper, sondern in der spirituellen Identität, denn der spirituelle Funke, der ein integraler Teil des Höchsten Herrn ist, ist der gleiche – ob er sich nun im Körper eines Schweins oder in dem eines Halbgottes befindet. Das Lebewesen nimmt seinen frommen und schlechten Taten gemäß verschiedene Körper an. Der menschliche Körper ist hoch entwickelt und mit vollem Bewußtsein ausgestattet. Nach Aussage der vedischen Schriften (Bg. 7.19) ergibt sich der vollkommene Mensch dem Herrn, nachdem er viele Leben hindurch Wissen kultiviert hat. Die Kultivierung von Wissen gelangt nur zur Vollendung, wenn der Wissende dahin kommt, sich dem Höchsten Herrn, Vāsudeva, zu ergeben. Ansonsten – wenn man nicht begreift, dass die Lebewesen ewige Teile des Ganzen sind und niemals das Ganze werden können –, fällt man, selbst nachdem man seine spirituelle Identität erkannt hat, wieder in die materielle Welt hinab. Ja, man muss sogar hinabfallen, wenn man mit dem brahmajyoti eins war.

Wie wir aus den vorangegangenen mantras erfahren haben, ist das von der transzendentalen Gestalt des Herrn ausgehende brahmajyoti von spirituellen Funken erfüllt, die individuelle Wesen mit dem vollen Bewußtsein der Existenz sind. Wenn in einem dieser Lebewesen der Wunsch erwacht, die Sinne zu genießen, wird es in die materielle Welt versetzt, um unter dem Gebot der Sinne zu einem falschen Herrn zu werden. Der Wunsch nach Herrschaft und Genuss ist die materielle Krankheit des Lebewesens, denn im Bann der Sinnenfreude wandert es durch die vielfältigen Körper in der materiellen Welt. Mit dem brahmajyoti eins zu werden zeugt nicht von gereiftem Wissen. Nur wenn man sich dem Herrn völlig ergibt und den Wunsch nach spirituellem Dienst entwickelt, erreicht man die höchste Stufe der Vollkommenheit.

In diesem mantra betet das Lebewesen, in das spirituelle Königreich Gottes eingehen zu dürfen, nachdem es seinen materiellen Körper und seine materielle Lebensluft aufgegeben hat. Der Gottgeweihte betet zum Herrn, Er möge sich an die Werke und Opfer Seines Dieners erinnern, ehe dessen materieller Körper zu Asche wird. Dieses Gebet wird in der Todesstunde gesprochen, im vollen Bewußtsein der vergangenen Taten und des endgültigen Ziels. Wer völlig unter der Herrschaft der materiellen Natur steht, erinnert sich an die abscheulichen Taten, die er während der Existenz seines materiellen Körpers begangen hat, und bekommt folglich nach dem Tode einen weiteren materiellen Körper. Die Bhagavad-gītā (8.6) bestätigt diese Wahrheit:

yaṁ yaṁ vāpi smaran bhāvaṁ
tyajaty ante kalevaram
taṁ tam evaiti kaunteya
sadā tad-bhāva-bhāvitaḥ

„O Sohn Kuntīs, den Seinszustand, an den man sich beim Verlassen des Körpers erinnert, wird man ohne Fehl erreichen.“ Der Geist trägt also die Neigungen des Lebewesens in das nächste Leben.

Im Gegensatz zu den einfachen Tieren, deren Geist nicht entwickelt ist, kann sich der Mensch an die in seinem Leben vollbrachten Taten erinnern, und sie ziehen wie Träume an seinem geistigen Auge vorbei. Sein Geist bleibt daher von materiellen Wünschen erfüllt, und so kann er nicht in einem spirituellen Körper in das Reich Gottes eingehen. Die Gottgeweihten indes entwickeln Liebe zu Gott, indem sie sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigen. Selbst wenn sich der Gottgeweihte in der Todesstunde nicht an seinen göttlichen Dienst erinnert – der Herr vergisst ihn nicht. Das obige Gebet soll den Herrn an die Opfer des Gottgeweihten erinnern, doch auch ohne solche Erinnerung vergisst der Herr nicht den hingebungsvollen Dienst Seines reinen Geweihten.

In der Bhagavad-gītā (9.30–34) beschreibt der Herr deutlich Seine innige Beziehung zu Seinem Geweihten: „Auch wenn jemand die abscheulichsten Handlungen begeht, muss man ihn, wenn er im hingebungsvollen Dienst tätig ist, als heilig betrachten, denn er befindet sich auf dem richtigen Pfad. Sehr bald wird er rechtschaffen werden und beständigen Frieden erlangen. O Sohn Kuntīs, verkünde kühn, dass Mein Geweihter niemals vergeht. O Sohn Pṛthās, diejenigen, die bei Mir Zuflucht suchen – seien sie auch von niederer Herkunft wie Frauen, vaiśyas [Kaufleute] und śūdras [Arbeiter] –, können das höchste Ziel erreichen. Wie viel größer sind also die brāhmaṇas, die Rechtschaffenen, die Gottgeweihten und heiligen Könige, die sich in dieser vergänglichen, jammervollen Welt in Meinem liebenden Dienst betätigen. Denke ohne Unterlass an Mich, werde Mein Geweihter, erweise Mir deine Achtung und verehre Mich. Auf solche Weise in Mich vertieft, wirst du ohne Zweifel zu Mir gelangen.“

Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura erläutert diese Verse wie folgt: „Man soll einem Geweihten Kṛṣṇas nachfolgen, der sich auf dem richtigen Pfad, nämlich dem Pfad der Heiligen, befindet, auch wenn er charakterlich nicht einwandfrei erscheinen mag (su-durācara). Man sollte versuchen, den Ausdruck su-durācara richtig zu verstehen. Eine bedingte Seele muss in zweifacher Hinsicht handeln – einmal für die Erhaltung des Körpers und zum anderen für Selbsterkenntnis. Gesellschaftliche Stellung, geistige Entwicklung, Sauberkeit, Entbehrungen, Ernährung und der Kampf ums Dasein haben alle mit der Erhaltung des Körpers zu tun, wohingegen man die Tätigkeiten, die sich mit Selbsterkenntnis befassen, in seiner Eigenschaft als Gottgeweihter ausführt. Diese beiden verschiedenen Handlungsweisen verlaufen parallel, denn eine bedingte Seele kann nicht die Erhaltung ihres Körpers aufgeben. Die Tätigkeiten für die Erhaltung des Körpers nehmen jedoch in dem Maße ab, wie der hingebungsvolle Dienst zunimmt. Solange das Maß des hingebungsvollen Dienstes nicht den richtigen Stand erreicht hat, besteht immer die Möglichkeit, dass sich gelegentlich eine gewisse Weltzugewandtheit bemerkbar macht; doch sollte man zur Kenntnis nehmen, dass diese Neigung nicht allzu lange bestehen kann, denn durch die Gnade des Herrn werden alle Unvollkommenheiten innerhalb kurzer Zeit verschwinden. Deshalb ist der Pfad des hingebungsvollen Dienstes der einzig richtige Pfad. Wenn man sich auf dem richtigen Pfad befindet, behindert nicht einmal eine gelegentliche Weltzugewandtheit den Fortschritt der Selbsterkenntnis.“

Die Möglichkeiten, die der hingebungsvolle Dienst bietet, bleiben den Unpersönlichkeitsanhängern vorenthalten, weil sie zu stark am brahmajyoti-Aspekt des Herrn hängen. Wie in den vorangegangenen mantras erklärt wurde, können sie das brahmajyoti nicht durchdringen, weil sie nicht an den Persönlichen Gott glauben. Sie befassen sich vornehmlich mit Wortspielereien und gedanklichen Spekulationen, und daher sind ihre Bemühungen fruchtlos, was im zwölften Kapitel der Bhagavad-gītā (12.5) bestätigt wird.

Alles in diesem mantra Erstrebte kann leicht erreicht werden, wenn man ständig mit dem persönlichen Aspekt der Absoluten Wahrheit verbunden ist. Der hingebungsvolle Dienst für den Herrn besteht im Wesentlichen aus neun transzendentalen Tätigkeiten, denen sich der Gottgeweihte widmet: 1) über den Herrn zu hören, 2) den Herrn zu lobpreisen, 3) sich an den Herrn zu erinnern, 4) den Lotosfüßen des Herrn zu dienen, 5) den Herrn zu verehren, 6) zum Herrn zu beten, 7) dem Herrn zu dienen, 8) ein Freund des Herrn zu werden und 9) dem Herrn alles hinzugeben. Diese neun Grundsätze des hingebungsvollen Dienstes – alle zusammen oder jeder für sich – können dem Gottgeweihten helfen, ständig mit Gott in Berührung zu bleiben. So ist es für den Gottgeweihten am Ende des Lebens einfach, sich an den Herrn zu erinnern. Die folgenden neun bekannten Gottgeweihten erreichten die höchste Vollkommenheit, indem sie nur einem dieser Grundsätze folgten: 1) Mahārāja Parīkṣit, der Held des Śrīmad-Bhāgavatam, erreichte durch Hören über den Herrn das ersehnte Ziel. 2) Śukadeva Gosvāmī, der Sprecher des Śrīmad-Bhāgavatam, erreichte die höchste Vollkommenheit durch das bloße Lobpreisen des Herrn. 3) Akrūra wurde das gewünschte Ergebnis durch Beten zuteil. 4) Prahlāda Mahārāja gelangte ans höchste Ziel, indem er sich an den Herrn erinnerte. 5) Pṛthu Mahārāja erreichte durch Verehrung des Herrn die Vollkommenheit. 6) Lakṣmī erreichte die Vollkommenheit, indem sie den Lotosfüßen des Herrn diente. 7) Hanumān erreichte das ersehnte Ziel, indem er dem Herrn persönliche Dienste erwies. 8) Arjuna wurde das erwünschte Ergebnis durch seine Freundschaft mit dem Herrn zuteil. 9) Bali Mahārāja erreichte die höchste Vollkommenheit, indem er alles hingab, was er besaß.

Die Bedeutung dieses mantra der Śrī Īśopaniṣad und so gut wie aller mantras der vedischen Hymnen ist in den Vedānta-sūtras zusammengefasst und wird im Śrīmad-Bhāgavatam genau erklärt. Das Śrīmad- Bhāgavatam ist die reife Frucht am Baum der vedischen Weisheit. Dort wird das obige mantra im Verlauf der Fragen und Antworten zwischen Mahārāja Parīkṣit und Śukadeva Gosvāmī gleich zu Beginn ihrer Begegnung erklärt. Hören und Chanten über die Gotteswissenschaft sind die Eckpfeiler des hingebungsvollen Lebens. Das gesamte Bhāgavatam wurde von Mahārāja Parīkṣit gehört und von Śukadeva Gosvāmī gesprochen. Mahārāja Parīkṣit wandte sich mit seinen Fragen an Śukadeva Gosvāmī, weil Śukadeva ein größerer spiritueller Meister war als alle anderen yogīs und Transzendentalisten seiner Zeit.

Mahārāja Parīkṣits Hauptfrage lautete: „Worin besteht die Pflicht jedes Menschen, insbesondere zur Zeit des Todes?“ Śukadeva Gosvāmī antwortete:

tasmād bhārata sarvātmā
bhagavān īśvaro hariḥ
śrotavyaḥ kīrtitavyaś ca
smartavyaś cecchatābhayam

„Jeder, der von allen Ängsten frei sein möchte, soll stets über den Höchsten Persönlichen Gott, der alles lenkt, alle Schwierigkeiten beseitigt und die Überseele aller Lebewesen ist, hören, Ihn lobpreisen und sich an Ihn erinnern.“ (Bhāg. 2.1.5)

Die so genannte menschliche Gesellschaft ist nachts gewöhnlich mit Schlafen und Geschlechtsverkehr beschäftigt und tagsüber mit Geldverdienen oder mit dem Unterhalt der Familie. Die Menschen finden nur sehr wenig Zeit, über den Persönlichen Gott zu sprechen oder Fragen über Ihn zu stellen. Sie verneinen Gottes Dasein auf vielerlei Art, vor allem, indem sie erklären, Er sei unpersönlich, das heißt ohne Sinneswahrnehmung. In den vedischen Schriften – ob in den Upaniṣaden, dem Vedānta-sūtra, der Bhagavad-gītā oder dem Śrīmad-Bhāgavatam – wird jedoch erklärt, dass der Herr ein fühlendes Wesen ist und als Höchster über allen anderen Lebewesen steht. Seine ruhmreichen Taten und Spiele sind mit Ihm identisch. Man soll daher nicht über das sinnlose Tun weltlicher Politiker und so genannter bedeutender Persönlichkeiten in der Gesellschaft hören und sprechen, sondern sein Leben so einrichten, dass man sich göttlichen Tätigkeiten widmen kann, ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden. Die Śrī Īśopaniṣad weist uns den Weg zu solch göttlichem Tun.

Woran wird man sich zur Todesstunde, wenn die Funktionen des Körpers gestört sind, erinnern können, wenn man nicht mit hingebungsvollem Dienst vertraut ist? Und wie kann man dann zum Allmächtigen Herrn beten, Er möge sich an alle Opfer erinnern, die man Ihm darbrachte? Opfer bedeutet, das Verlangen der Sinne nicht zu beachten. Man muss diese Kunst erlernen, indem man die Sinne das ganze Leben hindurch in den Dienst des Herrn stellt. Das Ergebnis solcher Übung wird uns zur Zeit des Todes zugute kommen.

Achtzehntes Mantra

agne naya supathā rāye asmān
viśvāni deva vayunāni vidvān
yuyodhy asmaj juhurāṇam eno
bhūyiṣṭhāṁ te nama uktiṁ vidhema
Synonyms: 
agne — o mein Herr, mächtig wie das Feuer; naya — führe gütigerweise; supathā — auf den rechten Pfad; rāye — um Dich zu erreichen; asmān — uns; viśvāni — alle; deva — o mein Herr; vayunāni — Handlungen; vidvān — der Kenner; yuyodhi — entferne bitte; asmat — von uns; juhurāṇam — alle Hindernisse auf dem Pfad; enaḥ — alle Sünden; bhūyiṣṭhām — sehr zahlreich; te — Dir; namaḥ uktim — Worte der Ehrerbietung; vidhema — ich tue.
Translation: 
O mein Herr, mächtig wie das Feuer, Allmächtiger, jetzt erweise ich Dir meine Ehrerbietung und falle zu Boden, Dir zu Füßen. O mein Herr, bitte führe mich auf den rechten Pfad, damit ich zu Dir gelangen kann, und da Du alles weißt, was ich in der Vergangenheit getan habe, erlöse mich bitte von den Reaktionen auf meine vergangenen Sünden, sodass ich ungehindert fortschreiten kann.
Purport: 

ERLÄUTERUNG: Durch Ergebenheit und Gebete um die grundlose Gnade des Herrn kann der Gottgeweihte auf dem Pfad vollendeter Selbsterkenntnis fortschreiten. Der Herr wird als Feuer angesprochen, weil Er alles zu Asche verbrennen kann, auch die Sünden einer ergebenen Seele. Wie in den vorangegangenen mantras beschrieben wurde, ist der wahre, höchste Aspekt des Absoluten Seine Existenz als der Höchste Persönliche Gott. Sein unpersönlicher brahmajyoti-Aspekt ist eine strahlende Umhüllung, die Sein Antlitz verdeckt. Der karma-kāṇḍa Pfad der Selbsterkenntnis, auf dem man mit dem Ziel tätig ist, sich selbst materiellen Nutzen zu verschaffen, befindet sich auf der untersten Stufe. Sobald solches Tun auch nur geringfügig von den regulierenden Prinzipien der Veden abweicht, wird es zu vikarma, Handlungen, die sich gegen das Interesse des Handelnden auswirken. Solches vikarma führt das Lebewesen nur aus, um seine Sinne zu befriedigen, und so werden Handlungen dieser Art zu Hindernissen auf dem Pfad der Selbsterkenntnis.

Selbsterkenntnis ist nur in der menschlichen Lebensform möglich. Es gibt 8   400   000 Lebensformen, von denen die menschliche, sofern sie durch brahmanische Kultur verfeinert ist, die einzige Möglichkeit bietet, Wissen von der Transzendenz zu erwerben. Brahmanische Kultur bedeutet Wahrhaftigkeit, Beherrschung der Sinne, Duldsamkeit, Einfachheit, umfassendes Wissen und fester Glaube an Gott. Es ist nicht damit getan, auf eine hohe Herkunft stolz zu sein. Wenn jemand als Sohn eines brāhmaṇa geboren wird, bietet sich ihm die Gelegenheit, ebenfalls ein brāhmaṇa zu werden, ebenso wie der Sohn eines bedeutenden Mannes die Möglichkeit hat, ebenfalls ein bedeutender Mann zu werden. Ein solches Geburtsrecht ist jedoch nicht alles, denn man muss immer noch selbst die brahmanischen Eigenschaften entwickeln. Sobald man auf seine Geburt als Sohn eines brāhmaṇa stolz wird und es versäumt, die Eigenschaften eines wirklichen brāhmaṇa zu entwickeln, wird man erniedrigt und kommt vom Pfad der Selbsterkenntnis ab. Dann bleibt die Mission des menschlichen Lebens unerfüllt.

In der Bhagavad-gītā (6.41–42) versichert uns der Herr, dass den yoga-bhraṣṭas, den vom Pfad der Selbsterkenntnis abgekommenen Seelen, durch Geburt in den Familien rechtschaffener brāhmaṇas oder reicher Kaufleute eine Möglichkeit zur Berichtigung gegeben wird. Eine solche Geburt bietet eine bessere Möglichkeit zur Selbsterkenntnis als die Geburt in anderen Familien. Wer diese Gelegenheit aufgrund von Verblendung nicht nutzt, verliert die vom Allmächtigen Herrn gewährte gute Gelegenheit des menschlichen Lebens.

Die regulierenden Prinzipien sind so geartet, dass jemand, der ihnen folgt, von der Ebene gewinnorientierten Tuns (karma) zur Ebene transzendentalen Wissens aufsteigt. Nach vielen, vielen Leben der Kultivierung transzendentalen Wissens wird man vollkommen, wenn man sich dem Herrn hingibt. Das ist der allgemeine Ablauf. Wer sich jedoch schon zu Beginn hingibt, wie im obigen mantra empfohlen wird, lässt sogleich alle vorbereitenden Stufen hinter sich, einfach indem er eine hingegebene Haltung einnimmt. Wie es in der Bhagavad-gītā (18.66) heißt, nimmt sich der Herr einer solch ergebenen Seele sogleich an und erlöst sie von den Reaktionen auf ihre sündhaften Handlungen. Karma-kāṇḍa-Tätigkeiten sind von sündhaften Reaktionen durchsetzt, und auf dem Pfad des jñāna-kāṇḍa (philosophische Entwicklung) verringern sich die sündhaften Handlungen. Im hingebungsvollen Dienst des Herrn jedoch, das heißt auf dem Pfad der bhakti, besteht so gut wie keine Möglichkeit, sündhafte Reaktionen hervorzurufen. Ein Geweihter des Herrn erwirbt all die guten Eigenschaften, die der Herr selbst besitzt, und gleichzeitig natürlich auch die Eigenschaften eines brāhmaṇa. Ein Gottgeweihter entwickelt von selbst die Eigenschaften eines kundigen brāhmaṇa, der bevollmächtigt ist, Opfer durchzuführen, obgleich der Gottgeweihte nicht in der Familie eines brāhmaṇa geboren sein mag. Hier zeigt sich die Allmacht des Herrn. Er kann den Nachkommen eines brāhmaṇa so tief sinken lassen wie einen Hundeesser niedrigster Herkunft, und Er kann einen Hundeesser allein durch die Kraft hingebungsvollen Dienstes auf eine höhere Stufe erheben als einen befähigten brāhmaṇa.

Da der allmächtige Herr im Herzen eines jeden weilt, kann Er Seinen aufrichtigen Geweihten Weisungen erteilen, durch die sie auf den rechten Pfad gelangen. Solche Weisungen bekommt vor allem der Gottgeweihte – selbst wenn er sich etwas anderes wünscht. Was andere betrifft, so gibt der Herr dem Handelnden Seine Einwilligung auf dessen eigene Gefahr. Einen Gottgeweihten indes führt der Herr in solcher Weise, dass er nie falsch handelt. Im Śrīmad-Bhāgavatam (11.5.42) heißt es:

sva-pāda-mūlaṁ bhajataḥ priyasya
tyaktānya-bhāvasya hariḥ pareśaḥ
vikarma yac cotpatitaṁ kathañcid
dhunoti sarvaṁ hṛdi sanniviṣṭaḥ

„Der Herr ist zu Seinen Geweihten, die Seinen Lotosfüßen völlig ergeben sind, so gütig, dass Er sogleich ihre Fehler im Herzen berichtigt – selbst wenn ein Gottgeweihter manchmal auf die Ebene von vikarma fällt, d.   h. Handlungen gegen die vedischen Anweisungen ausführt. Dies ist so, weil die Gottgeweihten dem Herrn sehr lieb sind.“

Im vorliegenden mantra der Śrī Īśopaniṣad betet der Gottgeweihte zum Herrn, Er möge ihn vom Innern seines Herzens her berichtigen. Irren ist menschlich. Die bedingte Seele neigt dazu, viele Fehler zu begehen, und die einzige Maßnahme gegen solch unbewusste Sünden besteht darin, sich den Lotosfüßen des Herrn bedingungslos zu ergeben, auf dass der Herr einem den rechten Weg weise. Der Herr nimmt sich solch völlig ergebener Seelen an. Alle Probleme sind also gelöst, wenn man sich einfach dem Herrn ergibt und nach Seinen Weisungen handelt. Diese Weisungen werden dem aufrichtigen Gottgeweihten auf zweierlei Art gegeben: einmal durch die Heiligen, die Schriften und den spirituellen Meister und zum anderen durch den Herrn selbst, der im Herzen eines jeden weilt. So ist der Gottgeweihte, gestärkt durch vedisches Wissen, in jeder Hinsicht beschützt.

Vedisches Wissen ist transzendental und kann nicht durch weltliche Lernmethoden verstanden werden. Man kann die vedischen mantras nur durch die Gnade des Herrn und des spirituellen Meisters verstehen. Wenn man bei einem echten spirituellen Meister Zuflucht sucht, bedeutet das, dass man die Gnade des Herrn erlangt hat. Der Herr erscheint für den Gottgeweihten als spiritueller Meister. Der spirituelle Meister, die vedischen Unterweisungen und der Herr selbst von innen her leiten also den Gottgeweihten mit voller Kraft, und so besteht keine Möglichkeit, dass der Gottgeweihte erneut in den Sumpf der materiellen Täuschung fällt. Es ist sicher, dass der so von allen Seiten beschützte Gottgeweihte das endgültige Ziel der Vollkommenheit erreicht. Dieses mantra der Śrī Īśopaniṣad deutet den gesamten Vorgang in kurzer Form an, und das Śrīmad-Bhāgavatam (1.2.17–20) erklärt ihn im Detail:

Das Hören und das Chanten über die Herrlichkeit des Herrn sind in sich selbst fromme Werke. Der Herr möchte, dass jeder diese beiden Vorgänge befolgt, denn Er ist der wohlmeinende Freund aller Lebewesen. Wenn man über die Herrlichkeit des Herrn hört und chantet, wird man von allen unerwünschten Dingen geläutert, und die Hingabe an den Herrn wird gefestigt. Auf dieser Stufe erwirbt der Gottgeweihte die brahmanischen Eigenschaften, und die Folgeerscheinungen (Lust und Gier) der niederen Erscheinungsweisen der Natur (Leidenschaft und Unwissenheit) verschwinden völlig. Der Gottgeweihte wird kraft seines hingebungsvollen Dienstes voll erleuchtet und erkennt so die Wege des Herrn und den Pfad, der zu Ihm führt. Alle Zweifel verflüchtigen sich, und er wird zu einem reinen Gottgeweihten.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zur Śrī Īśopaniṣad, dem Wissen, das uns dem Höchsten Persönlichen Gott, Śrī Kṛṣṇa, näher bringt.