Spirituelle Maßnahmen gegen Kriminalität

Jahr für Jahr geben Regierungen in aller Welt immer mehr Geld für die Verbrechensbekämpfung und -verhütung aus; trotz gezielter Anstrengungen jedoch steigt die Kriminalitätsrate beharrlich weiter. Im folgenden Gespräch vom Juli 1975 fragt Leutnant David Mozee, Pressereferent der Chicagoer Polizei, wie man die wachsende Kriminalität in den USA bekämpfen könne. Śrīla Prabhupāda schlägt eine erstaunlich einfache, aber praktische Lösung für das scheinbar unüberwindliche Problem vor.

Leutnant Mozee: Ich habe gehört, dass Sie einige Ideen haben, die uns bei der Verbrechensverhütung helfen könnten. Es wäre für mich sehr interessant, mehr darüber zu erfahren.

Śrīla Prabhupāda: Der Unterschied zwischen einem frommen Menschen und einem Verbrecher besteht darin, dass das Herz des einen rein, das des anderen schmutzig ist. Dieser Schmutz ist eine Art Krankheit, die in Form von unbeherrschter Lust und Gier das Herz des Kriminellen befallen hat. Heutzutage leidet der größte Teil der Menschen an dieser Krankheit, und deshalb nimmt die Kriminalität überhand. Wenn sich die Menschen von diesen Unreinheiten befreien, wird das Verbrechen verschwinden. Die einfachste Methode der Reinigung besteht darin, sich mit anderen zusammenzutun und gemeinsam die heiligen Namen Gottes zu chanten. Das nennt man saṅkīrtana – und das ist die Grundlage unserer Bewegung für Kṛṣṇa- Bewusstsein. Wenn Sie der Kriminalität ein Ende setzen wollen, müssen Sie also so viele Menschen wie möglich zum saṅkīrtana versammeln. Dieses gemeinsame Lobpreisen der heiligen Namen Gottes wird alle Unreinheiten aus dem Herzen entfernen. Dann wird es keine Verbrechen mehr geben.

Leutnant Mozee: Was, denken Sie, ist der Unterschied zwischen der Kriminalität hier in den USA und der Kriminalität in Ihrem Land, Indien?

Śrīla Prabhupāda: Wie definieren Sie Kriminalität?

Leutnant Mozee: Jede Beeinträchtigung der Rechte einer Person durch eine andere.

Śrīla Prabhupāda: Ja. Wir haben die gleiche Definition. In den Upaniṣaden heißt es: īśāvāsyam idaṁ sarvam: „Alles gehört Gott.“ Jeder hat das Recht, seinen gottgegebenen Anteil zu nutzen, aber er darf sich nicht am Eigentum anderer vergreifen. Wer dies tut, wird zum Kriminellen. Genaugenommen besteht das erste Verbrechen darin, dass die Amerikaner denken, das Land Amerika gehöre ihnen. Vor 200 Jahren gehörte es ihnen noch nicht, aber dann strömten sie aus allen Teilen der Welt zusammen und beanspruchten es als ihren Besitz. Eigentlich ist es Gottes Land, und als solches gehört es allen, da wir alle Kinder Gottes sind; aber die meisten Menschen haben keine Vorstellung von Gott; sie sind fast alle gottlos. Deshalb sollte man die Menschen über Gott unterrichten. Die amerikanische Regierung hat das Motto: „Auf Gott vertrauen wir.“ Ist das richtig?

Leutnant Mozee: Ja.

Śrīla Prabhupāda: Aber wo wird Wissen über Gott vermittelt? Auf Gott zu vertrauen ist sehr gut, aber solches Vertrauen allein wird nur dann von Dauer sein, wenn es von exaktem Wissen über Gott gestützt wird. Man weiß wohl, dass man einen Vater hat, doch ohne dass man ihn kennt, ist dieses Wissen unvollkommen. Es mangelt an Bildung und Erziehung in der Wissenschaft von Gott.

Leutnant Mozee: Sind Sie der Ansicht, dass diese Art von Bildung nur hier in den Vereinigten Staaten fehlt?

Śrīla Prabhupāda: Nein, überall. Die Zeit, in der wir leben, heißt Kali-yuga, das Zeitalter der Gottlosigkeit. Es ist das Zeitalter der Uneinigkeit und des Streites, und die Herzen der Menschen sind voller Schmutz. Aber Gott ist so mächtig, dass wir geläutert werden, wenn wir Seinen heiligen Namen anrufen. Der Beweis dafür sind meine Schüler, die ihre Untugenden abgelegt haben. Das Chanten der heiligen Namen ist die Grundlage unserer Bewegung. Unsere Tür steht jedem offen – wir machen keine Unterschiede. Jeder kann in unseren Tempel kommen, das Hare-Kṛṣṇa-mantra chanten, etwas prasādam [geweihte Speisen] als Stärkung zu sich nehmen und auf diese Weise allmählich geläutert werden. Wenn wir von den Behörden die nötigen Mittel bekämen, könnten wir im großen Rahmen saṅkīrtana abhalten und prasādam verteilen. Dadurch würde sich ohne Zweifel die ganze Gesellschaft wandeln.

Leutnant Mozee: Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie, dass wir mehr Nachdruck auf eine Rückkehr zu religiösen Prinzipien legen sollten.

Śrīla Prabhupāda: Auf jeden Fall. Worin unterscheidet sich der Mensch vom Tier, wenn er keine religiösen Prinzipien befolgt? Der Mensch kann Religion verstehen, der Hund nicht. Wie kann man aber erwarten, dass in der Gesellschaft Frieden herrscht, wenn ihre Mitglieder auf der Stufe von Katzen und Hunden stehen? Wenn Sie ein Dutzend Hunde zusammen in ein Zimmer sperren, wie soll es dann möglich sein, in diesem Zimmer Frieden aufrechtzuerhalten? Ebenso kann man in der menschlichen Gesellschaft keinen Frieden erwarten, solange die Menschen die Mentalität von Hunden haben.

Leutnant Mozee: Wenn einige meiner Fragen respektlos klingen, dann nur, weil ich Ihre religiösen Anschauungen nicht vollständig verstehe. Ich möchte durchaus nicht respektlos sein.

Śrīla Prabhupāda: Nein, es geht hier gar nicht um meine religiösen Anschauungen. Ich zeige nur den Unterschied zwischen menschlichem und tierischem Leben auf. Für Tiere ist es völlig unmöglich, etwas über Gott zu erfahren, der Mensch jedoch kann das sehr wohl. Wenn man aber dem Menschen diese Möglichkeit nicht bietet, dann bleibt er auf der Ebene von Katzen und Hunden stehen. In einer Gesellschaft von Katzen und Hunden kann man keinen Frieden erwarten. Die Pflicht des Staates ist es also, dafür zu sorgen, dass die Bürger darin unterrichtet werden, wie sie gottesbewusst werden können. Sonst gibt es nichts als Probleme, denn ohne Gottesbewusstsein besteht zwischen einem Hund und einem Menschen kein Unterschied: Der Hund nimmt Nahrung auf, wir nehmen Nahrung auf; der Hund schläft, wir schlafen; der Hund hat Sex, wir haben Sex; der Hund versucht, sich zu verteidigen, und wir versuchen ebenfalls, uns zu verteidigen. Das sind die Gemeinsamkeiten. Der einzige Unterschied ist, dass der Hund nicht lernen kann, seine Beziehung zu Gott zu verstehen.

Leutnant Mozee: Wäre nicht Frieden die Voraussetzung für eine Rückkehr zur Religion? Müssen wir nicht zuerst Frieden schaffen?

Śrīla Prabhupāda: Nein, nein. Da liegt das Problem. Heutzutage weiß niemand wirklich, was Religion bedeutet. Religion bedeutet, die Gesetze Gottes zu befolgen, genauso wie ein guter Staatsbürger zu sein bedeutet, die Gesetze der Regierung zu befolgen. Weil niemand Gott kennt, kennt niemand die Gesetze Gottes und die Bedeutung von Religion. Das ist heute die Situation in der Gesellschaft. Die Menschen vergessen, was Religion eigentlich bedeutet, und halten sie nur für eine Art Glauben. Glaube kann auch blinder Glaube sein. Der Begriff „Glaube“ beschreibt nicht das Wesen von Religion. Mit Religion sind die von Gott erlassenen Gesetze gemeint, und jeder, der diese Gesetze befolgt, ist religiös, gleichgültig, ob er Christ, Hindu oder Moslem ist.

Leutnant Mozee: Bei allem Respekt, ist es nicht so, dass wir in Indien, wo die religiösen Bräuche jahrhundertelang befolgt wurden, keine Rückkehr zum spirituellen Leben, sondern eine Abkehr davon beobachten können?

Śrīla Prabhupāda: Ja – aber schuld daran ist die schlechte Staatsführung. An sich ist die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung sehr gottesbewusst und versucht, die Gesetze Gottes zu befolgen. Hier im Westen glauben nicht einmal gebildete Hochschulprofessoren an Gott oder an ein Leben nach dem Tod. Aber in Indien glaubt selbst der ärmste Mann an Gott und an ein nächstes Leben. Er weiß, dass sündhaftes Handeln Leid bringt, frommes Handeln jedoch Wohlstand und Glück. Noch heute gehen Dorfbewohner zum Tempel, um eine Auseinandersetzung beizulegen, denn jeder weiß, dass es die Gegenpartei kaum wagen wird, im Angesicht der Bildgestalt Gottes zu lügen. So gesehen, ist die indische Bevölkerung immer noch zu achtzig Prozent religiös. Das ist der besondere Vorteil einer Geburt in Indien, aber auch die besondere Verantwortung. Śrī Caitanya Mahāprabhu sagte:

bhārata-bhūmite haila manuṣya-janma yā’ra
janma sārthaka kari’ kara para-upakāra

(Caitanya-caritāmṛta, Ādi-līlā 9.41)

„Jeder, der in Indien geboren wurde, sollte sein Leben vervollkommnen, indem er Kṛṣṇa-bewusst wird, und dann das Kṛṣṇa-Bewusstsein auf der ganzen Welt verbreiten.“

Leutnant Mozee: Es gibt ein christliches Gleichnis, das besagt, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein reicher Mann vor den Thron Gottes kommt. Glauben Sie, dass der Wohlstand der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Länder ein Hindernis für spirituelles Bewusstsein ist?

Śrīla Prabhupāda: Zu viel Reichtum ist in der Tat ein Hindernis. Kṛṣṇa sagt in der Bhagavad-gītā [2.44]:

bhogaiśvarya-prasaktānāṁ
tayāpahṛta-cetasām
vyavasāyātmikā buddhiḥ
samādhau na vidhīyate

Wer großen materiellen Reichtum besitzt, vergisst Gott. Deshalb ist zu viel materieller Wohlstand ein Nachteil, wenn man nach Gotteserkenntnis strebt. Es ist zwar kein zwingendes Gesetz, dass nur ein armer Mensch Gott erkennen kann, aber sehr reiche Leute haben im Allgemeinen ausschließlich die Vermehrung ihres Vermögens im Sinn und können daher spirituelle Lehren nur schwer verstehen.

Leutnant Mozee: Die Anhänger des christlichen Glaubens hier in Amerika vertreten ähnliche Ansichten. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen den Glaubenslehren der verschiedenen Religionen.

Śrīla Prabhupāda: Der wesentliche Inhalt aller Religionen ist der gleiche. Wir empfehlen jedem, zu welchem Glauben auch immer er sich bekennt, nach Gotteserkenntnis und Gottesliebe zu streben. Wir sagen den Christen nicht: „Das Christentum ist nicht gut. Sie müssen so werden wie wir.“ Unsere Bitte lautet: „Ob Christ, Moslem oder Hindu – versuchen Sie einfach, Gott zu verstehen und zu lieben!“

Leutnant Mozee: Wenn ich auf den ursprünglichen Grund meines Besuches zurückkommen dürfte: Welchen Ratschlag könnten Sie uns geben, um uns bei der Verbrechensbekämpfung zu unterstützen? Ich gebe zu, dass der allererste Schritt darin besteht, sich wieder auf Gott zu besinnen, wie Sie gesagt haben. Darüber gibt es keinen Zweifel. Aber können Sie uns nicht eine Sofortmaßnahme empfehlen, um den wachsenden Hang zur Kriminalität einzudämmen?

Śrīla Prabhupāda: Ja. Wie ich bereits zu Beginn unseres Gespräches andeutete, sollten Sie uns darin unterstützen, den heiligen Namen Gottes zu chanten und prasādam zu verteilen. Das wird einen enormen Wandel in der Bevölkerung herbeiführen. Als ich aus Indien kam, war ich allein, und jetzt habe ich viele Anhänger. Was habe ich getan? Ich habe sie gebeten, sich hinzusetzen und das Hare-Kṛṣṇa- mantra zu chanten, und anschließend habe ich etwas prasādam verteilt. Die gleiche Methode, auf große Menschenmengen übertragen, würde in der Gesellschaft mit Sicherheit ein sehr angenehmes Klima schaffen. Wir müssten nur von den Behörden die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt bekommen.

Leutnant Mozee: Ich werde Ihre Bitte auf jeden Fall an meine Vorgesetzten weiterleiten. Würden Sie das Programm in einem reichen Viertel oder eher in einem ärmeren anlaufen lassen?

Śrīla Prabhupāda: Wir machen da keine Unterschiede. Jeder allgemein zugängliche Ort eignet sich bestens für saṅkīrtana. Die reichen Leute haben Gottesbewusstsein genauso nötig wie die armen. Jeder wird dadurch geläutert und profitiert davon. Glauben Sie, es gäbe nur in den ärmeren Gesellschaftsschichten Kriminalität?

Leutnant Mozee: Nein, aber ich wollte wissen, ob es einen günstigeren Einfluss hätte und die Gesellschaft mehr gestärkt würde, wenn das Programm in einer ärmeren statt in einer reichen Gegend durchgeführt würde.

Śrīla Prabhupāda: Unsere Behandlung ist für den spirituell erkrankten Menschen bestimmt. Wenn jemand an einer Krankheit leidet, unterscheidet man nicht zwischen arm und reich. Beide werden in dasselbe Krankenhaus eingeliefert. Genau wie das Krankenhaus an einem Ort gelegen sein sollte, den sowohl der arme wie der reiche Mann problemlos erreichen kann, so soll der Ort, an dem saṅkīrtana und prasādam-Verteilung stattfinden, für jedermann leicht zugänglich sein. Da alle an der Krankheit des Materialismus leiden, sollen alle ihren Nutzen daraus ziehen können.

Das Problem ist nur, dass der Reiche sich für vollkommen gesund hält, obwohl er der Kränkste von allen ist. Aber als Polizist wissen Sie ja am besten, dass es sowohl unter den Reichen als auch unter den Armen Kriminelle gibt. Der Vorgang des Chantens ist für jeden da, denn er reinigt das Herz, ganz gleich, ob jemand arm oder reich ist. Der einzige Weg, einen Menschen auf Dauer von seinem kriminellen Verhalten abzubringen, besteht darin, sein Herz zu wandeln. Bekanntlich werden viele Diebe immer wieder gefasst und ins Gefängnis gesteckt. Sie wissen zwar, dass sie als Strafe für Diebstahl ins Gefängnis müssen, aber sie stehlen wie unter Zwang weiter, weil ihr Herz unrein ist. Ohne das Herz des Kriminellen zu läutern, kann man daher das Verbrechen nicht eindämmen. Es ist nicht damit getan, einfach die Gesetze zu verschärfen. Der Dieb und der Mörder kennen das Gesetz sehr genau, und doch werden sie aufgrund der Verunreinigung in ihrem Herzen immer wieder straffällig. Unsere Methode besteht deshalb darin, das Herz zu reinigen – ceto darpaṇa mārjanaṁ. Dadurch lassen sich alle Probleme der materiellen Welt lösen.

Leutnant Mozee: Das ist eine sehr schwierige Aufgabe.

Śrīla Prabhupāda: Es ist nicht schwierig. Laden Sie einfach jeden ein: „Kommt alle, chantet Hare Kṛṣṇa, tanzt und esst reichlich das köstliche prasādam!“ Was kann daran schwierig sein? Wir tun das bereits in unseren Zentren, und die Leute kommen. Aber weil unsere finanziellen Mittel sehr beschränkt sind, können wir es nur im kleinen Rahmen praktizieren. Jeder ist eingeladen, und immer mehr Leute besuchen unsere Zentren und werden bhaktas. Aber wenn uns die Regierung die nötigen Mittel zur Verfügung stellen würde, könnten wir dieses Programm unbegrenzt ausdehnen. Die Regierung steht vor großen Schwierigkeiten. Die Frage lautet: „Kriminalität – was sind die Ursachen und was können wir dagegen tun?“ Das Problem ist gewaltig. Warum würden sonst überall Stimmen laut, die nach einer Lösung rufen? Jeder Staat möchte die Kriminalität aus der Welt schaffen. Darin sind sich alle einig. Aber die Regierungen wissen nicht, wie sie vorgehen sollen. Wenn die Verantwortlichen uns anhören würden, könnten wir ihnen die Lösung präsentieren. Warum werden Verbrechen verübt? Weil die Menschen gottlos sind. Und was ist zu tun? Chanten Sie Hare Kṛṣṇa, und essen Sie prasādam! Wenn Sie möchten, können Sie sich unseren Vorgang zunutze machen. Wenn nicht, werden wir ihn einfach im kleinen Rahmen weiterführen. Wir sind wie ein armer Arzt mit einer kleinen Privatpraxis, der ein großes Krankenhaus eröffnen könnte, wenn man ihm die nötigen Mittel gäbe. Die Entscheidung liegt bei der Regierung. Wenn die führenden Politiker unserem Rat folgen und den Vorgang des saṅkīrtana aufnehmen, wird das Problem der Kriminalität gelöst sein.

Leutnant Mozee: Es gibt in den Vereinigten Staaten viele christliche Gemeinschaften, die die heilige Kommunion austeilen. Warum hilft das nicht? Warum läutert das nicht das Herz?

Śrīla Prabhupāda: Offen gestanden fällt es mir schwer, auch nur einen echten Christen zu finden. Die sogenannten Christen befolgen die Gebote der Bibel nicht. Eines der zehn Gebote lautet: „Du sollst nicht töten!“ Aber wo ist der Christ, der nicht tötet, der nicht das Fleisch der Kuh isst? Das Chanten der heiligen Namen und die Verteilung von prasādam werden Wirkung zeigen, wenn diese Vorgänge von Menschen durchgeführt werden, die tatsächlich ein religiöses Leben führen. Meine Schüler sind darin geschult, die religiösen Prinzipien strikt einzuhalten, und deshalb unterscheidet sich ihr Chanten der heiligen Namen von dem anderer. Sie chanten nicht einfach nur äußerlich, sondern haben in der Praxis die reinigende Kraft des heiligen Namens erfahren.

Leutnant Mozee: Liegt nicht die Schwierigkeit darin, dass vielleicht ein kleiner Kreis von Priestern und Kṛṣṇa-Anhängern den religiösen Prinzipien folgt, dass aber viele Laien abweichen und Probleme schaffen? Nehmen wir einmal an, die Hare-Kṛṣṇa-Bewegung wüchse zu einer riesigen Glaubensgemeinschaft an, so wie das Christentum. Hätten Sie dann nicht ein Problem mit Leuten, die sich zwar als Anhänger bezeichneten, es aber in Wirklichkeit nicht sind?

Śrīla Prabhupāda: Diese Möglichkeit besteht natürlich jederzeit, aber ich möchte lediglich hervorheben, dass man, wenn man kein echter Christ ist, mit seinem Predigen keine Wirkung erzielen wird. Und weil wir die religiösen Prinzipien strikt befolgen, wird unser Predigen nachhaltig zur Verbreitung von Gottesbewusstsein und zur Lösung des Kriminalitätsproblems beitragen.

Leutnant Mozee: Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich werde diese Tonbandaufnahme meinen Vorgesetzten übergeben. Ich hoffe sehr, dass Ihre Ausführungen dort den gleichen Eindruck hinterlassen werden, wie dies bei mir der Fall ist.

Śrīla Prabhupāda: Vielen Dank.

Materielle und spirituelle Wohltätigkeit

Śrīla Prabhupāda schreibt in einem Briefwechsel mit dem Sekretär des Hilfsfonds-Komitees von Andhra Pradesh, Hyderabad: „Ich glaube daher, dass Ihren Bemühungen kein Erfolg beschieden sein wird, solange Sie lediglich durch Spendensammlungen Hilfe leisten wollen. Wir müssen den Höchsten Herrn erfreuen – das ist der Weg zum Erfolg. Hier zum Beispiel hat es, seitdem wir saṅkīrtana [gemeinsames Chanten von Hare Kṛṣṇa] abhalten, nach zweijähriger Trockenheit wieder zu regnen begonnen …“

Ehrwürdiger Swamiji,

Die Einwohner der Zwillingsstädte [Hyderabad und Secunderabad] freuen sich, Sie und Ihre geschätzten Anhänger begrüßen zu dürfen. Wie Ihnen wohl bekannt ist, wird über die Hälfte unseres Landes [Andhra Pradesh, ein Staat in Südindien] von einer schweren Dürre heimgesucht, da es in den vergangenen zwei Jahren nur wenig und in diesem Jahr überhaupt noch nicht geregnet hat. Bürger aus allen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen haben eine Freiwilligenorganisation gegründet, deren Ziel es ist, den Kampf der Regierung gegen die Katastrophe zu unterstützen. Die Mitglieder dieser Organisation haben die von der Trockenheit betroffenen Gebiete besucht. Die Lage ist erschütternd. Es gibt Dörfer, wo im Umkreis von mehreren Meilen kein Wasser erhältlich ist. Weil es kein Futter gibt, müssen die Bauern ihr Vieh zu Niedrigstpreisen verkaufen. Streunende Rinder verenden massenweise, weil sie kein Futter und kein Wasser finden. Die Nahrungsmittelsituation ist ebenfalls höchst prekär. Wegen der hohen Getreidepreise können es sich arme Dorfbewohner nicht leisten, Getreide zu Marktpreisen zu kaufen. Die Folge: Mindestens fünf bis sechs Millionen Menschen haben kaum eine Mahlzeit am Tag. Viele stehen am Rande des Verhungerns. Die ganze Lage ist höchst mitleiderregend, und uns allen blutet das Herz.

Wir richten deshalb folgenden Appell an Sie: Bitte überlegen Sie, wie Ihre Gesellschaft mithelfen könnte, das unvorstellbare Elend dieser Millionen von armen Seelen zu lindern. Das Komitee des Hilfsfonds erlaubt sich vorzuschlagen, dass Mitglieder Ihrer Gesellschaft die bhaktas, die zu Ihren Vorlesungen kommen, dazu auffordern, den Hilfsfonds von Andhra Pradesh mit ihrer Spende zu unterstützen.

Das Komitee ist bereit, Mitgliedern Ihrer Gesellschaft einige seiner Vertreter mitzuschicken, wo immer Sie an die hungernden Millionen im Staate prasādam verteilen möchten.

Da mānava-sevā [„Dienst am Mitmenschen“] mādhava-sevā [„Dienst an Gott“] ist, ist das Komitee zuversichtlich, dass schon eine kleine Bemühung seitens Ihrer geschätzten und für ihre Güte bekannten Gesellschaft mithelfen wird, die Not Tausender von Menschen zu lindern.

Im Dienste des Herrn, Ihr ergebener
T.  L. Katidia,
Sekretär des Hilfsfonds-Komitees von Andhra Pradesh
Hyderabad, Indien

Sehr geehrter Herr Katidia!

Seien Sie mir herzlich gegrüßt! In Bezug auf Ihren Brief und Ihr Gesuch möchte ich Ihnen mitteilen, dass niemand glücklich sein kann, ohne den Höchsten Herrn zu erfreuen. Doch leider wissen die Menschen nicht, wer Gott ist und wie man Ihn erfreut. Unsere Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein sieht daher ihre Aufgabe darin, den Höchsten Herrn den Menschen näherzubringen. Im Śrīmad-Bhāgavatam, siebter Canto, 6. Kapitel, heißt es: tuṣṭe ca tatra kim alabhyam ananta ādye  /  kiṁ tair guṇa-vyatikarād iha ye sva-siddhāḥ.

Dieser Vers besagt: Wenn wir zur Freude des Höchsten Herrn handeln, dienen wir dem Wohle aller, und dann gibt es keinen Mangel mehr. Weil die Menschen dieses Erfolgsgeheimnis nicht kennen, schmieden sie ihre eigenen, unabhängigen Pläne, die sie glücklich machen sollen. Es ist jedoch nicht möglich, auf diese Weise Glück zu finden. Auf Ihrem Briefkopf sehe ich die Namen vieler bedeutender Persönlichkeiten Ihres Landes, die daran interessiert sind, das Elend der Menschen zu lindern, aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass all ihre Bemühungen vergeblich sind, wenn sie nicht zur Freude des Höchsten Herrn bestimmt sind. Allein die Betreuung durch einen sachkundigen Arzt und die Einnahme von Medikamenten gewährleisten nicht das Überleben eines Kranken. Wenn dem so wäre, würde kein reicher Mann sterben. Vielmehr bedarf es dazu der Gunst Kṛṣṇas, des Höchsten Herrn.

Ich glaube daher, dass Ihren Bemühungen kein Erfolg beschieden sein wird, solange Sie lediglich durch Spendensammlungen Hilfe leisten wollen. Sie müssen den Höchsten Herrn erfreuen – das ist der Weg zum Erfolg. Hier zum Beispiel hat es, seitdem wir saṅkīrtana abhalten, nach zweijähriger Trockenheit wieder zu regnen begonnen. Als wir das letzte Mal in Delhi ein Hare-Kṛṣṇa-Festival veranstalteten, drohte unmittelbar die Kriegserklärung Pakistans. Ein Journalist fragte mich, wie ich die Lage einschätze, und ich sagte, ein Kampf sei aufgrund der aggressiven Haltung der Gegenseite unvermeidlich. Doch dank unserer saṅkīrtana-Bewegung ging Indien siegreich aus dem Kampf hervor. Und als wir in Kalkutta ein ähnliches Festival veranstalteten, legten sich die von den Naxaliten [Kommunisten] gestifteten Unruhen. Das sind alles Fakten. Durch die saṅkīrtana-Bewegung bekommen wir nicht nur alles, was wir zum Leben brauchen, sondern können am Ende sogar nach Hause, zu Gott, zurückkehren. Menschen von dämonischem Wesen können dies nicht verstehen, aber es ist eine Tatsache.

Daher bitte ich Sie alle, als führende Miglieder der Gesellschaft, sich unserer Bewegung anzuschließen. Keiner hat etwas dabei zu verlieren, wenn er das Hare-Kṛṣṇa-mantra chantet, aber der Gewinn ist groß. Wie es in der Bhagavad-gītā [3.21] heißt, folgen die gewöhnlichen Menschen dem Vorbild führender Persönlichkeiten:

yad yad ācarati śreṣṭhas
tat tad evetaro janaḥ
sa yat pramāṇaṁ kurute
lokas tad anuvartate

„Was immer ein bedeutender Mensch tut, dem folgen die gewöhnlichen Menschen nach. Und nach den Maßstäben, die er durch sein Beispiel setzt, richtet sich die ganze Welt.“

Die saṅkīrtana-Bewegung des Kṛṣṇa-Bewusstseins ist sehr wichtig. Deshalb möchte ich über Sie an alle führenden Persönlichkeiten Indiens appellieren, diese Bewegung ernst zu nehmen und uns nach besten Kräften zu helfen, sie auf der ganzen Welt zu verbreiten. Das wird nicht nur in Indien, sondern auf der ganzen Welt für glückliche Lebensumstände sorgen.

In der Hoffnung, dass dieser Brief Sie bei guter Gesundheit erreicht, verbleibe ich

Ihr stets wohlmeinender Freund
A.  C. Bhaktivedanta Swami

Wir erklären unsere Abhängigkeit von Gott

Im Jahre 1976 feierten die Vereinigten Staaten ihr 200-jähriges Bestehen. Im März des gleichen Jahres interviewen die Redakteure der Zeitschrift Back to Godhead Śrīla Prabhupāda in Māyāpura (Indien). Im Verlaufe des Gesprächs setzt sich Śrīla Prabhupāda kritisch mit amerikanischen Leitsätzen auseinander, wie „Alle Menschen sind gleich“, „Wir vertrauen auf Gott“ und „Eine Nation unter Gott“.

Back to Godhead: Thomas Jefferson formulierte die Grundgedanken der Amerikanischen Revolution in der Unabhängigkeitserklärung. Die bedeutenden Männer, die das Dokument unterzeichneten, waren sich einig, dass es gewisse offenkundige, selbstverständliche Wahrheiten gibt, und die erste davon lautet, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Damit meinten sie, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und ein gleiches Recht darauf haben, durch das Gesetz geschützt zu werden.

Śrīla Prabhupāda: Ja, in dieser Hinsicht sind alle Menschen gleich.

BTG: Die Unabhängigkeitserklärung spricht auch davon, dass alle Menschen von Gott mit bestimmten natürlichen Rechten ausgestattet sind, die ihnen nicht abgesprochen werden können. Dazu zählen das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und …

Śrīla Prabhupāda: Aber die Tiere haben ebenfalls das Recht zu leben. Warum wird nicht auch ihnen dieses Recht zugesprochen? Die Hasen zum Beispiel führen ein friedliches Leben im Wald. Warum lässt es die Regierung zu, dass die Jäger sie abschießen?

BTG: Damals war nur von Menschen die Rede.

Śrīla Prabhupāda: Dann ist das keine echte Philosophie. Die Haltung, nur meine Familie oder mein Bruder sei wichtig, aber alle anderen könne ich töten, ist kriminell. Stellen Sie sich vor, jemand tötet Ihren Vater, nur um seiner eigenen Familie einen Vorteil zu verschaffen. Ist das etwa Philosophie? Wahre Philosophie ist suhṛdaṁ sarva-bhūtānām: Man soll allen Lebewesen ein Freund sein. Das gilt selbstverständlich für alle Menschen, aber auch dann, wenn jemand unnötigerweise ein Tier tötet, sollte man sofort protestieren: „Was soll der Unfug?“

BTG: Die Gründerväter Amerikas sagten, ein weiteres Naturrecht sei das Recht auf Freiheit. Freiheit in dem Sinne, dass der Staat nicht das Recht hat, dem Einzelnen vorzuschreiben, welchen Beruf er ergreifen soll.

Śrīla Prabhupāda: Einem unvollkommenen Staat sollte es nicht gestattet sein, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Aber ein vollkommener Staat ist dazu befugt.

BTG: Das dritte Naturrecht lautet, dass jeder Mensch das Recht hat, nach Glück zu streben.

Śrīla Prabhupāda: Ja. Aber was mich glücklich macht, macht noch lange nicht andere glücklich. Viele essen gerne Fleisch; mir ist das Fleischessen zuwider. Wie kann es für alle den gleichen Maßstab des Glücks geben?

BTG: Sollte es dann jedem freistehen, nach seiner eigenen Fasson glücklich zu werden?

Śrīla Prabhupāda: Nein. Entsprechend seinen persönlichen Eigenschaften sollte es dem Einzelnen vorgeschrieben sein, wie er glücklich werden kann. Die gesamte Gesellschaft muss in vier Gruppen unterteilt werden: in Menschen mit brāhmaṇa-Eigenschaften, Menschen mit kṣatriya-Eigenschaften, Menschen mit vaiśya-Eigenschaften und Menschen mit śūdra-Eigenschaften.*<$F> Jedem sollte die Möglichkeit geboten werden, entsprechend seiner natürlichen Veranlagung zu handeln. Einen Bullen kann man nicht die Arbeit eines Pferdes verrichten lassen oder umgekehrt.

* Brāhmaṇas sind fromme Lehrer (und spirituelle Führer) der Gesellschaft; kṣatriyas sind im Militär oder in der Staatsverwaltung tätig; vaiśyas sind Bauern und Geschäftsleute, und śūdras sind Arbeiter.

Heutzutage erhält praktisch jeder eine Hochschulausbildung. Aber was wird an diesen Hochschulen gelehrt? Größtenteils technisches Wissen, das zur Bildung der śūdras zählt. Wahre höhere Bildung ist das Studium der vedischen Weisheiten, und das ist Sache der brāhmaṇas. Wenn ausschließlich śūdra-Wissen gelehrt wird, führt das zum Chaos. Jeder sollte daraufhin geprüft werden, für welchen Bildungsweg er sich am besten eignet. Manche śūdras können eine technische Ausbildung erhalten, aber die meisten sollten auf Bauernhöfen arbeiten. Weil jeder in die Stadt zieht, um zu studieren, und sich dort einen höheren Verdienst verspricht, wird die Landwirtschaft vernachlässigt. Gegenwärtig herrscht Knappheit, weil sich niemand um die Produktion guter Nahrungsmittel kümmert. All diese Missstände haben ihre Ursache in einer schlechten Staatsführung. Es ist die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass jeder gemäß seinen natürlichen Eigenschaften beschäftigt ist. Dann werden die Menschen glücklich sein.

BTG: Mit anderen Worten, wenn der Staat alle Menschen künstlich in eine bestimmte Klasse zwängt, kann es kein Glück geben.

Śrīla Prabhupāda: Nein. Das ist unnatürlich und verursacht nur Chaos.

BTG: Amerikas Gründerväter hatten mit Klassen schlechte Erfahrungen gemacht und mochten Klassenunterteilungen deshalb nicht. Vor der Revolution wurden die Amerikaner von Monarchen regiert, doch die Monarchen waren immer ungerecht und tyrannisch.

Śrīla Prabhupāda: Weil sie nicht zu heiligen Monarchen herangebildet wurden. In der vedischen Zivilisation wurden die Knaben von frühester Jugend an zu erstklassigen brahmacārīs [im Zölibat lebende Studenten] erzogen. Sie gingen zum gurukula, der Schule des spirituellen Meisters, und lernten Selbstbeherrschung, Sauberkeit, Wahrheitsliebe und viele andere heilige Eigenschaften. Die besten unter ihnen waren später dazu geeignet, das Land zu regieren.

Die Amerikanische Revolution ist nichts Besonderes. Überall revoltieren die Menschen, wenn sie unzufrieden sind. Das war in Amerika der Fall, das war in Frankreich der Fall, und das war in Russland der Fall.

BTG: Die amerikanischen Revolutionäre sagten, das Volk habe das Recht, eine Regierung abzusetzen, wenn sie ihren Pflichten nicht ordnungsgemäß nachkomme.

Śrīla Prabhupāda: Ja. Wie im Falle Nixons: Sie setzten ihn ab, aber dafür kam ein anderer Nixon. Was hat das für einen Nutzen? Sie müssen lernen, wie man einen Nixon durch einen heiligen Staatsführer ersetzt. Weil die Leute aber nicht in der vedischen Kultur geschult wurden, werden sie weiterhin einen Nixon nach dem anderen wählen und niemals glücklich werden. Glücklich zu sein liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Das Rezept dafür finden wir in der Bhagavad- gītā. Zuerst muss uns bewusst werden, dass das Land Gott gehört. Warum beanspruchen die Amerikaner das Land als ihr Eigentum? Als die ersten Siedler nach Amerika kamen, sagten sie: „Dieses Land gehört Gott; deshalb haben wir das Recht, hier zu leben.“ Warum erlauben sie dann heute nicht auch anderen, das Land zu besiedeln? Was ist ihre philosophische Rechtfertigung? Es gibt so viele überbevölkerte Länder. Die amerikanische Regierung sollte diesen Menschen gestatten, nach Amerika zu kommen, und ihnen die Möglichkeit geben, das Land zu bestellen und Getreide anzubauen. Warum tun sie das nicht? Mit Gewalt haben sie das Land anderer in Besitz genommen, und mit Gewalt halten sie andere davon ab, einzureisen. Welche Philosophie dient dafür als Grundlage?

BTG: Keine.

Śrīla Prabhupāda: Schurkerei ist ihre Philosophie. Erst eignen sie sich mit Gewalt fremdes Eigentum an, und dann erlassen sie ein Gesetz, dass sich niemand gewaltsam fremdes Eigentum aneignen darf. Mit anderen Worten, sie sind Diebe. Man kann nicht Gottes Söhne davon abhalten, Gottes Eigentum zu benutzen. Amerika und die anderen Länder der Vereinten Nationen sollten sich einigen, dass überall dort, wo genug Land zur Verfügung steht, der Boden von den Menschen zur Erzeugung von Nahrungsmitteln genutzt werden darf. Die Regierung könnte zum Beispiel Leute aus übervölkerten Ländern nach Amerika einladen und ihnen Land geben, damit sie Nahrungsmittel produzieren können. Das Resultat wäre großartig. Aber werden sie das tun? Nein. Was ist dann aber ihre Philosophie? Schurkerei – „Zuerst bringe ich das Land mit Gewalt an mich, und dann werde ich niemandem erlauben, hierher zu kommen.“

BTG: Ein amerikanischer Wahlspruch lautet: Eine Nation unter Gott.

Śrīla Prabhupāda: Ja, das ist Kṛṣṇa-Bewusstsein. Es sollte eine Nation unter Gott geben, eine Weltregierung unter Gott. Alles gehört Gott, und wir alle sind seine Söhne. Diese Philosophie brauchen wir.

BTG: Aber in Amerika haben die Menschen große Angst vor einer zentralistischen Regierung, denn sie glauben, eine starke Regierung werde immer in eine Diktatur ausarten.

Śrīla Prabhupāda: Wenn die Führer richtig geschult sind, kann es keine Diktatur geben.

BTG: Aber eine der Prämissen der amerikanischen Staatsideologie lautet, dass ein Führer unweigerlich korrupt wird, wenn er zu viel Macht besitzt.

Śrīla Prabhupāda: Er muss so geschult werden, dass er nicht korrupt werden kann.

BTG: Wie sieht diese Schulung aus?

Śrīla Prabhupāda: Diese Schulung erfolgt durch den varṇāśrama- dharma.*<$F> Nur wenn die Gesellschaft entsprechend den verschiedenen Eigenschaften der Menschen unterteilt und jeder in dem Verständnis erzogen wird, dass alles Gott gehört und in Seinem Dienste benutzt werden soll, kann es wirklich „eine Nation unter Gott“ geben.

* Unterteilung der Gesellschaft in vier Gesellschaftsschichten und vier spirituelle Lebensstufen gemäß den natürlichen Eigenschaften der Menschen.

BTG: Aber führt es nicht zu Neid, wenn die Gesellschaft in verschiedene Gruppen unterteilt ist?

Śrīla Prabhupāda: Nein. Genau wie die verschiedenen Teile meines Körpers zusammenarbeiten, so kann die Gesellschaft verschiedene Teile haben, die alle auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Meine Hand und mein Bein sind zwei verschiedene Gliedmaßen, aber wenn ich der Hand sage: „Bring ein Glas Wasser“, wird das Bein dabei helfen. Das Bein ist ebenso notwendig wie die Hand.

BTG: Aber in der westlichen Welt haben wir die Arbeiterklasse und die Klasse der Kapitalisten, und die beiden liegen ständig miteinander im Kampf.

Śrīla Prabhupāda: Es muss Kapitalisten geben, und es muss Arbeiter geben.

BTG: Aber sie bekämpfen einander.

Śrīla Prabhupāda: Weil sie keine vernünftige Ausbildung erhalten haben und weil kein gemeinsames Ziel sie vereint. Die Hand und das Bein erfüllen unterschiedliche Funktionen, aber sie verfolgen beide das gemeinsame Ziel, den Körper zu erhalten. Wenn man also das Ziel findet, das sowohl die Kapitalisten als auch die Arbeiter gemeinsam verfolgen können, wird es keinen Kampf mehr geben. Aber wenn man das gemeinsame Ziel nicht kennt, wird der Kampf immer weitergehen.

BTG: Revolution?

Śrīla Prabhupāda: Ja.

BTG: Das Wichtigste ist also, das gemeinsame Ziel zu finden, das alle Menschen vereint?

Śrīla Prabhupāda: Ja. In unserer Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewusstsein zum Beispiel holen sich meine Schüler in allen Fragen bei mir Rat, weil ich ihnen das gemeinsame Ziel vor Augen stellen kann. Sonst würde es Streit geben. Die Regierung sollte den Sinn des Lebens – das gemeinsame Ziel – sehr genau kennen und die Leute anleiten, auf das gemeinsame Ziel hinzuarbeiten. Dann wird jeder glücklich sein, und es wird Frieden herrschen. Aber wenn Gauner wie Nixon gewählt werden, lässt sich das gemeinsame Ziel niemals finden. Jeder Halunke kann durch irgendwelche Tricks Stimmen gewinnen und dann zum Staatsoberhaupt werden. Die Kandidaten bestechen, betrügen und machen falsche Wahlversprechungen. Es ist ihnen jedes Mittel recht, um Stimmen zu gewinnen und das höchste Amt im Staat an sich zu reißen. Dieses System ist schlecht.

BTG: Wer soll aber die Gesellschaft regieren, wenn die Politiker nicht vom Volk gewählt werden?

Śrīla Prabhupāda: Man braucht brāhmaṇas, kṣatriyas, vaiśyas und śūdras. Wenn man ein Haus baut, braucht man dazu Architekten, keine Straßenfeger. Im varṇāśrama-System ist es nur den kṣatriyas gestattet zu regieren. Und die gesetzgebende Versammlung, der Senat, darf nur von qualifizierten brāhmaṇas besetzt sein. Heute sitzt der Metzger im Senat. Doch was weiß er schon über die Verabschiedung von Gesetzen? Er ist ein Metzger, doch durch Wählerstimmen ist er zum Senator geworden. Durch die Vox Populi zieht heute selbst ein Metzger ins Parlament ein und beteiligt sich an der Gesetzgebung. Alles hängt von der richtigen Bildung und Erziehung ab. In unserer Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein handeln wir nach diesem Prinzip, aber in der Politik wird es vergessen. Es kann nicht nur eine Klasse geben. Das ist Unsinn. Unterschiedlich veranlagte Menschen müssen mit unterschiedlichen Tätigkeiten betraut werden. Wenn wir uns auf diese Kunst nicht verstehen, werden wir Schiffbruch erleiden, denn ohne Arbeitsteilung wird es Chaos geben. Die Pflichten des Königs werden ausführlich im Śrīmad-Bhāgavatam beschrieben. Die verschiedenen Gesellschaftsklassen sollten so wie die verschiedenen Körperteile zusammenarbeiten. Jedes Teil übt eine andere Funktion aus, aber sie alle arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, nämlich den Körper gesund zu erhalten.

BTG: Worin besteht die wichtigste Pflicht der Regierung?

Śrīla Prabhupāda: Gottes Willen zu erkennen und sicherzustellen, dass die Allgemeinheit danach handelt. Das ist der Schlüssel zum Glück. Wie können die Menschen glücklich werden, wenn sie falschen Zielen nachjagen? Die Pflicht der Regierung ist es also, dafür zu sorgen, dass jeder das richtige Ziel anstrebt. Das Ziel ist es, Gott zu erkennen und nach Seinen Anweisungen zu handeln. Aber wenn die Staatsführer selbst nicht an die Allmacht Gottes glauben und nicht wissen, was Gott möchte und von uns erwartet, wie kann es dann eine gute Regierung geben? Die Führer sind irregeleitet, und sie leiten andere in die Irre. Das ist der chaotische Zustand in der Welt von heute.

BTG: In den Vereinigten Staaten ist es Tradition, dass Kirche und Staat getrennt sind.

Śrīla Prabhupāda: Ich spreche nicht von der Kirche. Darum geht es gar nicht. Entscheidend ist nur, dass die Staatsführer die Existenz eines Höchsten Herrschers anerkennen. Wie können sie die bestreiten? Alles, was in der Natur vor sich geht, geschieht unter der Aufsicht des Höchsten Herrn. Die Machthaber dieser Welt sind nicht fähig, die Natur zu beherrschen. Warum erkennen sie also nicht an, dass es einen Höchsten Herrscher geben muss? Das ist das große Manko in der Gesellschaft. Alles weist auf die Existenz eines Höchsten Herrschers hin, und die Führer wissen das auch, aber trotzdem leugnen sie Seine Existenz.

BTG: Aber angenommen, die Regierung ist atheistisch …

Śrīla Prabhupāda: Dann kann es keine gute Regierung sein. Die Amerikaner sagen, sie würden auf Gott vertrauen. Aber wenn sie die Wissenschaft von Gott nicht kennen, existiert dieses Vertrauen nur in ihrer Einbildung. Man muss sich erst einmal ernsthaft mit der Wissenschaft von Gott befassen, bevor man sein Vertrauen in Ihn setzen kann. Die meisten Leute hier wissen gar nicht, was Gott ist – aber wir wissen es, und deshalb ist unser Gottvertrauen echt.

Die Menschen entwerfen ihre eigene Staatsform und begehen damit einen großen Fehler, denn auf diese Weise werden sie niemals Erfolg haben. Sie sind unvollkommen, und solange sie daran festhalten, ihre eigenen Wege zu beschreiten, werden sie unvollkommen bleiben. Es wird eine Revolution nach der anderen geben, und Friede wird in weiter Ferne sein.

BTG: Wer legt die religiösen Prinzipien fest, denen die Menschen folgen sollen?

Śrīla Prabhupāda: Gott, denn Gott ist vollkommen. Nur Er kann das tun. Den Veden zufolge ist Gott der Gebieter aller Lebewesen (nityo nityānāṁ cetanaś cetanānām). Wir unterscheiden uns von Ihm, denn Er ist in jeder Hinsicht vollkommen und wir nicht. Wir sind winzig klein. Wir haben zwar die gleichen Eigenschaften wie Gott, aber nur in einem sehr geringen Maße. Deshalb ist auch unser Wissen sehr beschränkt: Wir können zwar einen Jumbo-Jet bauen, aber keine Mücke. Den Körper der Mücke, der ebenfalls ein „Flugzeug“ ist, hat Gott geschaffen. Darin liegt der Unterschied zwischen Gott und uns: Wir haben zwar Wissen, aber es ist nicht so vollkommen wie das Wissen Gottes. Die Staatsoberhäupter müssen also bei Gott Rat suchen; dann können sie die Staatsgeschäfte auf vollkommene Weise führen.

BTG: Hat Gott auch definiert, wie die vollkommene Regierung aussieht?

Śrīla Prabhupāda: O ja. In der vedischen Zeit regierten die kṣatriyas. Wenn ein Krieg ausbrach, war der König der Erste, der in den Kampf zog – wie George Washington, der auch persönlich auf dem Schlachtfeld kämpfte. Aber was für ein Präsident ist jetzt an der Macht? Wenn ein Krieg ausbricht, sitzt er an einem absolut sicheren Ort und gibt seine Befehle per Telefon. Er ist für das Präsidentenamt untauglich. Wenn es zum Krieg kommt, sollte der Präsident der Erste sein, der in die Schlacht zieht, und den Kampf anführen.

BTG: Wie kann der Mensch, der klein und unvollkommen ist, Gottes vollkommene Weisungen in die Tat umsetzen und eine vollkommene Regierung bilden?

Śrīla Prabhupāda: Nehmen wir ein Beispiel: Meine Schüler mögen unvollkommen sein, aber weil sie meinen Weisungen folgen, werden sie vollkommen. Sie haben mich als ihren Führer angenommen, und ich akzeptiere Gott als meinen Führer. Auf diese Weise kann die Gesellschaft auf vollkommene Weise regiert werden.

BTG: Eine gute Regierung muss also zuallererst den Höchsten Herrn als das wahre Regierungsoberhaupt anerkennen.

Śrīla Prabhupāda: Es ist nicht möglich, sich direkt von Gott führen zu lassen. Man muss die Diener Gottes, die brāhmaṇas oder Vaiṣṇavas [Geweihte des Herrn], als Führer annehmen. Die Regierung besteht aus kṣatriyas, aus Angehörigen der zweiten Klasse. Die kṣatriyas sollten sich von den brāhmaṇas oder Vaiṣṇavas beraten lassen und deren Ratschläge bei der Gesetzgebung berücksichtigen. Die vaiśyas sollten die Befehle der kṣatriyas in die Tat umsetzen, und die śūdras sollten im Dienste der drei oberen Klassen tätig sein. Dann wird die Gesellschaft vollkommen sein.

Die Friedensformel

Gegen Ende des Jahres 1966 gingen viele Amerikaner auf die Straße, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Zu dieser Zeit veröffentlichte Śrīla Prabhupāda ein Flugblatt, das seine Anhänger und Sympathisanten in großer Zahl in New York und später auch in San Francisco, Montreal und anderen Städten verteilten. Seine „Friedensformel“ warf ein völlig neues Licht auf die Kriegsfrage …

Der große Fehler in der modernen Zivilisation besteht darin, dass die Menschen fremdes Eigentum widerrechtlich als ihr eigenes beanspruchen und dadurch unnötig die Naturgesetze verletzen. Diese Gesetze sind unerbittlich. Niemand kann sie ungestraft übertreten. Nur wer Kṛṣṇa-bewusst ist, kann die strengen Naturgesetze ohne Schwierigkeiten überwinden und glücklich und friedlich in dieser Welt leben.

So wie jeder Staat durch Gesetze geschützt wird, wird der Staat des Universums, von dem die Erde nur einen verschwindend kleinen Teil ausmacht, durch die Gesetze der Natur geschützt. Die materielle Natur ist eine der vielfältigen Energien Gottes, des eigentlichen Besitzers aller Dinge. Der Planet Erde ist daher das Eigentum Gottes, doch wir, die Lebewesen, insbesondere die sogenannten zivilisierten Menschen, beanspruchen Gottes Eigentum als das unsere und unterliegen somit als Einzelne wie auch als Nation einer falschen Vorstellung. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir diese falsche Vorstellung aus der Welt schaffen. Dieser illegitime Besitzanspruch des Menschen ist teilweise oder sogar ausschließlich der Grund für alle Störungen des friedlichen Zusammenlebens auf der Erde.

Angeblich zivilisierte Menschen erheben Besitzanspruch auf das Eigentum Gottes, weil sie verblendet und gottlos geworden sind. In einer gottlosen Gesellschaft ist es nicht möglich, in Glück und Frieden zu leben. In der Bhagavad-gītā erklärt Śrī Kṛṣṇa, dass alle Handlungen der Lebewesen eigentlich zu Seiner Freude bestimmt sind und dass Er ihr wohlmeinender Freund und der Höchste Herr aller Universen ist. Sobald die Menschen diese Tatsache als die Friedensformel annehmen, wird Frieden herrschen.

Wenn Sie sich wirklich Frieden wünschen, müssen Sie daher sowohl individuell als auch kollektiv Ihr Bewusstsein in Kṛṣṇa-Bewusstsein umwandeln, indem Sie einfach die heiligen Namen Gottes chanten. Das ist eine anerkannte und erprobte Methode, auf der Welt Frieden zu schaffen. Wir empfehlen daher jedem, das Hare-Kṛṣṇa- mahā-mantra zu chanten und dadurch Kṛṣṇa-bewusst zu werden: Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare     /     Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare.

Das Chanten ist praktisch, einfach und erhaben. Vor vierhundertachtzig Jahren wurde es von Śrī Caitanya in Indien eingeführt, und jetzt steht es auch Ihnen hier zur Verfügung. Praktizieren Sie diese einfache Methode, erkennen Sie Ihr wahres Wesen durch das Studium der Bhagavad-gītā wie sie ist, und erwecken Sie Ihre verlorene Beziehung zu Kṛṣṇa (Gott) wieder! Weltweiter Frieden und Wohlstand werden die unmittelbare Folge sein.

Die kleine Welt der modernen Wissenschaft

Während einer Reihe von Morgenspaziergängen im April 1973 am Strand des Pazifischen Ozeans in der Nähe von Los Angeles spricht Śrīla Prabhupāda mit seinen Schülern, darunter einem Doktor der Chemie, über die moderne Wissenschaft und ihre Hohenpriester. Mit philosophischer Tiefe, gesundem Menschenverstand und entwaffnender Offenheit entlarvt er den anmaßenden Dogmatismus und die mangelnde Logik hinter den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Theorien über den Ursprung des Lebens: „Ihre Behauptung, sie würden bald beweisen, das Leben sei chemischen Ursprungs, ist dasselbe, wie wenn man mit einem vordatierten Scheck bezahlt … Die Wissenschaftler können in ihren Laboratorien noch nicht einmal einen Grashalm erzeugen, aber dennoch behaupten sie, dass Leben aus Materie entstehe. Warum stellt niemand diesen Unsinn in Frage? Wir können beweisen, dass Leben von Leben kommt.“

Śrīla Prabhupāda: Die gesamte Welt der Naturwissenschaft und Technik baut auf der falschen Vorstellung auf, Leben sei aus Materie entstanden. Wir können es nicht zulassen, dass diese unsinnige Theorie nicht in Frage gestellt wird. Leben entsteht nicht aus Materie; vielmehr wird Materie aus Leben erzeugt. Dies ist keine Theorie; es ist eine Tatsache. Da die Wissenschaftler von falschen Annahmen ausgehen, sind all ihre Berechnungen und Schlussfolgerungen falsch, und die Menschheit muss darunter leiden. Die Menschen werden erst N dann glücklich sein, wenn all diese falschen Theorien der heutigen Wissenschaft aufgedeckt und korrigiert sind. Wir müssen die Wissenschaftler herausfordern und sie widerlegen – sonst werden sie die ganze Gesellschaft in die Irre führen.

Jeder materielle Körper durchläuft sechs Phasen: Geburt, Wachstum, Erhaltung, Erzeugung von Nebenprodukten, Verfall und Tod. Das Leben im materiellen Körper jedoch, die spirituelle Seele, ist ewig. Die spirituelle Seele ist keinen solchen Wandlungen unterworfen. Es scheint nur so, als entstehe und vergehe das Leben; in Wirklichkeit jedoch ist es unberührt von diesen sechs Phasen, die der materielle Körper durchläuft. Am Ende, wenn der Körper nicht mehr am Leben erhalten werden kann, stirbt er, und die Seele geht in einen neuen Körper ein. Genauso wie wir alte und abgetragene Kleider ablegen, werden wir eines Tages unseren alt und nutzlos gewordenen Körper aufgeben und in einen neuen Körper eingehen.

Śrī Kṛṣṇa sagt in der Bhagavad-gītā [2.13]: dehino ’smin yathā dehe kaumāraṁ yauvanaṁ jarā  /  tathā dehāntara-prāptiḥ. „Ebenso wie die verkörperte Seele im gegenwärtigen Leben verschiedene Körperformen durchläuft – von der Kindheit zur Jugend und dann zum Alter –  , wechselt die Seele nach dem Tode in einen anderen Körper über.“ Und einige Verse weiter heißt es [2.18]: antavanta ime dehā nityasyoktāḥ śarīriṇaḥ. „Nur der materielle Körper des unzerstörbaren, ewigen Lebewesens ist der Vernichtung ausgesetzt.“ Der materielle Körper ist vergänglich, aber das Leben im Körper ist nitya, ewig.

Nach Aussage der Veden ist die Seele im Körper atomisch klein, so klein wie der zehntausendste Teil einer Haarspitze. Aber nur aufgrund dieses spirituellen Energieteilchens funktioniert unser Körper. Das winzige spirituelle Energieteilchen befindet sich im Körper genau wie ein Pilot im Flugzeug. Nur deshalb bewegt sich der Körper und fliegt das Flugzeug. Ist das so schwierig zu verstehen?

Ein Mensch mag sich für kerngesund halten, aber warum ist er so gesund und kräftig? Doch nur, weil der spirituelle Funke im Körper gegenwärtig ist. Sobald dieser spirituelle Funke den Körper verlässt, verschwinden Stärke und Lebenskraft, und die Geier kommen, um den Körper aufzufressen. Da die Wissenschaftler behaupten, Materie sei die Ursache und der Ursprung des Lebens, fordern wir sie auf, zumindest einen toten Menschen durch Einspritzen der nötigen Chemikalien wieder zum Leben zu erwecken. Aber dazu sind sie nicht fähig.

Dr. Singh: Weil die Wissenschaftler die spirituelle Seele nicht sehen können, sagen sie, es sei zweifelhaft, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt gebe.

Śrīla Prabhupāda: Wie können sie erwarten, dass die Seele sichtbar ist? Sie ist viel zu klein, als dass wir sie mit unseren Augen sehen könnten. Wer hat ein so gutes Sehvermögen?

Dr. Singh: Trotzdem wollen sie die Seele irgendwie wahrnehmen.

Śrīla Prabhupāda: Wenn man jemandem eine winzige Menge eines tödlichen Gifts einspritzt, stirbt er auf der Stelle. Niemand sieht, wo das Gift ist oder wie es den Körper angreift, aber dennoch wirkt es.

In der Bhagavad-gītā [2.17] heißt es, dass aufgrund der Gegenwart dieses einen winzigen Teilchens, genannt Seele, der gesamte Körper funktioniert. Wenn ich mich steche, fühle ich es sogleich, weil mein Bewusstsein den ganzen Körper durchdringt. Doch sobald die Seele diesen Körper verlässt, was im Moment des Todes der Fall ist, kann man denselben Körper in Stücke hacken, und niemand wird dagegen protestieren. Ist es so schwierig, diese einfache Tatsache zu verstehen? Ist das nicht ein genügender Beweis für die Gegenwart der Seele?

Dr. Singh: Das ist die Seele, aber wie steht es mit Gott?

Śrīla Prabhupāda: Erst einmal wollen wir die Seele verstehen! Die Seele ist ein kleiner Gott, ein Teil Gottes. Wenn man den Teil versteht, kann man auch das Ganze verstehen.

Das hier ist Materie. [Deutet mit seinem Stock auf einen abgestorbenen Baum.] Früher wuchsen auf diesem Baum Blätter und Zweige, aber jetzt nicht mehr. Wie würden die Wissenschaftler das erklären?

Karandhara Dāsa: Ihre Antwort wäre, dass sich die chemische Zusammensetzung des Baumes verändert hat.

Śrīla Prabhupāda: Um diese Theorie zu beweisen, müssten sie mit all ihrem fortschrittlichen Wissen doch in der Lage sein, dem Baum die richtigen Chemikalien einzuspritzen, sodass er wieder Zweige und Blätter hervorbringen kann.

Brahmānanda Swami: Wissenschaft bedeutet, dass man in der Lage sein muss, seine Theorie zu beweisen. Sie sollten uns in ihren Laboratorien zeigen, wie aus einer Verbindung von chemischen Stoffen Leben entsteht.

Śrīla Prabhupāda: Ja. Der wissenschaftliche Vorgang besteht aus Beobachtung, Hypothese und Beweis – dann erst ist er vollständig. Aber es gibt kein Experiment, durch das die Wissenschaftler beweisen könnten, dass Leben aus Materie entsteht. Sie stellen einfach eine Beobachtung an und geben dann irgendeinen Unsinn von sich.

Sie behaupten, chemische Stoffe seien die Ursache des Lebens. Aber alle chemischen Stoffe, die da waren, als der Baum noch lebte, sind immer noch vorhanden. Es befindet sich auch noch Leben im Baum, denn er dient Millionen von Mikroben als Lebensgrundlage. Niemand kann also behaupten, dem Körper des Baumes fehle es an Energie zum Leben.

Dr. Singh: Was aber ist mit der Lebensenergie des Baumes selbst geschehen?

Śrīla Prabhupāda: Das ist der springende Punkt. Die Lebenskraft gehört zu einem bestimmten Lebewesen, und das Lebewesen, das sich in diesem Baum befand, hat ihn nun verlassen. Das ist die einzig vernünftige Erklärung, denn all die chemischen Verbindungen, die notwendig sind, um Leben zu ermöglichen, sind immer noch vorhanden, aber trotzdem ist der Baum tot.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich eine Wohnung verlasse, in der ich eine gewisse Zeit gelebt habe, bin zwar ich fort, aber viele andere Lebewesen bleiben zurück, so zum Beispiel Ameisen und Spinnen. Es stimmt also nicht, dass die Wohnung kein Leben mehr beherbergen kann, nur weil ich ausgezogen bin. Es gibt so viele Lebewesen, die weiterhin dort leben; nur ich, ein einzelnes Lebewesen, bin gegangen. Die chemischen Stoffe im Baum können mit der Wohnung verglichen werden – sie bilden einfach das Medium für die Aktivitäten der individuellen Lebenskraft, der Seele. Die Wissenschaftler werden also nie imstande sein, in ihren Chemielabors Leben zu erzeugen.

Die sogenannten Wissenschaftler behaupten, dass Leben aus chemischen Verbindungen entstehe. Die eigentliche Frage jedoch lautet: „Woher kommen die chemischen Verbindungen?“ Sie entstehen aus Leben, und dies bedeutet, dass Leben mystische Kräfte aufweist. Ein Orangenbaum zum Beispiel bringt viele Orangen hervor, und jede Orange enthält verschiedenste chemische Verbindungen, wie zum Beispiel Zitronensäure. Woher kommen diese Stoffe? Doch offensichtlich vom Leben, das sich im Baum befindet. Die Frage nach dem Ursprung der chemischen Stoffe stellen sich die Wissenschaftler nie. Ihre Forschungen beginnen bei den chemischen Stoffen, aber sie können nicht sagen, woher diese kommen. Sie kommen vom höchsten Leben – Gott. Wir sehen, dass jeder lebende Körper viele chemische Verbindungen erzeugt, und so können wir verstehen, dass das Höchste Leben, der Höchste Herr, alle chemischen Stoffe erzeugt, die wir in der Atmosphäre, im Wasser, in den Menschen, in den Tieren, in der Erde usw. wiederfinden. Deshalb sprechen wir von mystischer Kraft. Solange wir nicht akzeptieren, dass der Höchste Herr über solche mystischen Kräfte verfügt, lässt sich die Frage nach dem Ursprung des Lebens nicht beantworten.

Dr. Singh: Die Wissenschaftler werden sagen, dass sie nicht an mystische Kräfte glauben können.

Śrīla Prabhupāda: Aber dann müssen sie erklären, was der Ursprung der chemischen Stoffe ist. Jeder kann sehen, dass ein gewöhnlicher Baum viele chemische Verbindungen erzeugt. Das lässt sich nicht abstreiten. Aber wie tut er das? Da die Wissenschaftler darauf keine Antwort haben, müssen sie akzeptieren, dass die Lebensenergie mystische Kraft besitzt. Wir können ja nicht einmal erklären, wie ein Fingernagel wächst; schon das übersteigt unser Denkvermögen. Mit anderen Worten, der Fingernagel wächst durch eine unerklärliche Kraft, acintya-śakti. Wenn also bereits ein gewöhnlicher Mensch acintya-śakti besitzt, können wir uns kaum vorstellen, wie viel acintya- śakti Gott besitzen muss!

Der Unterschied zwischen Gott und uns besteht darin, dass wir zwar die gleiche Art von Kräften haben wie Gott, aber nicht im selben Ausmaß. Wir erzeugen nur eine kleine Menge chemischer Stoffe, wohingegen Gott unvorstellbare Mengen erzeugt. Wenn wir schwitzen, erzeugen wir nur ein paar Schweißtropfen, doch Gott hat die Kraft, ganze Meere zu erschaffen. Wenn man einen Tropfen Wasser aus dem Meer untersucht, dann weiß man, welche Eigenschaften das Wasser des gesamten Meeres hat. In ähnlicher Weise kann man beginnen, Gott zu verstehen, wenn man die Lebewesen studiert, denn die Lebewesen sind Teile Gottes. Gott birgt unvorstellbare mystische Kräfte in sich, und diese mystischen Kräfte arbeiten so reibungslos und flink wie eine elektrische Maschine. Mit Strom kann man die verschiedensten Maschinen betreiben, die so klug konstruiert sind, dass man lediglich einen Knopf zu drücken braucht –, und die ganze Arbeit wird von selbst verrichtet. Ebenso brauchte Gott nur zu sagen: „Es werde!“, und die Welt wurde erschaffen. So gesehen ist das Wirken der Natur nicht sehr schwer zu verstehen. Gott verfügt über solch wunderbare Kräfte, dass die Schöpfung auf Seinen Befehl sogleich stattfindet.

Brahmānanda Swami: Die Wissenschaftler erkennen weder Gott noch acintya-śakti als real an.

Śrīla Prabhupāda: Sie sind eben Schurken. Gott existiert, und Seine acintya-śakti existiert ebenfalls.

Karandhara Dāsa: Die Wissenschaftler sagen, Leben sei durch chemische Reaktionen entstanden.

Śrīla Prabhupāda: Und ich entgegne ihnen: „Wenn das Leben nur aus chemischen Verbindungen entstand und wenn eure Wissenschaft so großartig ist, warum erschafft ihr dann nicht Leben in euren Laboratorien?“

Karandhara Dāsa: Sie sagen, dass sie in Zukunft Leben schaffen werden.

Śrīla Prabhupāda: Warum in Zukunft? Wenn die Wissenschaftler den Vorgang kennen, um Leben zu erschaffen, wieso erschaffen sie es dann nicht jetzt? Wenn das Leben biochemischen Ursprungs ist und wenn Biologen und Chemiker so fortgeschritten sind, warum können sie dann nicht in ihren Laboratorien Leben erzeugen? Immer wenn man auf diesen kritischen Punkt zu sprechen kommt, antworten sie: „In Zukunft werden wir dazu in der Lage sein.“ Warum erst in der Zukunft? Das ist Unsinn. Trau keiner Zukunft, wie rosig sie auch erscheinen mag! Ihr ganzer Fortschritt ist wertlos, und ihre Behauptungen sind absurd.

Karandhara Dāsa: Sie sagen, sie stünden „kurz davor“, Leben zu erschaffen.

Śrīla Prabhupāda: Das heißt auch nichts anderes als „in Zukunft“! Die Wissenschaftler müssen zugeben, dass sie den Ursprung des Lebens noch immer nicht kennen. Ihre Behauptung, sie könnten in der Zukunft Leben schaffen, zeigt, dass ihr Wissen gegenwärtig unvollkommen ist. Es ist so, als biete man jemandem einen vordatierten Scheck an. Angenommen, ich schulde jemandem zehntausend Dollar und sage: Ich werde Ihnen die ganze Summe mit diesem vordatierten Scheck bezahlen. Sind Sie damit einverstanden? Wenn der Betreffende intelligent ist, wird er entgegnen: Geben Sie mir wenigstens fünf Dollar in bar, damit ich etwas Greifbares in der Hand habe. Die Wissenschaftler können in ihren Laboratorien noch nicht einmal einen Grashalm erzeugen, aber dennoch beharren sie darauf, dass Leben aus Materie entstünde. Warum stellt niemand diesen Unsinn in Frage?

Wir können beweisen, dass Leben von Leben kommt. Hier ist der Beweis: Wenn ein Mann ein Kind zeugt, leben sowohl der Vater als auch das Kind. Aber wo ist der Beweis der Wissenschaftler, dass Leben von Materie kommt? Wir können beweisen, dass Leben von Leben kommt, und wir können ebenso beweisen, dass Kṛṣṇa der Ursprung allen Lebens ist. Aber welchen Beweis gibt es dafür, dass jemals ein toter Stein ein Kind geboren hat? Die Wissenschaftler können nicht beweisen, dass Leben von Materie kommt. Diesen Beweis heben sie sich für die Zukunft auf.

Karandhara Dāsa: „Wissenschaftliche Objektivität“ bedeutet für sie, nur das zu untersuchen, was sie direkt wahrnehmen können.

Śrīla Prabhupāda: Dann leiden sie am „Dr.-Frosch-Syndrom“. Es gab einmal einen Frosch, der sein ganzes Leben in einem Brunnen lebte. Eines Tages kam ein Freund vorbeigehüpft und erzählte ihm vom Atlantischen Ozean. Dr. Frosch fragte seinen Freund: „Atlantischer Ozean? Was ist das?“ „Das ist ein riesengroßes Gewässer“, antwortete der Freund. „Wie groß denn?“ fragte Dr. Frosch. „Ist er zweimal so groß wie mein Brunnen?“ „Nein, viel, viel größer“, entgegnete sein Freund. „Aber wieviel mal größer? Zehnmal so groß?“

So rechnete der Frosch weiter. Aber wird es jemals möglich sein, auf diese Weise die Tiefe und Weite des gewaltigen Ozeans zu ermessen? Unsere Fähigkeiten, Erfahrungen und gedanklichen Spekulationen sind immer begrenzt. Der Frosch sieht alles nur in Beziehung zu seinem Brunnen. Er ist unfähig, anders zu denken. Ebenso bewerten die Wissenschaftler die Absolute Wahrheit, die Ursache aller Ursachen, mit ihren unvollkommenen Sinnen und Gedanken, und daher geraten sie zwangsläufig in Verwirrung.

Der grundlegende Fehler der Wissenschaftler besteht darin, dass sie ihre Theorien mit der induktiven Methode erarbeiten. Wenn ein Wissenschaftler mit dieser induktiven Methode zum Beispiel herausfinden wollte, ob der Mensch sterblich ist, müsste er jeden einzelnen Menschen untersuchen, um sicherzugehen, dass es niemanden gibt, der unsterblich ist. Der Wissenschaftler müsste sagen: „Ich kann die Theorie, dass alle Menschen sterblich sind, nicht gelten lassen. Es wäre möglich, dass einige Menschen unsterblich sind, denn ich habe noch nicht jeden Menschen untersucht. Wie kann ich also davon ausgehen, dass alle Menschen sterblich sind?“ Das ist die induktive Methode. Die deduktive Methode hingegen bedeutet, vom Vater, vom Lehrer oder vom guru zu hören, dass der Mensch sterblich ist, und es als Wahrheit anzunehmen.

Dr. Singh: Es gibt also einen aufsteigenden und einen absteigenden Vorgang, sich Wissen anzueignen?

Śrīla Prabhupāda: Ja. Doch der aufsteigende Vorgang wird nie erfolgreich sein, denn er beruht auf den Informationen, die wir mit unseren unvollkommenen Sinnen sammeln. Deshalb vertrauen wir dem absteigenden Vorgang.

Gott kann man nicht über den aufsteigenden Pfad erkennen. Deshalb wird Er adhokṣaja genannt, „durch direkte Sinneswahrnehmung nicht erkennbar“. Die Wissenschaftler sagen, es gäbe keinen Gott, weil sie versuchen, Ihn durch direkte Sinneswahrnehmung zu verstehen. Aber Er ist adhokṣaja! Die Wissenschaftler wissen nichts über Gott, weil ihnen der Vorgang der Gotteserkenntnis unbekannt ist. Um die transzendentale Wissenschaft zu verstehen, muss man sich an einen echten spirituellen Meister wenden, ihm in ergebener Haltung zuhören und ihm dienen. Dies erklärt Śrī Kṛṣṇa in der Bhagavad-gītā [4.34]: tad viddhi praṇipātena paripraśnena sevayā.

Dr. Singh: Es gibt eine wissenschaftliche Zeitschrift mit dem Titel Nature. Man findet darin Artikel über die verschiedensten Aspekte der Natur, wie Pflanzen und Tiere. Aber Gott wird darin nie erwähnt.

Śrīla Prabhupāda: Es ist schon richtig, dass Pflanzen von der Natur geschaffen werden. Aber die nächste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: „Wer hat die Natur geschaffen?“ Diese Frage zeugt von wahrer Intelligenz.

Dr. Singh: Darüber denken die Wissenschaftler nicht nach.

Śrīla Prabhupāda: Dann fehlt es ihnen an Intelligenz. Sobald von Natur die Rede ist, sollte die nächste Frage sein: „Wessen Natur?“ Natur bedeutet Energie, und wenn wir von Energie sprechen, müssen wir uns nach dem Ursprung dieser Energie erkundigen. Bei elektrischer Energie zum Beispiel ist die Energiequelle das Kraftwerk. Der Strom kommt nicht von selbst zu uns. Wir müssen zuerst ein Kraftwerk bauen und einen Generator in Betrieb setzen. Ebenso wenig funktioniert die Natur von selbst. Aus den Veden erfahren wir, dass die materielle Natur von Kṛṣṇa gesteuert wird.

Dr. Singh: Willst du damit sagen, dass die Wissenschaft mit ihrer Forschung nicht beim Ursprung einsetzt, sondern erst später?

Śrīla Prabhupāda: Ja, genau. Die Wissenschaftler kennen den wahren Ursprung nicht. Sie gehen von einem bestimmten Entwicklungsstadium aus; aber wie ist es dazu gekommen? Das wissen sie trotz ihrer Forschung nicht. Sie müssen zugeben, dass Gott die ursprüngliche Quelle aller Dinge ist. Er verfügt über alle mystischen Kräfte, und alles geht von Ihm aus. In der Bhagavad-gītā [10.8] sagt Er selbst: ahaṁ sarvasya prabhavo mattaḥ sarvaṁ pravartate. „Ich bin der Ursprung aller spirituellen und materiellen Welten. Alles geht von Mir aus.“ Unsere Überzeugungen gründen sich nicht auf blinden Glauben, sondern auf wahre Wissenschaft. Materie entsteht aus Leben, und das Leben ist der Ursprung unbegrenzter Mengen materieller Energie. Darin besteht das große Geheimnis der Schöpfung.

Die naturwissenschaftliche Forschung lässt sich mit der Sāṅkhya- Philosophie vergleichen, in der eine Analyse der materiellen Welt anhand der in ihr vorkommenden Elemente vorgenommen wird. Sāṅkhya bedeutet wörtlich „zählen“. Gewissermaßen sind auch wir Sāṅkhya-Philosophen, denn wir unterscheiden ebenfalls zwischen verschiedenen materiellen Elementen: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther und außerdem die feinstofflichen Elemente Geist, Intelligenz und falsches Ego. Über das falsche Ego hinaus gelangt man mit dieser materiellen Analyse allerdings nicht. Kṛṣṇa jedoch erklärt, dass es tatsächlich etwas über dem Ego gibt, nämlich die Lebenskraft, die spirituelle Seele. Das ist es, was die Wissenschaftler nicht wissen. Sie denken, Leben sei einfach eine Kombination materieller Elemente, doch Kṛṣṇa widerspricht dieser Auffassung in der Bhagavad- gītā [7.5]:

apareyam itas tv anyāṁ
prakṛtiṁ viddhi me parām
jīva-bhūtāṁ mahā-bāho
yayedaṁ dhāryate jagat

„Neben diesen materiellen, niederen Energien, o starkarmiger Arjuna, gibt es eine andere Energie, Meine höhere Energie. Sie umfasst die Lebewesen, die die Reichtümer der materiellen, niederen Natur ausbeuten.“ Im vorhergehenden Vers beschreibt Kṛṣṇa Seine materiellen Energien:

bhūmir āpo ’nalo vāyuḥ

khaṁ mano buddhir eva ca
ahaṅkāra itīyaṁ me

bhinnā prakṛtir aṣṭadhā

„Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Intelligenz und falsches Ego: diese acht Elemente bilden Meine von Mir abgesonderten, materiellen Energien.“ [Bg. 7.4]

Hier erklärt Kṛṣṇa, dass vāyu (Luft; Gas) von Ihm kommt. Feiner als vāyu ist kham (Äther), feiner als Äther ist Geist, feiner als Geist ist Intelligenz, und noch feiner als die Intelligenz ist die Seele. Aber davon haben die Wissenschaftler keine Kenntnis. Sie sind sich nur der grobstofflichen Materie bewusst. Sie sprechen von Gasen, aber wissen sie, woher die Gase gekommen sind?

Dr. Singh: Darauf haben sie keine Antwort.

Śrīla Prabhupāda: Aber wir haben eine Antwort. Wir wissen, dass Gas aus kham (Äther) entsteht, Äther aus Geist, Geist aus Intelligenz, und die Intelligenz kommt von Kṛṣṇas höherer Energie, der Seele.

Dr. Singh: Befasst sich die Sāṅkhya-Philosophie sowohl mit der niederen als auch mit der höheren Energie?

Śrīla Prabhupāda: Nein. Die Sāṅkhya-Philosophen befassen sich nicht mit der höheren Energie. Sie untersuchen ausschließlich die materiellen Elemente, genauso wie die heutigen Wissenschaftler. Weder die Wissenschaftler noch die Sāṅkhya-Philosophen wissen, dass es eine spirituelle Seele gibt. Sie analysieren lediglich Kṛṣṇas materielle Energie.

Dr. Singh: Sie analysieren einfach die materiellen Elemente, die für die Erschaffung des Kosmos verantwortlich sind?

Śrīla Prabhupāda: Die materiellen Elemente können aus eigener Kraft nichts erschaffen! Nur die Seele hat die Fähigkeit, etwas zu erschaffen. Leben kann nicht aus Materie geschaffen werden, und Materie kann sich nicht selbst schaffen. Der Mensch kann Wasserstoff und Sauerstoff vermischen und daraus Wasser herstellen. Die Materie selbst hat jedoch keine solche schöpferische Kraft. Wenn man einen Behälter mit Wasserstoff neben einen Behälter mit Sauerstoff stellt, werden sich diese beiden Elemente dann ohne Zutun des Menschen verbinden?

Dr. Singh: Nein …

Śrīla Prabhupāda: Natürlich nicht. Die Mithilfe der höheren Energie ist unbedingt erforderlich. Wasserstoff und Sauerstoff gehören zu Kṛṣṇas niederer Energie. Nur wenn die höhere Energie, also das Lebewesen, sie zusammenbringt, werden sie zu Wasser.

Die niedere Energie kann nur in Verbindung mit höherer Energie in Aktion treten. Das Meer hier [auf den Pazifik weisend] ist ruhig und glatt, aber wenn die höhere Kraft, die Luft, das Wasser aufwühlt, entstehen hohe Wellen. Der Ozean kann sich nicht von selbst bewegen, sondern nur, wenn die höhere Kraft auf ihn einwirkt. Auch hinter der Luft steht eine übergeordnete Kraft, und darüber wieder eine höhere und wieder eine höhere, bis wir schließlich zu Kṛṣṇa kommen, der allerhöchsten Kraft. Das ist wahre Forschung.

Ein Beispiel: Ein Zug setzt sich in Bewegung, indem der Lokführer die Lokomotive anfahren lässt, die den ersten Waggon zieht, der seinerseits einen Waggon zieht und immer so weiter. Der Zug kommt also ins Rollen, weil ein Lebewesen, nämlich der Lokführer, den ersten Handgriff getan hat. Ebenso verhält es sich mit der Schöpfung: Kṛṣṇa löst die erste Bewegung aus, von der alle nachfolgenden Bewegungen ausgehen. Auf diese Weise wird der gesamte Kosmos erschaffen. Das wird in der Bhagavad-gītā [9.10] erklärt: mayādhyakṣeṇa prakṛtiḥ sūyate sa-carācaram. „Die materielle Natur waltet unter Meiner Führung, o Sohn Kuntīs, und bringt alle sich bewegenden und sich nicht bewegenden Wesen hervor.“ Und im vierzehnten Kapitel [14.4] sagt Kṛṣṇa:

sarva-yoniṣu kaunteya
mūrtayaḥ sambhavanti yāḥ
tāsāṁ brahma mahad yonir
ahaṁ bīja-pradaḥ pitā

„Wisse, o Sohn Kuntīs, dass Ich der Samen gebende Vater aller Lebensformen bin, die in der materiellen Welt geboren werden.“ Wenn wir zum Beispiel den Samen für einen Banyanbaum säen, entsteht daraus schließlich ein riesiger Baum, der erneut Millionen von Samen hervorbringt. Jeder dieser Samen kann wiederum einen Baum mit Millionen neuer Samen hervorbringen, und das geht immer so weiter. Kṛṣṇa ist aber derjenige, der den ersten Samen geschaffen hat: der ursprüngliche Samen gebende Vater.

Leider betrachten die Wissenschaftler immer nur die unmittelbare Ursache; die mittelbare, tiefere Ursache können sie nicht wahrnehmen. Kṛṣṇa wird in den Veden als sarva-kāraṇa-kāraṇam bezeichnet, „die Ursache aller Ursachen“. Wenn man die Ursache aller Ursachen versteht, versteht man alles. Yasmin vijñāte sarvam evaṁ vijñātaṁ bhavati: „Wer die ursprüngliche Ursache kennt, kennt automatisch alle darauffolgenden, untergeordneten Ursachen.“ Zwar suchen auch die Wissenschaftler nach der ursprünglichen Ursache, aber wenn sie aus den Veden, die vollkommenes Wissen enthalten, von der ursprünglichen Ursache erfahren, akzeptieren sie ihre Existenz nicht. Sie beharren auf ihrem einseitigen, unvollkommenen Wissen.

Dr. Singh: Die Wissenschaftler sorgen sich um unsere Energievorräte, und jetzt arbeiten sie daran, die Sonnenenergie für Kochen, Beleuchtung und verschiedene andere Zwecke nutzbar zu machen. Sie hoffen, auf die Sonnenenergie zurückgreifen zu können, wenn alle anderen Energiequellen erschöpft sind.

Śrīla Prabhupāda: Das ist nichts Neues. Jeder weiß, dass man aus dem Holz eines Baumes Feuer gewinnen kann, denn der Baum speichert die Sonnenenergie. Die Wissenschaftler sind unbedeutende Geschöpfe, doch sie sind sehr stolz. Wir rechnen es ihnen nicht als Verdienst an, dass sie etwas sagen, was jeder weiß. Einen frisch gefällten Baum kann man nicht gleich verbrennen. Das Holz muss erst in der Sonne trocknen. Wenn es die Energie der Sonne in sich aufgenommen hat, kann man damit ein Feuer machen. Im Grunde ist es die Energie der Sonne, die alles erhält. Doch die Wissenschaftler wissen nicht, woher die Sonnenenergie kommt. In der Bhagavad-gītā [15.12] erklärt Kṛṣṇa:

yad āditya-gataṁ tejo
jagad bhāsayate ’khilam
yac candramasi yac cāgnau
tat tejo viddhi māmakam

„Das Licht der Sonne, das die Dunkelheit der ganzen Welt vertreibt, kommt von Mir, und auch das Licht des Mondes und das Licht des Feuers kommen von Mir.“

An einer anderen Stelle sagt Kṛṣṇa: jyotiṣāṁ ravir aṁśumān. „Von den Lichtern bin Ich die strahlende Sonne“ [Bg. 10.21]. Und im Elften Kapitel der Bhagavad-gītā preist Arjuna Śrī Kṛṣṇa mit den Worten: śaśi-sūrya-netram. „Die Sonne und der Mond sind zwei Deiner großen, unbegrenzten Augen.“ Dieses Wissen findet sich in der Bhagavad-gītā, doch durch ihre eigenen Spekulationen können die Wissenschaftler nicht zu solchen Erkenntnissen gelangen.

Dr. Singh: Nein, das ist nicht möglich.

Śrīla Prabhupāda: Und worin besteht ihr Wissen? Selbst wenn man alle Sandkörner der Erde zählen könnte, wäre man noch nicht in der Lage, Gott zu verstehen – so sagen es die Schriften. All diese materiellen Berechnungen und Messungen bedeuten nicht, dass man die Fähigkeit hat, den Unbegrenzten zu verstehen. Und die Wissenschaftler sind nicht einmal in der Lage, alle materiellen Dinge zu erfassen. Warum sind sie dann auf ihre Fähigkeiten so stolz? Ihr Wissen ist begrenzt, wie das aller Lebewesen. Aber für Kṛṣṇa gilt das nicht. Das Wissen, das wir von Kṛṣṇa empfangen, ist vollkommen. Aus den Schriften erfahren wir, dass im Meer 900.000 Lebensformen existieren. Die Auskunft der Schriften ist exakt, weil sie von Kṛṣṇa kommt. Kṛṣṇa selbst sagt: „Als der Höchste Herr weiß Ich alles, was in der Vergangenheit geschah, alles, was in der Gegenwart geschieht, und alles, was sich künftig noch ereignen wird.“ [Bg. 7.26]

Dr. Singh: Wir müssen also Wissen von demjenigen annehmen, der über das höchste Wissen verfügt.

Śrīla Prabhupāda: Um vollkommenes Wissen zu erlangen, müssen wir uns an eine höhergestellte Persönlichkeit, einen guru, wenden. Man kann versuchen, sich Wissen anzueignen, indem man zu Hause Bücher liest, doch viel besser kann man lernen, wenn man eine Universität besucht, wo man von einem Professor Wissen vermittelt bekommt. In gleicher Weise müssen wir uns an einen guru wenden. Wenn wir uns allerdings einen falschen guru aussuchen, ist unser Wissen natürlich ebenfalls falsch. Doch wenn unser guru vollkommen ist, ist auch unser Wissen vollkommen. Wir erkennen Kṛṣṇa als unseren guru an. Weil Er vollkommenes Wissen besitzt, ist auch unser Wissen vollkommen. Wir selbst brauchen nicht unbedingt vollkommen zu sein, doch wenn wir von der vollkommenen Person Wissen empfangen, ist unser Wissen ebenfalls vollkommen. Wir können nicht behaupten, wir wüssten von den 900.000 Lebensformen im Ozean, weil wir den ganzen Ozean erforscht hätten. Vielmehr sagen wir, dass wir diese Auskunft aus den Schriften bekommen und dass sie deshalb vollkommen ist. Das ist die vedische Methode, sich Wissen anzueignen.

Auch wenn die Wissenschaftler noch so viel Forschungsarbeit betreiben und noch so viel Anerkennung dafür ernten, werden ihre Sinne immer unvollkommen bleiben, und deshalb werden sie nie über vollkommenes Wissen verfügen. Wie groß ist der Nutzen unserer Augen? Ohne das Licht der Sonne sind wir so gut wie blind, und ohne die Zuhilfenahme eines Mikroskops können wir sehr kleine Dinge nicht erkennen. Unsere Augen sind unvollkommen, und die Instrumente, die wir mit ihrer Hilfe konstruiert haben, sind ebenfalls unvollkommen. Wie sollte es also möglich sein, vollkommenes Wissen zu erlangen? Der Mensch ist begrenzt und folglich auch sein Wissen. Ein Kind weiß vielleicht, dass zwei und zwei vier ist, aber wenn es von höherer Mathematik spricht, nehmen wir es nicht ernst. Die Sinne, durch die ein Wissenschaftler Wissen erwirbt, sind begrenzt und unvollkommen; deshalb ist sein Wissen ebenfalls begrenzt und unvollkommen. In seiner Unwissenheit mag er behaupten, alles zu wissen, doch das ist einfach lächerlich.

Ein Blinder kann zwar einen anderen Blinden führen, aber was hilft das den beiden, wenn sie in einen Graben fallen? Die Gesetze der Natur fesseln uns an Händen und Füßen, und doch glauben diese Narren, sie könnten nach Belieben spekulieren. Das ist Illusion. Obwohl sie den verschiedensten Naturgesetzen unterworfen sind, halten sie sich für frei. Sobald nur eine Wolke am Himmel aufzieht, können sie die Sonne nicht mehr sehen. Wie groß ist also unser Sehvermögen? Nur wenn uns die Gesetze der Natur die Möglichkeit geben, sind wir imstande, etwas zu sehen. Sogar Experimente können wir nur unter bestimmten Bedingungen durchführen. Wenn die Bedingungen nicht günstig sind, scheitert das Experiment. Warum sind wir also auf unser experimentelles Wissen so stolz?

Wozu brauchen wir überhaupt Experimente? Alles ist bereits vorhanden. Gott hat uns die Sonne gegeben, damit wir ihr Licht und ihre Energie nutzen können. Was braucht man sonst noch zu wissen? So viele Äpfel fallen von den Bäumen. Warum ist es noch notwendig, das Gesetz der Schwerkraft zu erklären? Im Grunde mangelt es den Wissenschaftlern an gesundem Menschenverstand. Ihnen geht es nur um sogenannte „wissenschaftliche Erklärungen“. Sie sagen, das Gesetz der Schwerkraft wirke nur unter bestimmten Bedingungen, doch wer hat diese Bedingungen geschaffen? Als Kṛṣṇa in der Gestalt Śrī Rāmacandras erschien, warf Er Steine ins Wasser, und die Steine schwammen. Das Gesetz der Schwerkraft zeigte in diesem Fall keine Wirkung. Folglich wirkt das Gesetz der Schwerkraft nur unter der Führung des Höchsten Herrn. Das Gesetz an sich ist nicht absolut. Ein König kann ein Gesetz erlassen, doch er kann es augenblicklich auch wieder ändern. Der höchste Gesetzgeber ist Kṛṣṇa, und ein Gesetz wird nur durch Seinen Willen wirksam. Die Wissenschaftler versuchen, Gottes Willen auf die unterschiedlichste Art und Weise zu erklären, doch weil sie unter dem Bann māyās, der Illusion, stehen, reden sie daher, als seien sie von Geistern besessen. Wie erklären die Wissenschaftler die große Vielfalt von Bäumen?

Karandhara Dāsa: Sie sagen, die Artenvielfalt entstünde durch Mutationen in der Natur.

Śrīla Prabhupāda: Dann muss es der Wille der Natur sein. Und woher kommt dieser Wille? Hat das Land irgendeinen Willen?

Karandhara Dāsa: Nun, in diesem Punkt drücken sie sich sehr vage aus.

Śrīla Prabhupāda: Das zeigt, dass ihr Wissen unvollkommen ist. Sie wissen nicht, dass hinter der Natur der Wille Kṛṣṇas steht.

Dr. Singh: Sie erklären, dass sich die verschiedenen Pflanzen in ihrer chemischen Zusammensetzung voneinander unterscheiden.

Śrīla Prabhupāda: Das ist richtig. Aber wer ist für diese chemischen Zusammensetzungen verantwortlich? Sobald von „chemischer Zusammensetzung“ die Rede ist, muss man Gott berücksichtigen.

Karandhara Dāsa: Sie sagen, Gott sei nicht notwendig, denn wenn man zwei chemische Substanzen kombiniere …

Śrīla Prabhupāda: Ob mit oder ohne Gott, es müssen auf jeden Fall Wille und Bewusstsein als Ursache dahinterstehen. Zwei chemische Substanzen werden vermischt und erzeugen verschiedene Verbindungen. Aber wer vermischt sie? Bewusstsein ist gegenwärtig, und dieses Bewusstsein ist Kṛṣṇa. Bewusstsein ist überall, und sobald man das akzeptiert, muss man anerkennen, dass dieses Bewusstsein einer Person gehört. Deshalb sprechen wir von Kṛṣṇa-Bewusstsein. In der Bhagavad-gītā heißt es, dass Bewusstsein allgegenwärtig ist. Du hast Bewusstsein, und ich habe Bewusstsein; doch es gibt noch ein anderes Bewusstsein, das überall gegenwärtig ist. Mein Bewusstsein ist auf meinen Körper beschränkt, und dein Bewusstsein ist auf deinen Körper beschränkt, aber es gibt noch ein anderes Bewusstsein, das in dir, in mir und in jedem ist. Das ist Kṛṣṇa-Bewusstsein.

Im Grunde ist alles in der Welt relativ. Das ist eine wissenschaftliche Tatsache. Unser Körper, unser Leben, unsere Intelligenz und alles andere sind relativ. In unseren Augen scheint die Ameise ein sehr kurzes Leben zu haben, doch die Ameise glaubt, sie lebe hundert Jahre lang. Diese hundert Jahre sind relativ zum Körper. Sogar Brahmā, der von unserem Standpunkt aus betrachtet über eine unglaublich lange Lebensspanne verfügt, lebt für seine Begriffe nur hundert Jahre lang. Das nennt man Relativität.

Karandhara Dāsa: Dann beruht die Relativität auf unseren jeweiligen Lebensumständen.

Śrīla Prabhupāda: Ja. Deshalb sagt man: Des einen Freud ist des anderen Leid. Die Menschen denken, weil sie nicht auf dem Mond überleben könnten, seien auch keine anderen Lebewesen dazu imstande. Jeder sieht die Dinge aus seiner relativen Perspektive. Das ist die „Frosch-Philosophie“. Der Frosch vergleicht alles nur mit seinem Brunnen. Er kann gar nicht anders denken. Er ist außerstande, sich die Weite des Atlantischen Ozeans vorzustellen, denn sein Erfahrungsbereich geht über sein Brunnenloch nicht hinaus. Gott ist groß, aber wir versuchen, Gottes Größe mit unseren eigenen Maßstäben zu ermessen. Es gibt Insekten, die im Laufe einer Nacht geboren werden, wachsen, Nachkommen erzeugen und sterben – alles, bevor der Tag anbricht. Sie sehen nie das Sonnenlicht und kommen daher zu dem Schluss, dass es so etwas wie Tag überhaupt nicht gibt. Ganz ähnlich verhalten sich die Menschen. Wenn sie aus den Schriften hören, dass Brahmās Leben gemäß unserer Zeitrechnung viele Millionen Jahre dauert, dann glauben sie es nicht. Sie fragen: „Wie soll man so lange leben können?“ Aber die Bhagavad-gītā [8.17] erklärt:

sahasra-yuga-paryantam
ahar yad brahmaṇo viduḥ
rātriṁ yuga-sahasrāntāṁ
te ’ho-rātra-vido janāḥ

„Eintausend yugas [Weltalter] nach der menschlichen Zeitrechnung kommen Brahmās Tag gleich. Und genauso lang währt seine Nacht.“

Nach diesen Angaben lebt Brahmā also Milliarden von Jahren. Wir können das nicht glauben, obwohl es in den Schriften so geschrieben steht. Mit anderen Worten, wir gehen davon aus, dass Kṛṣṇa Unsinn redet, während wir als Autoritäten auftreten. Selbst große Gelehrte behaupten, diese Aussagen der Schriften seien nur erfunden. Solche Leute sind einfach Schurken, aber sie werden als bedeutende Gelehrte angesehen. Sie wollen sich über Gott stellen, indem sie versuchen, Seine Worte in den offenbarten Schriften zu widerlegen oder anzufechten. So kommt es, dass zahllose Narren im Gewande von Gelehrten, Wissenschaftlern und Philosophen die ganze Welt in die Irre führen.

Dr. Singh: Es ist ohne Zweifel viel über Darwins Theorie geschrieben worden. In jeder Bibliothek gibt es Hunderte von Büchern über seine Thesen.

Śrīla Prabhupāda: Werden sie im Allgemeinen akzeptiert oder abgelehnt?

Dr. Singh: Von den meisten werden seine Thesen akzeptiert, aber es gibt auch kritische Stimmen.

Śrīla Prabhupāda: Darwin spricht von der Evolution der Arten, doch er weiß nichts von der spirituellen Evolution. Er ist sich nicht darüber im Klaren, dass die spirituelle Seele von den niederen Lebensformen allmählich zu den höheren aufsteigt. Er behauptet, der Mensch stamme vom Affen ab, aber jeder kann sehen, dass der Affe nicht ausgestorben ist. Warum existiert der Affe immer noch, wenn er der unmittelbare Vorfahre des Menschen ist?

Dr. Singh: Nach Darwin wurden die Arten nicht unabhängig voneinander erschaffen, sondern sie stammen voneinander ab.

Śrīla Prabhupāda: Wenn er davon ausgeht, dass die Arten voneinander abstammen, wie kann er dann unvermittelt mit einer bestimmten Art beginnen, ohne die Entstehung der ursprünglichen Art zu erklären?

Karandhara Dāsa: Die Wissenschaftler behaupten, die Erde sei infolge chemischer Reaktionen entstanden, und sie weigern sich zu lehren, dass Gott die Erde erschuf. Sie fürchten, man würde sie für verrückt erklären.

Śrīla Prabhupāda: Warum erschaffen sie nicht selbst etwas, wenn ihre Biologie und Chemie so fortgeschritten sind? Sie behaupten, in Zukunft wären sie imstande, Leben zu erzeugen, aber warum nicht jetzt? Seit wann dient die Zukunft als Grundlage der Wissenschaft? Gott hat bereits Leben erschaffen.

Dr. Singh: Sie sagen, aus ihren Analysen gehe hervor, dass das Leben ursprünglich aus Materie entstanden sei. Mit anderen Worten, lebende Materie komme von lebloser Materie.

Śrīla Prabhupāda: Und woher kommt dann die jetzt lebende Materie? Entstand sie nur in der Vergangenheit aus lebloser Materie, aber heute nicht mehr? Woher kommt die Ameise? Entsteht sie einfach aus Schmutz? Nicht einmal eine Ameise wird von toter Materie hervorgebracht. Was für einen Beweis haben sie für eine solche Theorie? Darwin behauptet, in der fernen Vergangenheit habe es keine intelligenten Menschen gegeben, da der Mensch von den Affen abstamme. Wenn aber früher nicht auch Menschen mit hochentwickeltem Gehirn gelebt hätten, wie ist es dann zu verstehen, dass die vedischen Schriften vor Abertausenden von Jahren niedergeschrieben wurden? Wie erklären sie einen Weisen wie Vyāsadeva?

Dr. Singh: Dafür haben sie keine Erklärung. Sie sagen nur, das seien unbekannte Urwaldweise gewesen.

Śrīla Prabhupāda: Vyāsadeva ist ihnen vielleicht unbekannt, aber dennoch hat er gelebt. Woher hat er ein solches Gehirn bekommen? Auch wenn wir ihn nicht persönlich kennen, haben die Früchte seiner geistigen Arbeit, seine Philosophie, seine Sprache, seine Wortgewandtheit, seine Dichtkunst und Ausdruckskraft die Zeiten überdauert. Auch ohne einen Menschen persönlich zu kennen, kann man durch seine Werke seine geistige Größe verstehen.

Dr. Singh: Existierte nicht die ganze Artenvielfalt von Anfang an?

Śrīla Prabhupāda: Ja. Die Bhagavad-gītā bestätigt, dass alle Arten gleichzeitig erschaffen wurden. Alle Arten von Tieren, Menschen und Halbgöttern existieren seit Beginn der Welt. Ein Lebewesen möchte einen bestimmten Körper, und Kṛṣṇa erfüllt ihm diesen Wunsch. Es hat den Wunsch, in bestimmten Verhältnissen zu leben, und begibt sich deshalb unter den Einfluss der entsprechenden Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Diesen Erscheinungsweisen gemäß erhält es seinen nächsten Körper. Die Kräfte des Geistes, das heißt Denken, Fühlen und Wollen, bestimmen also die Lebensumstände und den Körper des Lebewesens. Es gibt tatsächlich einen Evolutionsprozess, aber es handelt sich dabei nicht um eine Evolution der Arten. Es stimmt nicht, dass sich eine Art aus der anderen entwickelt, denn Kṛṣṇa sagt:

avyaktād vyaktayaḥ sarvāḥ
prabhavanty ahar-āgame
rātry-āgame pralīyante
tatraivāvyakta-saṁjñake

„Immer wenn Brahmās Tag anbricht, treten alle Lebewesen ins Dasein, und bei Einbruch seiner Nacht werden sie wieder vernichtet.“ [Bg. 8.18]

Mit Evolution meinen wir die spirituelle Evolution des Lebewesens durch die verschiedenen Lebensformen. Ein Lebewesen, das sich im Körper eines Fisches befindet, muss Stufe für Stufe die Evolutionsleiter hinaufsteigen. Wenn es dann ganz oben angelangt ist und aus irgendeinem Grund herunterfällt, muss es sich wieder allmählich im Evolutionsprozess nach oben entwickeln. Die Wissenschaftler sind natürlich zu sehr mit ihrer Forschung beschäftigt, als dass sie das verstehen könnten. Wenn man ihnen sagt, dass sie im nächsten Leben Bäume werden, denken sie, man rede Unsinn. Aber was kann man mit Forschung schon herausfinden? Nur wer die Ursache aller Ursachen kennt, kann alles Erkennbare erkennen, und nichts bleibt ihm verborgen. In den Veden heißt es: yasmin vijñāte sarvam evaṁ vijñātaṁ bhavati. Wenn wir die Absolute Wahrheit kennen, enthüllen sich uns auch alle anderen Wahrheiten, und wenn wir die Absolute Wahrheit nicht kennen, befinden wir uns in Unwissenheit. Auch ohne ein öffentlich anerkannter Wissenschaftler oder Philosoph zu sein, kann man jeden zu einer Diskussion herausfordern und unerschrocken das Wort ergreifen – wenn man nur eines kennt: Kṛṣṇa. Was nützen alle Forschungen und Theorien, wenn man nach fünfzehn Jahren erkennen muss, dass das Ganze doch nicht stimmt? Das ist nicht Wissenschaft, das ist Kinderei.

Dr. Singh: Auf diese Weise – durch Forschung – machen sie ihre Erfindungen.

Śrīla Prabhupāda: Aber was ist der Preis für diese Forschung? Ihre Wissenschaft ist ein wissenschaftlicher Vorgang, anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, das ist aber auch alles. Mit anderen Worten: Es ist Betrug. Die Wissenschaftler jonglieren gerne mit Fremdwörtern: Plutonium, Photon, Proton. Aber was nützt das den Menschen? Solche Wortspielereien sind nur dazu gut, die Leute zu verwirren. Wenn es darum geht, ein Problem zu lösen, kommt erst der eine Wissenschaftler mit seinen Erklärungen, und dann kommt ein anderer mit neuen Wortspielereien und neuen Erklärungen zum gleichen Problem. Aber das Problem ist immer noch nicht gelöst. All ihre schönen Worte führen zu keinem echten Fortschritt – nur zu einem Berg von Büchern. Und zu einer Ölkrise; die haben wir ihnen ebenfalls zu verdanken. Was werden diese heuchlerischen Wissenschaftler tun, wenn sie kein Öl mehr haben? Sie sind völlig machtlos angesichts dieser Probleme.

In Indien herrscht gerade Wassermangel, aber was unternehmen die Wissenschaftler dagegen? Es gibt mehr als genug Wasser auf der Welt. Warum bringen die Wissenschaftler es nicht dorthin, wo es dringend benötigt wird und wo Menschenleben auf dem Spiel stehen? Aber sie wollen lieber zum Mond fliegen, um zu versuchen, einen staubigen Planeten fruchtbar zu machen. Warum machen sie nicht zuerst unseren Planeten fruchtbar? Warum bewässern sie mit dem Wasser der Meere nicht die Sahara oder die Arabische Wüste oder die Rajasthan-Wüste? „Ja“, sagen sie, „in der Zukunft. Wir arbeiten daran.“ Voller Stolz verkünden sie immer: „Demnächst, demnächst. Wir haben es fast geschafft.“ In der Bhagavad-gītā heißt es, dass diejenigen, die der Erfüllung unnötiger Wünsche nachjagen, alle Intelligenz verlieren (kāmais tais tair hṛta-jñānāḥ).

Das ganze Mondfahrtprojekt ist kindisch. Die Wissenschaftler, die versuchen, zum Mond zu fliegen, sind wie trotzige, Kinder, die ihre Mutter bedrängen: „Ich will den Mond haben!“ Und wenn die Mutter dem Kind einen Spiegel gibt, in dem sich der Mond reflektiert, ist es sehr stolz und sagt: „Schaut alle her, ich habe den Mond!“ – An dieser Geschichte ist mehr dran, als man denkt.

Karandhara Dāsa: Nach all dem finanziellen Aufwand, nur um ein paar Steine zu holen, haben die Verantwortlichen nun beschlossen, das Programm abzubrechen, da die Mission auf dem Mond erfüllt sei.

Brahmānanda Swami: Jetzt wollen sie zu einem anderen Planeten fliegen, aber es fehlt ihnen an Geld. Solche Raumflüge kosten viele Milliarden Dollar.

Śrīla Prabhupāda: Für solch nutzlose Dinge wird Geld ausgegeben! Die Bürger arbeiten hart und zahlen der Regierung hohe Steuern – aber was passiert mit dem Geld? Es ist unerträglich, wie diese Schurken so viel Geld sinnlos verschwenden! Und nun kommt der nächste Bluff der Regierung: „Macht euch keine Sorgen! Jetzt fliegen wir zu einem anderen Planeten und bringen noch mehr Staub, aber diesmal nicht nur eine Handvoll. Diesmal versprechen wir euch tonnenweise Staub!“

Dr. Singh: Sie nehmen an, dass es auf dem Mars Leben geben könnte.

Śrīla Prabhupāda: Was sie annehmen oder nicht, spielt keine Rolle. Was ist schon damit gewonnen? Auf jeden Fall existiert Leben hier auf der Erde, aber überall gibt es Krieg. Selbst wenn es Leben auf dem Mars gibt – und zweifellos ist dies der Fall –  , was haben wir davon?

Dr. Singh: Sie sind einfach neugierig darauf, wie es dort aussieht.

Śrīla Prabhupāda: Dann geben sie diese Unmengen von Geld nur aus, um ihre kindische Neugier zu befriedigen? Und wenn man sie auffordert, etwas gegen die steigende Armut zu unternehmen, entgegnen sie: „Das geht nicht, wir haben kein Geld.“

Die Wissenschaftler brüsten sich: „Wir waren auf dem Mond. Sind wir nicht großartig?“, doch warum lassen sie sich nicht erklären, wie man nach Kṛṣṇaloka, Kṛṣṇas spirituellem Planeten, gelangen kann? Wenn sie dorthin gingen, würde all ihre Neugierde befriedigt. Sie würden feststellen, dass es jenseits dieser niederen Energie tatsächlich noch eine höhere, spirituelle Energie gibt. Die materielle Energie kann nicht unabhängig wirken, sondern nur in Verbindung mit der spirituellen Energie. Materielle Elemente entstehen nicht aus sich selbst heraus. Die Seele ist die schöpferische Kraft. Wir können mit Materie verschiedene Dinge erschaffen, aber Materie erschafft sich nicht selbst. Wasserstoff und Sauerstoff verbinden sich nur dann, wenn sie von der höheren Energie zusammengebracht werden. Nur Narren glauben, der gesamte Kosmos, der nur aus Materie besteht, sei von selbst entstanden. Was nützt das schönste Auto, wenn kein Fahrer darin sitzt? Solange ein Mensch mit einer Maschine nicht umzugehen weiß und nicht den richtigen Knopf drückt, wird die Maschine nicht funktionieren. Genauso wenig kann die materielle Energie ohne das Zutun der höheren Energie wirken. Hinter dem wunderbaren Kosmos befindet sich die Führung einer höheren Energie. All diese Auskünfte finden sich in den Schriften, aber trotzdem wollen es die Menschen nicht glauben.

Im Grunde ist alles Gottes Eigentum, doch die Menschen beanspruchen Sein Eigentum für sich selbst oder ihr Land. Heutzutage reden sie vom Problem der Überbevölkerung, doch in Wirklichkeit hat Gott für alles in ausreichendem Maße gesorgt. Eigentlich gibt es genügend Land und Nahrungsmittel, wenn man richtig damit umgeht. Die Menschen schaffen nur künstlich Probleme und Konflikte, und die Wissenschaftler helfen ihnen noch dabei, indem sie ihnen alle möglichen Vernichtungswaffen in die Hände liefern. Sie ermutigen nur die Schurken und Halunken, die versuchen, Gottes Eigentum auszubeuten. Wer einem Mörder oder Dieb hilft, wird auch zum Verbrecher. Es gibt heute so viele Probleme auf der Welt, weil die Wissenschaftler die Diebe und Räuber unterstützen. Folglich sind sie alle Kriminelle. Stena eva saḥ: Wer das Eigentumsrecht des Höchsten Herrn nicht anerkennt, ist ein Dieb.

Unsere Aufgabe ist es, diese Halunken zur Vernunft zu bringen. Nun müssen wir herausfinden, wie man das am besten tun kann. Diese Narren leiden, aber weil sie Kinder Gottes sind, sollten sie eigentlich nicht leiden. Sie wissen nichts von Gott und echtem Glück, von Seligkeit und ewigem Leben. Sie forschen ständig weiter und leben fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre lang. Aber sie haben keine Ahnung, was sie danach erwartet. Sie sind sich nicht bewusst, dass das Leben ewig ist. Im Grunde befinden sie sich in der gleichen Lage wie ein Tier. Ein Tier weiß nicht, was nach dem Tod mit ihm geschieht, und es denkt auch nie über den Tod nach. Es kennt weder den Grund seines Daseins noch den Wert und Sinn seines Lebens. Unter dem Einfluss māyās wird das Tier auch weiterhin nur fressen, schlafen, sich verteidigen, sich fortpflanzen und schließlich sterben. Das ist sein ganzer Lebensinhalt. Die Menschen mühen sich so sehr ab, aber wofür? Sie sagen, diese Anstrengungen seien als Vorsorge für die nächste Generation gedacht, aber wem ist wirklich damit geholfen? Die Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein ist dafür bestimmt, dem Leben einen wirklichen Sinn zu geben, indem sie Kṛṣṇa, Gott, in den Mittelpunkt stellt. Es kann daher für die Wissenschaftler nur von Vorteil sein, die Bedeutung dieser Bewegung zu verstehen.